LOGBUCH LXXXV (26. Januar 2026). Von Daniel Zöllner
Das neue Buch von Sebastian Ostritsch spricht über ein Kernthema der sogenannten natürlichen Theologie: die Argumente für die Existenz Gottes, die sich allein mithilfe der Vernunft gewinnen lassen. Doch hat sich das Projekt einer „natürlichen Theologie“ nicht erledigt, seit man in der Neuzeit begann, Glaube und Vernunft fein säuberlich voneinander zu trennen? Seit Blaise Pascal wird häufig der „Gott der Philosophen“ vom „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ unterschieden. So kann man bequem die Wahrheit des Glaubens von der Wahrheit der Vernunft scheiden, Vernunft und Glaube bekommen ihre je eigenen Bezirke und geraten nicht in Konflikt miteinander – scheinbar eine attraktive Lösung, die aber im Gegensatz zur christlichen Überlieferung steht. Denn schon der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer (1,20), Gottes „unsichtbares Wesen“ werde „seit der Schöpfung der Welt, wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen Werken ersehen“. Im Buch der Weisheit (13,1) heißt es ganz ähnlich: „Es waren von Natur alle Menschen nichtig, denen die Gotteserkenntnis fehlte und die an den sichtbaren Gütern den, der da ist, nicht erkennen konnten.“ Diesen Bibelvers hat Ostritsch (in etwas anderer Übersetzung) seinem Buch als Motto vorangestellt.
Das christliche Denken sucht von Anfang an das, was Josef Pieper die „gespannte Fügung“ von Glaube und Vernunft genannt hat. „Fides quaerens intellectum“ („Glaube, der das Verstehen sucht“) – so hat Anselm von Canterbury in den Anfängen der mittelalterlichen Scholastik deren Projekt auf den Punkt gebracht. Anselm konnte dabei an die Vorarbeit der Kirchenväter, vor allem Augustins, anknüpfen. Mit Thomas von Aquin erreichte dieses Projekt dann seinen Höhepunkt. Kenntnisreich widerlegt Ostritsch den aufklärerischen Mythos vom „finsteren Mittelalter“, um erneut den Zugang zu den denkerischen Höhepunkten des Hochmittelalters freizulegen.
Das Denken der Aufklärung bewege sich „nicht nur im Halbdunkel einer vom Glauben getrennten Vernunft, sondern der Ausdruck ‚Vernunft‘ hat aufgrund der im 18. Jahrhundert aufkommenden Gottferne eine im Vergleich zu Antike und Mittelalter neue und andere Bedeutung gewonnen.“ An dieser Stelle verweist der Autor auf Eric Voegelins Essay Realitätsfinsternis, eine fulminante Aufklärungskritik, die, wie Ostritsch zutreffend resümiert, in die folgende Erkenntnis mündet: „Die moderne Auffassung von ‚Vernunft‘ besteht im freien Systementwurf, der sich keiner ‚ersten Realität‘ mehr verpflichtet fühlt.“ Daß gerade die sogenannten Aufklärer, die sich selbst als Lichtbringer verstanden, einer „Realitätsfinsternis“ Vorschub leisteten, ist zweifellos eine provokante These, die aber bei Voegelin in konkreten Textanalysen belegt wird.
Für Ostritsch liegt ein möglicher Weg, der über das Zeitalter der Aufklärung hinausführen würde, in der Rückbesinnung auf die Gottesbeweise des Thomas von Aquin. Wenn es gelingt zu zeigen, daß die Erkenntnis Gottes mithilfe der Vernunft möglich ist, wäre der Grundstein einer Synthese von christlichem Glauben und Vernunfterkenntnis gelegt. Doch hat der Aufklärer Immanuel Kant diesen Weg nicht ein für allemal ausgeschlossen, als er den Lesern der Kritik der reinen Vernunft einschärfte: „Der kritische Weg ist allein noch offen“? Der „kritische Weg“ Kants scheint die „fünf Wege“ des Thomas von Aquin zu ersetzen; an die Stelle der Gotteserkenntnis durch die Vernunft tritt dann die kritische Selbstbescheidung der Vernunft auf das, was sie selbst in sich trägt und hervorbringt. Jeder Schluß aus der Immanenz der Sinneswahrnehmung und der menschlichen Vernunft auf den transzendenten Gott ist, wenn man Kant folgt, ausgeschlossen.
Eine zentrale Divergenz zwischen Kant und Thomas von Aquin liegt in der jeweiligen Erkenntnistheorie: Kants „transzendentaler Idealismus“ steht dem Realismus Thomas’ gegenüber. Während sich für Kant die erkannten Dinge nach der menschlichen Vernunft richten, ist Erkenntnis für Thomas von Aquin stets wirklichkeitsgesättigt und muß sich dem erkannten Ding, der objektiven Wirklichkeit angleichen. Diese erkenntnistheoretischen Grundlagen werden bei Ostritsch leider nur kurz gestreift. Thomas vertrete einen „Realismus des gesunden Menschenverstands“.
Zugleich ist Thomas jedoch durchdrungen von dem Bewußtsein, daß das menschliche Denken und Sprechen angesichts von Gott an seine Grenzen gerät: „Denn Gott, davon ist Thomas überzeugt, übersteigt alles, was wir von unserem eigenen endlichen und unvollkommenen Sein her kennen. Einblick in das Wesen Gottes ist uns daher versagt.“ Dennoch kann man – Thomas zufolge – mithilfe negierender Aussagen und analogischer Rede Aussagen über Gott treffen. Gottesattribute wie Singularität, Unveränderlichkeit und Immaterialität werden Gott im Rahmen einer „negativen Theologie“ zugesprochen: Sie negieren Eigenschaften wie Vielheit, Veränderung und Materialität, die wir aus der Erfahrung kennen. Andere Gottesattribute wie Güte und Weisheit sind als analogische Gottesrede zu verstehen: Wir „extrapolieren […] aus den Bedeutungen von Güte und Weisheit, wie wir sie vom Menschen her kennen, auf die alle menschlichen Maße übersteigende Güte und Weisheit Gottes.“ Doch Negation und Analogie ermöglichen nur dann gültige Aussagen über Gott, wenn wir uns bewußt sind: Gott ist stets größer als das, was wir von ihm erkennen und über ihn aussagen können.
Jeder der „fünf Wege“, also jeder der fünf Gottesbeweise, die Thomas in der Summe der Theologie entfaltet, läßt jeweils unterschiedliche Aspekte des göttlichen Seins erkennen, ohne dieses jemals zu erschöpfen. „Jeder der fünf Wege enthüllt Gott nur unter einem bestimmten Aspekt. Der zu beweisende Gott gleicht damit einem Berg, den wir auf verschiedenen Routen erklimmen können, wobei jeder Pfad zum Gipfel uns nur eine bestimmte Seite des Berges offenbart.“ Und auch wenn sich aus den „fünf Wegen“ schließlich ein Gesamtbild ergibt, in das sich die traditionellen Gottesattribute sehr gut einfügen, bleibt das Wesen Gottes letztlich unerschöpflich tief und unerkennbar.
Die ersten drei Beweise gelten seit Kant als „kosmologische Beweise“ – oder, wie man vielleicht zutreffender formulieren könnte: „kosmologische Argumente“ für das Dasein Gottes. Sie schließen vom sinnlich wahrnehmbaren Kosmos auf dessen erste Ursache, von der Schöpfung auf den Schöpfer, von den Werken auf den Werkmeister. Dabei hat jeder der drei kosmologischen Wege etwas andere Schwerpunkte: Der erste Beweis geht von der Wirklichkeit der Veränderung aus und schließt von dort auf einen ersten, „unbewegten Beweger“, ein Seiendes, das „reine Aktualität“ (actus purus) ohne jede Beimischung von Potentialität ist. Schon am Ende der Darstellung des „ersten Weges“ leitet Ostritsch zentrale göttliche Eigenschaften wie Allmacht und Allwissenheit aus dem Begriff des „unbewegten Bewegers“ ab. Aus dem Gottesbegriff des actus purus ergeben sich nach Ostritsch weitere Gottesattribute wie Singularität, Unveränderlichkeit, Immaterialität, Transzendenz und Ewigkeit. Insofern Gott als actus purus keine unverwirklichten Potenziale in sich trägt, sei er auch vollkommen und absolut gut. Diese Herleitungen Ostritschs sind überzeugend, auch wenn sie über das hinausgehen, was Thomas von Aquin in der Summa ausführt.
Bei Thomas’ „zweitem Weg“ geht es nicht länger um die Ursachen der Veränderung, sondern um die Frage, was die Ursache für die Existenz einer Sache ist. Da nichts Ursache seiner selbst sein kann, bleiben nur die beiden Möglichkeiten, entweder eine ins Unendliche reichende Kette von Ursachen oder eine erste, ihrerseits unverursachte Ursache anzunehmen. Für wesenhafte Abhängigkeitsverhältnisse, also Verhältnisse, in denen das Dasein der Wirkungen in jedem Moment von den Ursachen abhängt, läßt sich die Möglichkeit eines infiniten Regresses ausschließen. Denn eine ins Unendliche reichende Ursachenkette hätte zur Folge, daß nichts existierte. Da aber erwiesenermaßen etwas existiert, ist der Schluß auf eine unverursachte erste Ursache nach Thomas zwingend.
Der dritte Beweis geht aus von der Kontingenz, also der Möglichkeit des Seienden, nicht zu sein: Damit überhaupt etwas ist, muß es nach Thomas über das Kontingente hinaus etwas Notwendiges als Ursache des Kontingenten geben.
Der „vierte Weg“ erfolgt über die Attribute des Seienden: Das Gute, Wahre, Edle und das Sein tritt in Abstufungen auf, es gibt davon ein Mehr und Weniger. Die genannten Begriffe gehören zu den Transzendentalien, sie sind so allgemein, daß sie auf alles Seiende zutreffen. Am Ende dieser kurzen Einführung in wesentliche Prinzipien scholastischer Metaphysik steht die Schlußfolgerung: „Alles, was mehr oder weniger gut, mehr oder weniger vollkommen, mehr oder weniger wahr und mehr oder weniger seiend ist, verweist auf eine Ursache, die maximal gut, maximal vollkommen, maximal wahr und maximal seiend ist. Dass dies eine treffende Umschreibung dessen ist, was alle ‚Gott‘ nennen, dürfte außer Frage stehen.“
Der fünfte und letzte Weg des Thomas von Aquin nimmt die zweckmäßige, geordnete Einrichtung des Universums zum Ausgangspunkt und führt zu dem Schluß: „Die Existenz zielgerichteter natürlicher Tendenzen bleibt unverständlich, solange wir nicht ein vernünftiges Wesen annehmen, das die Welt im Ganzen so eingerichtet hat, dass wir an ihr diese zweckmäßige Ordnung beobachten können.“
Im letzten Kapitel seines Buches („Wissen – Glauben – Sehen“) faßt Ostritsch die gewonnenen Resultate zusammen und beleuchtet erneut das Verhältnis von Glaube und Wissen. Wenn die Beweise des Thomas korrekt seien, stehe an ihrem Ende kein Glaube, sondern das Wissen darum, daß Gott existiert. Damit gehören die Gottesbeweise nicht selbst zur Glaubenslehre, wohl aber zu den sogenannten praeambula fidei („Vorstufen des Glaubens“). Sie führen hin zu den konkreten Inhalten des christlichen Glaubens wie Trinität, Menschwerdung und Auferstehung.
Indem Ostritsch den Gegenargumenten Kants und anderer moderner Philosophen immer wieder Raum gibt, kann sein Buch den Anspruch erheben, nach dem Zeitalter der Aufklärung die natürliche Theologie auf ein neues Fundament zu stellen – oder zumindest eine Erneuerung des scholastischen Projektes anzustoßen. Dabei ist es ein großes Verdienst Ostritschs, daß seine Darstellungen trotz schwieriger Gedankengänge stets gut lesbar und verständlich sind. Auch wenn viele geistige Höhenmeter zu bewältigen sind, geschieht dies mit einer erstaunlichen Leichtigkeit.
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