Gibt es eine katholische Moderne? – Zu einer Veröffentlichung von Rocco Buttiglione

LOGBUCH LXXXVIII (2. März 2026). Von Sascha Vetterle

 

Welche Bedeutung hat das Pontifikat von Papst Franziskus? Wie ist das Verhältnis der nachkonziliaren Kirche zur Moderne? Welchen Beitrag kann die lateinamerikanische Theologie für die Weltkirche leisten? Gibt es einen Weg der Modernisierung für Lateinamerika, ohne daß es dabei seine kulturelle und religiöse Seele verliert? Worin liegt der legitime Kern der gegenwärtig global auftretenden Populismen und inwiefern bedürfen diese der Korrektur? Was hat es mit der lateinamerikanischen „Theologie des Volkes“ auf sich und in welchem Verhältnis steht diese zur Befreiungstheologie? Was hat das alles schließlich mit einer gelingenden Globalisierung zu tun? In seinem 2025 in englischer Fassung bei New Polity Press veröffentlichten Buch Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples sucht der katholische Philosoph und christdemokratische Politiker Rocco Buttiglione all diese Fragen zumindest ansatzweise zu beantworten.

Was auf den ersten Blick vermessen klingt, gelingt Buttiglione in einer Weise, die dazu anregt, den verschiedenen Spuren, die er dabei legt, weiter nachzugehen. Damit ist Buttiglione erfolgreich, auch wenn die in steter Regelmäßigkeit auftretenden Wiederholungen bisweilen die Leselust etwas mindern. Man merkt dem Werk dann doch leider zu sehr an, daß es auf einer Reihe von Vorträgen und Essays des Autors aus unterschiedlichen Kontexten basiert. Lesenswert ist es dennoch.

Buttiglione profitiert dabei davon, daß er einige der Protagonisten der – vornehmlich argentinischen – „Theologie des Volkes“ persönlich kennt und an deren Diskussionen in den 1980er Jahren eine Zeit lang selbst teilnahm.  Buttiglione präsentiert die „Theologie des Volkes“ dabei als die genuin argentinische bzw. lateinamerikanische Antwort auf das Zweite Vatikanische Konzil und als Ausdruck des Bemühens der lateinamerikanischen Kirche, zu einer „Quellenkirche“ zu werden, das heißt zu einer Kirche, die nicht nur europäisches Denken spiegelt, sondern ihren ganz eigenen Beitrag zur Theologie vor ihrem eigenen kulturellen Hintergrund leistet. Der Anspruch ist hierbei durchaus auch, die im lateinamerikanischen Kontext vorhandenen logoi spermatikoi aufzufinden und der universalen Gemeinschaft der Kirche zuzuführen, wie dies auf analoge Weise auch die Kirchenväter für die griechisch-römische Kultur getan haben.

In diesem Sinne grenze sich die „Theologie des Volkes“ nicht nur von der in Europa und speziell Deutschland dominierenden „säkularen Theologie“ ab, die Theologie vor dem Verstehenshorizont des durchsäkularisierten westlichen Menschen – und damit letztlich ohne Bezug zu Gott – zu betreiben sucht, sondern auch von jener Spielart der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, die Anleihen beim Marxismus macht und damit just denselben säkularisierten europäischen Verstehenshorizont voraussetzt.

Bezugspunkt der „Theologie des Volkes“ ist demgegenüber die lateinamerikanische Volksfrömmigkeit, wie sie ihren Ausgangspunkt in der Marienerscheinung von Guadalupe hat. Für Lateinamerika stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, wie Modernisierung gelingen könne, ohne den eigenen kulturellen und damit letztlich religiösen Charakter zu verlieren. Das so verstandene Volk ist demnach eine sowohl kulturelle als auch politische Gemeinschaft, die sich um ein nicht nur oberflächlich begriffenes Gemeinwohl sammelt und von der sich all jene selbst aussondern, die nur ihren Eigennutz verfolgen. Diese seien aber deshalb nicht im Sinne einer marxistischen Revolution zu eliminieren, sondern auf dem Weg des Dialogs zu reintegrieren.

Besondere internationale Aufmerksamkeit verdient die „Theologie des Volkes“ natürlich aufgrund ihrer engen Verbindung mit Papst Franziskus, der auch eine Einführung zu Buttigliones Buch beisteuerte. Einige Schwerpunkte von dessen Pontifikat werden besser nachvollziehbar, wenn man um deren Verankerung in der „Theologie des Volkes“ weiß – und darum, welche Rolle die innenpolitische Lage Argentiniens in den 1970er für deren Entwicklung Jahren spielte.

Wie Buttiglione aufzeigt, heißt dies jedoch mitnichten, daß die „Theologie des Volkes“ nur für einen sehr beschränkten zeitlichen und räumlichen Bereich relevant wäre, dem sie lediglich aufgrund des Umstandes, daß einer ihrer Vertreter den Stuhl Petri bestieg, zeitweise entkommen konnte. Buttiglione macht vielmehr deutlich, daß er große Hoffnungen auf die „Theologie des Volkes“ setzt, und zwar im Hinblick auf eine positivere Gestaltung der Globalisierung. Wie das?

Entscheidend hierfür ist ein Gedanke des italienischen Philosophen Augusto Del Noce – seines Zeichens Doktorvater Buttigliones –, der die Vorstellung einer einzigen Moderne verwarf und von verschiedenen „Modernen“ sprach – daher der Titel des Buches.

Eine dieser „Modernen“ nimmt ihren Ausgangspunkt bei René Descartes und der von ihm entwickelten modernen wissenschaftlichen Methode mit ihrem exklusiven Fokus auf die Wirk- und Materialursachen, die auf eine Welt blickt, welche angefüllt ist mit Objekten. Diesem Blick verdankt die Menschheit die enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritte der letzten Jahrhunderte wie auch, so Buttiglione – vermittelt durch den Kapitalismus –, enorme Produktivitäts- und Wohlstandssteigerungen. Die Schattenseiten sind jedoch Umweltzerstörungen unfaßbaren Ausmaßes sowie eine voranschreitende Entfremdung des Menschen. Diese rührt daher, daß sich auch die Menschen unter diesem spezifischen Blick, den Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si’ als technokratisches Paradigma beschrieben und kritisiert hat, immer mehr selbst als Objekte behandelt erfahren.

Diese Moderne wird von den Vertretern der „Theologie des Volkes“ als „angloamerikanisch“ bzw. protestantisch und säkular bezeichnet. Von dieser Moderne sei eine andere Moderne zu unterscheiden – eine Unterscheidung, die Buttiglione selbst als zu grob bemängelt. Die Vertreter der „Theologie des Volkes“ sprechen von einer „katholischen Moderne“, deren Ausgangspunkt die Entdeckung Amerikas und die Konfrontation mit dem „ganz anderen“ in der Gestalt des Indios sei, wie sie sich spirituell in der Marienerscheinung von Guadalupe konzentriere, in welcher die Gottesmutter äußerlich Anleihen bei einer Indiogottheit genommen habe.

Diese Konfrontation mit dem Indio habe die Frage aufgeworfen, ob dieser „andere“ auch wahrer Mensch mit derselben Würde sei. Die „katholische Moderne“ habe ausgehend von Bartolomé de Las Casas und der Schule von Salamanca diese Frage mit Ja beantwortet und damit – anders als die „technokratische Moderne“ – den Fokus auf das Subjekt und den Grundstein für einen lateinamerikanischen Personalismus gelegt. Die Offenheit für das andere, das Unerwartete, die sich aus einer wesentlich als Komplexität begriffenen Moderne ergibt – letztlich auch das Wunder und die Gnade – spiegle sich kulturell im Barock als der, so Buttiglione, ersten modernen Kultur. Romanische Kirchen in ihrer horizontalen Ausrichtung auf den Altar stünden für den Strom der Geschichte, der sich auf Christus bzw. dessen Wiederkunft zubewege. Gotische Kirchen hätten die Vertikale hinzugefügt und damit das unmittelbare Stehen des einzelnen vor Gott. Die Barockkirchen mit ihren Seitenkapellen verkörperten schließlich die Vielfalt der Völker und Kulturen mit ihren je eigenen Wegen zu Christus.

Im Widerstreit zwischen „protestantischer“ und „katholischer Moderne“ habe sich im 17. und 18. Jahrhundert erstere durchgesetzt. Als Folge davon habe die katholische Kirche sich in der Vormoderne eingeschlossen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe sodann eine neue Tür geöffnet, nicht – wie von Liberalen und Traditionalisten gleichermaßen mißverstanden – im Sinne einer Angleichung an oder gar Unterwerfung unter die „säkulare Moderne“ der Aufklärung, sondern im Sinne eines Wiederaufgreifens des Fadens einer alternativen, einer „katholischen Moderne“. Insofern die bislang dominante Moderne in Form von Kommunismus und Kapitalismus gescheitert sei, sei nun auch die Zeit reif, der Welt diese katholische Moderne erneut anzubieten.

Ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils und der ökumenischen Bewegung plädiert Buttiglione dabei auch dafür, die Dichotomie von „protestantischer“ und „katholischer Moderne“ hin zu einer christlichen Moderne zu überwinden und so gleichsam „das Beste aus beiden Welten“ zu retten. In ökonomischer Hinsicht läßt ihn dies ein Modell der Wirtschaftswissenschaften fordern, das die soziale und solidarische Dimension des Menschen berücksichtigt und in den Markt zu integrieren sucht – oder vielleicht eher den Markt in diese. Konkret nennt er die „zivile Ökonomie“ Luigino Brunis.

In den populistischen Bewegungen der Gegenwart sieht Buttiglione dabei das verständliche und legitime Aufbegehren gegen Eliten, die in bezug auf den einfachen Mann versagt hätten – im Westen ebenso wie im globalen Süden. Die Lösungsvorschläge der Populisten hält er dabei jedoch für unpraktikabel, namentlich ist für Buttiglione eine Rückabwicklung der Globalisierung weder möglich noch erstrebenswert oder gerecht. Von einer Wiederbelebung der „katholischen Moderne“ aus den Quellen lateinamerikanischer Theologie erhofft er sich daher nicht weniger als eine Rettung der Globalisierung und damit, so macht er gegen Ende sehr deutlich, eine Rettung der Menschheit selbst vor einem Absinken in den Abgrund.

Modernity’s Alternative ist ein in seinem eigenen Sinne barockes Werk. Der Zusammenhang der verschiedenen, in seinem Verlauf gesponnenen Fäden erschließt sich nicht unmittelbar, bildet am Ende dann aber doch eine erkennbare vielschichtige Einheit. Als eine Tür zum Denken von Papst Franziskus wäre es sicher wünschenswert gewesen, das Buch wäre zehn Jahre eher erschienen. Sein Verdienst besteht darin, einer des Englischen kundigen Leserschaft die lateinamerikanische „Theologie des Volkes“ zugänglich zu machen. In seinen praktischen Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Kultur bleiben die Gedanken naturgemäß skizzenhaft und bedürfen einer weiteren Entfaltung. Buttigliones eigene Lösungsansätze für die großen politischen Herausforderungen unserer Zeit scheinen dabei, wo sie konkreter werden, eher den Geist der „technokratischen Moderne“ zu atmen. Im allgemeinen versucht Buttiglione jedoch, ähnlich wie in seiner Darstellung die „Theologie des Volkes“, insgesamt in gut katholischem Geiste das Wahre überall dort zu würdigen, wo er es findet und auch vordergründige Widersprüche auf einer tieferen Ebene zu integrieren. Er praktiziert damit selbst just jene kritische Sympathie, die er selbst anmahnt und die auch sein Buch verdient hat.

 

Rocco Buttiglione: Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples. Introduction by Pope Francis and Afterword by Andrew Willard Jones. Steubenville, Ohio: New Polity Press 2025.

 

Abbildung: Gnadenbild Unsere Liebe Frau von Guadalupe (Wikimedia Commons)

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