Das Ende des Dornröschenschlafes – Der Krieg in der Ukraine, die deutsche Sicherheitspolitik und eine christlich-realistische Friedensethik

LOGBUCH XXVIII (15. April 2022). Von Christoph Rohde


Mit dem vollzogenen Einmarsch Rußlands in der Ukraine ist der Glaube an eine sukzessive Ausweitung der Friedenszonen weltweit in der deutschen Öffentlichkeit   massiv erschüttert worden. Zu sehr hatte man darauf vertraut, daß der Frieden der naturgegebene Zustand sei, der im 21. Jahrhundert zumindest in Europa herrschen werde; die Friedensdividende nach Ende des Kalten Krieges wurde abgeschöpft, indem die Bundeswehr stark verkleinert und als vor allem für Auslandseinsätze geeignete Truppe umstrukturiert wurde. Doch für realistische Beobachter der Geschichte und Politik ist die Rückkehr eines territorialen Großkonflikts in Europa keine Überraschung, sondern entspricht der historischen Logik eines transepochal wirksamen Mächtegleichgewichtssystems.

Auch Vertreter eines christlich-realistischen Menschenbildes gehen davon aus, daß es in der gefallenen Welt keinen linearen Weg hin zu einem menschengemachten Frieden gibt. Christliche Denker wie der Kirchenvater Augustinus oder Martin Luther glaubten, daß es diesseits des Reiches Gottes, in der Weltimmanenz, eine mit einer Zwangsgewalt ausgestattete Exekutive geben müsse, die inneren und äußeren Frieden zu garantieren habe. Für Jesus Christus und den Apostel Paulus gab es die beiden Loyalitäten des Individuums: jene als gläubiger Mensch und jene als Bürger eines Gemeinwesens. Der menschliche Egoismus, besonders in kollektiver Form durch imperialistisch agierende Staaten ins Werk gesetzt (Rohde 2015, S. 88 f.), erfordert für christliche Realisten die Herstellung und Aufrechterhaltung der eigenen Verteidigungsfähigkeit (Rohde 2021).


Die große Hoffnung auf den Sieg des liberalen Friedens

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat aus Sicht des Westens nur historische Gewinner hervorgebracht. Das Ende der Geschichte, von Francis Fukuyama in euphorischem Überschwang postuliert, ist jedoch nicht eingetreten. Das Jahr 1990 bedeutete nicht den Sieg des globalen Vormarsches der liberalen Demokratien. Ethnische und religiöse Konflikte brachen hervor, als der Schirm des Kalten Krieges zusammengeklappt war. Terrorismus und neue Formen hybrider Kriege schienen das historisch lange vorherrschende Phänomen zwischenstaatlicher Kriege zu ersetzen. Die Staaten des Westens und insbesondere Westeuropas schöpften die Friedensdividende ab, die durch das Ende der sowjetischen Bedrohung freigeworden war. Doch die von den USA unangefochten dominierte Welt wurde im neuen Millennium nicht nur durch das apokalyptische Ereignis vom 11. September 2001 getroffen; die vom Schock getriebene Antwort der USA mit ihrem Krieg gegen den Terror führte zu politischen Fehlentscheidungen der Supermacht, die durch militärische Interventionen in Afghanistan seit 2001, im Irak seit 2003 und in Libyen seit 2011 zur Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens und zu einer Fehlverteilung der intervenierenden Verbände führte.

Rußland als geschwächter Nachfolgestaat der Sowjetunion machte zahlreiche machtpolitische Zugeständnisse an den Westen und so auch an Deutschland; der friedliche Truppenabzug von 300000 Sowjetsoldaten aus der ehemaligen DDR gegen eine Entschädigung von 15 Milliarden DM war ein unglaublicher Verhandlungserfolg (vgl. Zelikow/Rice 1999). Michael Gorbatschow geriet aufgrund der Preisgabe der sowjetischen Einflußsphäre bereits kurzfristig unter Druck militaristischer Kreise. Sein schwacher Nachfolger Boris Jelzin ließ die Privatisierung der Rohstoffindustrie zu, die die berüchtigte Oligarchenstruktur entstehen ließ. Es war Vladimir Putin, der dieser Privatisierung ein Ende setzte und Rußlands Zugriff auf seine Rohstoffquellen wiederherstellte.


Historische Niederlagen führen zu revisionistischen Ambitionen

Revisionistische Mächte wie das wirtschaftlich rasant aufsteigende China sowie das militärisch wiedererstarkte Rußland erkannten die zunehmende Schwäche des Westens, die auf den Unwillen der Nationen zurückzuführen war, sich nach den gescheiterten Demokratisierungsinitiativen weiter international zu engagieren. In Syrien und anderen Ländern, die vom sogenannten Arabischen Frühling betroffen waren, ermutigten westliche Nichtregierungsorganisationen den Widerstand liberaler Kräfte gegen die Regierenden, ohne dazu notwendige Mittel zur Verfügung zu stellen. Gerade der syrische Präsident Assad schlug mit Hilfe Rußlands und Irans die oppositionellen Kräfte in brutaler Weise nieder. Doch diese oppositionellen Kräfte bestanden großteils aus Islamisten. Insgesamt muß attestiert werden, daß die westlichen Versuche der Demokratieverbreitung die „Hölle der besten Absichten“ (Walt 2019) darstellten. Das Resultat war die Erosion der vorübergehend stabil wirkenden internationalen Ordnung, eine „Weltunordnung“ (Masala 2019).

Die Russen, ermutigt vom gestärkten Einfluß in Syrien, nahmen jedoch wahr, daß westliche Kräfte auch in ihrem geopolitischen Umfeld die Strategie des Regime Change forcierten. Der latent unterstützte Sturz des prorussischen Präsidenten der Ukraine Viktor Janukowitsch nach den Maidan-Unruhen zu Beginn des Jahres 2014 führte Vladimir Putin zu der Überzeugung, daß er sich nicht auf bestehende Verträge in Bezug auf die russische Schwarzmeerflotte auf der Krim würde verlassen können. So schuf er durch die Besetzung der Krim im Frühjahr 2014 und die Unterstützung der Gründung der „Donbaß-Republiken“ Donezk und Luhansk geopolitische Fakten. Die Regime-Change-Agenda der westlichen Politik hat in zahlreichen autoritären Staaten zu einer wachsenden Mentalität des Mißtrauens und des Widerstandes gegen die westliche Politik geführt. Aus der Ambition westlicher Staaten, autoritäre Staaten zu stürzen, leiten Despoten wie Assad oder Putin die Rechtfertigung ab, ihre Ziele auch mit kriegerischen Mitteln durchzusetzen und diese Angriffskriege, die zur legitimen Selbstverteidigung erklärt werden, mit brutalsten Mitteln zu exekutieren.


Putins Abweisung und seine Hinwendung zur Identitätspolitik

Daß die Russen aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem napoleonischen und Hitlerschen Imperialismus sensibel auf sicherheitspolitische Entwicklungen reagieren würden, war allerdings voraussehbar. Daß die verschiedenen Stufen der NATO-Osterweiterung von dem geschwächten Rußland als Verstoß gegen die Verabredungen über eine postsowjetische Weltordnung empfunden werden konnten, darauf verwiesen nur wenige Beobachter der geopolitischen Szene wie der Chicagoer Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer. Mearsheimer sprach davon, daß der Westen gegenüber Rußland „mit dem Feuer gespielt“ habe. Die Stationierung von Raketenabwehrsystemen in Polen und Rumänien habe die atomare Zweitschlagsfähigkeit der Russen unnötig in Frage gestellt. Henry Kissinger zeigt, daß die Ukraine als untrennbarer Teil der russischen Geschichte und Identität betrachtet wird (Kissinger 2014, S. 65). Auch Klaus von Dohnanyi wies in seinem unlängst veröffentlichten Buch darauf hin, daß die NATO-Osterweiterungen eine Gefahr für die europäische Friedensordnung seien (von Dohnanyi 2022, S. 90-97). Unabhängig von solchen Aspekten der europäischen Sicherheitsarchitektur, war das Souveränitätsverlangen und der Freiheitswille der dem einstigen Sowjetreich unterworfenen Völker ein Faktor sui generis, dem die Anerkennung schwerlich zu verwehren ist.

Seit er sich als gleichberechtigter Akteur abgelehnt fühlte, entwickelte sich Vladimir Putin zunehmend zu einem Antagonisten des Westens. Unverhohlen wandte er sich in seiner berüchtigt gewordenen Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007 gegen die Dominanz der USA in den internationalen Beziehungen und plädierte für eine multipolare Ordnung. Die Tatsache, daß er sich ein Umfeld von Jasagern schuf, das neoimperiale russische Ambitionen verband, führte zu einer Radikalisierung und Ideologisierung des russischen Diskurses. Der konservativrevolutionäre Denker Iwan Iljin hat eine ganze Generation von revisionistischen Hardlinern in Putins Umfeld geprägt (Snyder 2019).

In der westlichen Öffentlichkeit, die sich als liberal versteht, stößt diese Argumentation auf harsche Kritik. Eine geopolitisch argumentierende Politik sei unmoralisch und exkulpiere die Aggressoren und Schurken der Weltbühne. Daß das Bild von der fortschreitenden Demokratisierung der Welt möglicherweise lediglich kulturell bedingt und keineswegs universell gültig sein könnte, darauf wollten sich die Anhänger einer zentralistischen „global governance“ nicht einlassen. Ihr Vertrauen in internationale Institutionen und das Völkerrecht vernachlässigte die Tatsache, daß es Akteure in der Weltpolitik gab, die diese normative Struktur als Fessel empfinden könnten. Das Völkerrecht aber kann als Kodifizierung der Interessen der arrivierten Mächte und als deren selektiv eingesetztes Werkzeug betrachtet werden (Rohde 2004, S. 347 f.) und wird deshalb von revisionistischen Mächten in seiner Gültigkeit in Zweifel gezogen.


Die Schwächen des „werteorientierten Liberalismus“

Die außenpolitischen Eliten des Westens fühlen sich durch Putins Kriegspolitik in ihrer Weltanschauung bestätigt: Es sind bösartig handelnde Autokraten, die gegen das internationale System, geleitet von Regeln und Rechtsverpflichtungen, verstoßen und jegliche Maßstäbe humanen Handelns über Bord werfen. In dieser Argumentation wird darauf geachtet, daß die Regierungen die Verantwortung für das aggressive außenpolitische Handeln tragen, nicht jedoch die Bevölkerungen, die in nicht-demokratischen Staaten eben unter den Autokraten zu leiden haben.

Doch so gerechtfertigt die Einteilung der Welt in gute und böse Akteure in personaler Hinsicht in einigen politischen Konstellationen auch sein mag, so gefährlich können die Implikationen sein, die sie in der weltpolitischen Arena zeitigt. Denn der gute Akteur fühlt sich berechtigt, das Böse kompromißlos zu bekämpfen. Diese weltanschauliche Komponente verunmöglicht strategisch häufig notwendige Kompromisse, die auch moralische Zugeständnisse erfordern. Die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation etwa verlängerte den Zweiten Weltkrieg und führte zu einem prolongierten Leiden.

Die Dämonisierung des Gegners ist emotional und moralisch in zahlreichen historischen Situationen durchaus nachvollziehbar. Im Falle des Ukraine-Krieges scheint es aber enorm wichtig, dem russischen Präsidenten einen gesichtswahrenden Ausweg zu erlauben und auf eine Demütigung Rußlands zu verzichten, um überhaupt zu einer tragfähigen Lösung zu gelangen. Dies tat Bismarck nach dem Sieg gegen Österreich in Königgrätz im Jahre 1866, als er auf Kaiser Wilhelm einwirkte, auf einen Triumphzug durch Wien zu verzichten. Ein westlicher Triumphalismus würde die globale Spaltung zwischen der westlichen Allianz und den Vertretern multipolarer Ansätze drastisch verschärfen. Im schlimmsten Falle könnte Putin, in die Enge getrieben, den Einsatz von Nuklearwaffen befehlen. Dennoch sind Waffenlieferungen an die sich verteidigende Ukraine auch aus christlich-realistischer Sicht zu rechtfertigen.


Die Rolle der christlichen Kirchen im Ukraine-Konflikt

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Papst Franziskus als Vermittler im Krieg vorgeschlagen und zu einem Besuch nach Kiew eingeladen (https://www.domradio.de/artikel/wie-koennte-der-papst-im-ukraine-krieg-vermitteln). Damit setzt er seine Hoffnung auf die einflußreiche Rolle der katholischen Kirche in Friedensprozessen, die diese seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und besonders unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. eingenommen hat (Rohde 2021, S. 235 ff.).

Eine traurige Rolle spielt hingegen der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., der sich als staatshörig im Sinne Rußlands erweist. Damit nimmt die russische Staatskirche eine fragwürdige Haltung ein, die an das Agieren des deutschen Protestantismus im frühen 20. Jahrhundert erinnert (Gailus 2021). Versuche aus der Richtung anderer christlicher Konfessionen, die russisch-orthodoxen Richtungen zu einer Änderung ihrer Einstellung zu bringen, trugen bisher keine Früchte. Deshalb ist der vorbildliche Einsatz vieler Christen zur Milderung der humanitären Folgen des Krieges, der aus individueller Überzeugung erfolgt, der vielversprechendste Weg, um dessen Folgen ein wenig zu mildern.


Rußlands Invasion war ein klassisches Eigentor

Was Putin befürchtet hat, hat er indes selber heraufbeschworen. Die künftige Aufrüstung der NATO an seiner Ostflanke ist das Resultat seiner Intervention in der Ukraine. Rußland ist zu einem international geächteten Staat geworden, der das „Gegen-Balancing“ anderer Mächte heraufbeschworen hat. Dazu hat die statische Form der russischen Kriegführung den Ruf einer schlagkräftigen modernen Armee weitgehend ruiniert. Putin glaubte vermutlich, mit Hilfe der monatelangen Formierung der Truppen an der ukrainischen Grenze einen kurzen, effektiven Militärschlag vorbereiten zu können. Doch er mußte die Unberechenbarkeit des Krieges einsehen lernen, von der der große Militärphilosoph Carl von Clausewitz in seinem berühmten Werk Vom Kriege sagte: „Im Kriege mehr, als irgend sonstwo in der Welt, kommen die Dinge anders, als man sich es gedacht hat, und sehen in der Nähe anders aus als in der Entfernung. […] Im Kriege befindet sich der Führer eines großen Ganzen im beständigen Wellenschlag von falschen und wahren Nachrichten; von Fehlern, die begangen werden; von Widerspenstigkeiten, die ihm gezeigt werden; von Zufällen, an die kein Mensch gedacht hat […].“

Die besondere Schwäche der Russen zeigte sich im Bereich der Führungsfähigkeit, wie Oberst Sandtner vom österreichischen Bundesheer herausstrich. Russische Kommandanten führten von vorne, weil sie ihren Untergebenen nicht wirklich vertrauten und die schlechte Moral der Truppe zu heben versuchten. Mindestens fünf von zwanzig eingesetzten russischen Generälen sind bereits gefallen. Die von den Russen verwendeten Kommunikationsmittel waren leicht abzuhören. Die Satelliten- und Luftaufklärung der NATO („signal intelligence“) erlaubte es, Standorte russischer Truppenteile und leitender Personen zu identifizieren (Sandtner 2022) und taktische Siege zu erreichen, die in ihrer Summe einen russischen Strategiewechsel erzwangen.

Der partielle Rückzug aus der Gegend von Kiew, unter anderem nach der Niederlage von Hostomel, und die Umgruppierung der Truppen nach einem Monat der Invasion sind ein klares Eingeständnis, daß der ursprüngliche Plan der raschen Besetzung und des Regimesturzes gescheitert ist. Dazu kommt der Verlust des Raketenkreuzers Moskwa am 14. April 2022.

Die grausame Rache für das militärische Scheitern

Die Antwort der Russen auf den unerwarteten und hartnäckigen Widerstand bestand aus einem Rückzug nach dem Prinzip der verbrannten Erde. Daß nun zahllose Kriegsverbrechen wie in der Stadt Butscha sowie gezielte Tötungen von Zivilisten – allein in der Gegend von Kiew wurden bis Mitte April über 1200 Opfer gezählt – ans Licht kommen, stempelt Rußland weltweit zu einem Pariastaat. Daß Putin ausgerechnet den Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow, der auch als auch als „Bluthund Putins“ bezeichnet wird und barbarischen Terror verbreitet, in der Region Kiew eingesetzt hat (Eßer 2022), zeigt das zynische Kalkül des Kremlführers, mit Hilfe der menschenverachtenden Kriegführung den Widerstandswillen der Ukrainer zu brechen. Angeblich hat die Einheit Kadyrows im Kampf um die strategisch bedeutsame Stadt Mariupol Giftgas eingesetzt. Damit wäre sogar eine rote Linie überschritten, die zu einem direkten Eingreifen der NATO führen könnte.

Zu den Kriegsverbrechen der Russen gehört auch der Raketenbeschuß ziviler Ziele wie des Bahnhofs von Kramatorsk, wo mehr als fünfzig Zivilisten ums Leben kamen. Putins „syrischer Schlächter“ Alexander Dwornikow soll dafür sorgen, daß wenigstens das strategische Minimalziel der Russen erreicht wird. Dieses besteht in der Konsolidierung der Gebietsgewinne in der Donbaß-Region und am Schwarzen Meer, so daß ein Landzugang von Rußland zur Krim erreicht wäre. Die Reduzierung der strategischen Ziele zeigt, daß es der selbsternannten Großmacht nur noch darum geht, den militärischen Schaden dieser höchst verlustreichen Intervention zu minimieren.

Die massiven Wirtschaftssanktionen des Westens tragen dazu bei, daß der Großmachtstatus Rußlands mittelfristig nicht mehr zu halten sein wird. Die ökonomische und demographische Schwäche sowie die Unattraktivität des autokratischen Gesellschaftsmodells beschleunigen den Niedergang noch erheblich. Daß Putin am 9. Mai 2022, dem Tag des Sieges im Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland, vor der russischen Öffentlichkeit einen Propagandaerfolg gegen die „Nazis der Ukraine“ feiern will, gilt für zahlreiche Rußland-Kenner als ausgemacht. Sogar dem Westen muß daran liegen, ihm die völlige Demütigung zu ersparen, die ihn in der nuklearen Option den letzten Ausweg zur Gesichtswahrung sehen ließe.


Lehren für die Zukunft der großen Mächte

Der Politikwissenschaftler Hans Joachim Morgenthau, in Coburg geborener Jude, der die erste Theorie der internationalen Politik formulierte und in den USA zu großer Prominenz kam, sah in der „nationalen Moral“ jenen Faktor, der über Sieg und Niederlage in einem bewaffneten Konflikt entscheide (Rohde 2004, S. 53 ff.). Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit Beginn des Prozesses der Entkolonialisierung, ist es großen Mächten nicht mehr gelungen, mit Bodentruppen widerständige Nationen zu erobern und ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen. Im französischen Scheitern in Vietnam (Niederlage von Dien Bien Phu 1954) und in Algerien, im Scheitern der USA ebenfalls in Vietnam und im sowjetischen Scheitern in Afghanistan zeigte sich in ähnlicher Weise, daß sich mit exzessiver Gewaltanwendung die Moral einheimischer Völker nicht brechen läßt. Kolonialmächte oder Interventionsmächte haben im 20. Jahrhundert die Fähigkeit verloren, fremde Territorien dauerhaft zu beherrschen.

Dieses Phänomen wird im Kampf um die Ukraine in beeindruckender Weise sichtbar, wenn die einheimische Bevölkerung nicht nur mit Hilfe von High-Tech-Waffen, die ihr befreundete Mächte liefern, Widerstand leistet, sondern sich auch mit einfachsten Mitteln zur Wehr setzte, etwa indem sie Molotow-Cocktails baut und Sabotageakte durchführt. Das Land scheint faktisch nicht besiegbar. Der Versuch der letzten multiethnischen Supermacht Rußland, mit Gewalt seine Einflußsphäre zu erhalten, ist gescheitert.

Indes ist auch das doppelbödige Konzept der westlichen Idee humanitärer Interventionen mit dem Ziel des Sturzes von Autokraten gescheitert. Doppelbödig, da humanitäre Interventionen in der Regel nur dann durchgeführt werden, wenn materielle Interessen wie die Rohstoffversorgung eine wichtige Rolle spielen. Aber auch wenn mit Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi Autokraten gestürzt werden konnten, die die Menschenrechte verachteten, sind diese Länder heute in weit schlechterem Zustand, als sie das vor den westlichen Interventionen waren. Auch die selbsternannten Guten konnten die fremden Völker ihrem gesellschaftspolitischen System nicht dauerhaft unterwerfen; oft genug stifteten sie mehr Anarchie als Ordnung.


Der russische Überfall auf die Ukraine hat kurzfristig die Einigkeit unter den NATO-Mitgliedern gestärkt. Für manche Nostalgiker wird dadurch das Modell des demokratischen Interventionismus nach zahlreichen Niederlagen rehabilitiert. Doch man darf sich nicht täuschen. Weder das mächtige China noch das aufsteigende Indien haben den russischen Angriff auf die Ukraine deutlich verurteilt. Die Weltgeschichte wird nicht mehr vorrangig von den westlichen Mächten geschrieben.

Eine glaubwürdige Wende der deutschen Sicherheitspolitik?

Die Tatsache, daß sich Deutschland nach 1945 fast exklusiv als Zivil- und Handelsmacht verstand und seine Territorialverteidigung sträflich vernachlässigte (Rohde 2021), wird jetzt von den Regierenden zugegeben. In überhasteter Weise wurde ein „Sondervermögen“ für die Bundeswehr auf den Weg gebracht. Der Kauf amerikanischen F-35-Tarnkappenbombern wurde in konzeptloser Weise abgewickelt, um die Amerikaner zufriedenzustellen, von denen Deutschland sicherheitspolitisch mehr denn je abhängig ist. Dazu soll mit dem „Iron Dome“ ein Raketenabwehrsystem eingerichtet werden, das das gegenwärtig existierende „Patriot“-System ablösen soll. Fakt ist, so der ehemalige NATO-General Egon Ramms, daß die Bundeswehr das Land nicht selbständig verteidigen könnte (Ramms 2022). Darüber hinaus ist die Abhängigkeit der deutschen Industrie von russischen Gas-, Öl- und Metallimporten so hoch, daß ein Embargo gegen russische Rohstoffe zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft führen würde – betroffen wären alle wesentlichen Sektoren von der Chemie- über die Stahl- bis zur Autoindustrie und den angeschlossenen mittelständischen Betrieben (Pennekamp 2022).

Doch bevor die heruntergewirtschaftete Bundeswehr technisch wieder verteidigungsfähig gemacht werden kann, muß sich die gesellschaftliche Einstellung zum Thema Verteidigungsbereitschaft und zur Notwendigkeit von Gewaltanwendung in Bedrohungssituationen verändern. Denn laut einer Umfrage aus dem Jahre 2015 sind lediglich 18 Prozent der Bevölkerung bereit, Deutschland im Verteidigungsfall mit Waffengewalt zu verteidigen (Stark 2015).

Der russische Einmarsch in der Ukraine sollte als Weckruf für die saturierten Staaten betrachtet werden. Denn Sicherheit ist nicht der Naturzustand der Welt. Vielmehr – in den Worten des amerikanischen Sicherheitsexperten Joseph Nye jr.: „Sicherheit ist wie Sauerstoff. Man merkt sie nur, wenn sie knapp wird.“ In diesen Zeiten bekundet sich die Weisheit dieser Aussage in ihrer ganzen tragischen Dimension.

Deutschland muß lernen, daß es nicht mehr als Juniorpartner an einem Bündnis teilnehmen kann, sondern seine Sicherheit in der Hauptsache durch eigene Bemühungen sichern muß. Das Zeitalter eines moralisch bequemen Pazifismus ist endgültig vorbei (Rohde 2021, S.  39-42). Für Christen gilt es anzuerkennen, daß die aktive Herstellung von Sicherheit in dieser Welt moralisch nicht ver-, sondern sogar geboten ist. Wer den Frieden will, bereite in einer gefallenen Welt den Krieg vor: Dieses römische Bonmot hat an Relevanz leider nichts eingebüßt.



Literatur:

Clausewitz, Carl von: Vom Kriege. Reinbek: Rowohlt Verlag 1963.

Doyle, Michael: Ways of War and Peace. Realism, Liberalism, and Socialism. New York: Norton 1997.

Eßer, Tobias: Putins „Bluthund“:  Das ist Ramsan Kadyrow. In: Berliner Morgenpost, 11.4.2022.

Gailus, Manfred: Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich. Freiburg i. Br. Herder Verlag 2021.

Masala, Carlo: Weltunordnung. München: Beck Verlag 2019.

Mearsheimer, John J.: Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault. In: Foreign Affairs, Sept./Okt. 2014, S. 1-12.

Pennekamp, Johannes: Forscher warnen vor tiefer Rezession in Deutschland. In: FAZ, 29.3.2022.

Ramms, Egon [im Interview]: „Wäre die Bundeswehr im Ernstfall in der Lage, Deutschland zu verteidigen?“ – „Nein“. In: Die Welt, 2.2.2022.

Rohde, Christoph: Hans J. Morgenthau und der Weltpolitische Realismus. Wiesbaden: Springer 2004.

Rohde, Christoph: Die Geburt des Christlichen Realismus aus dem Geist des Widerstandes. Berlin: Duncker & Humblot 2015 (= Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Bd. 185).

Österreichisches Bundesheer, vertreten durch Oberst Berthold Sandtner: Krieg in der Ukraine: Führungsfähigkeit als entscheidender Faktor [Video]; https://www.youtube.com/watch?v=sV9lzOLjKHU vom 25. März 2022.

Snyder, Timothy: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika. München: Beck Verlag 2018.

Stark, Florian: Nur wenige Deutsche würden für ihr Land kämpfen. In: Die Welt, 24.6.2015.

Von Dohnanyi, Klaus: Nationale Interessen: Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche. München: Siedler Verlag 2022.

Walt, Steven: The hell of good intentions: America’s foreign policy elite and the decline of U.S. primacy. New York: Farrar, Strauss & Giroux 2018.

Zelikow, Philip / Rice, Condoleeza: Sternstunden der Diplomatie: Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Berlin-München: Propyläen Verlag 1999.


Dr. Christoph Rohde, Politikwissenschaftler und Sicherheitscoach, veröffentlichte 2021 im Lepanto Verlag das Buch Das Kreuz und der Krieg. Prämissen einer realistischen katholischen Friedensethik



Abbildung: Gustave Doré, Kreuzigung, Holzstich; Die Heilige Schrift des Neuen Testaments, illustriert v. Gustave Doré, 1867.

 

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