LOGBUCH LXXXIV (12. Januar 2026). Von Sascha Vetterle
Noch ist es zu früh um abzuschätzen, welche bleibende Wirkung das Pontifikat von Jorge Bergoglio/Papst Franziskus haben wird. Ein Anliegen des Papstes aus Argentinien, das es verdient, bewahrt und weiterentwickelt zu werden, ist auf jeden Fall die ganzheitliche Ökologie, für die er sich in der „Umwelt-Enzyklika“ Laudato si’ aussprach. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Die ganzheitliche Ökologie von Papst Franziskus schwebt lehramtlich betrachtet nicht in einem leeren Raum, sondern knüpft an Konzepte seiner Vorgänger an.
Papst Johannes Paul II. sprach wiederholt von der Humanökologie, Papst Benedikt XVI. von einer „Ökologie des Menschen“, nicht zuletzt in seiner berühmten Rede vor dem deutschen Bundestag. Der Begriff der ganzheitlichen Ökologie selbst taucht erstmals 2009 in einem Schreiben der Internationalen Theologenkommission zum Naturrecht auf. Hier dient er als Gegenpol zu dem übersteigerten Denken der „Tiefenökologie“ mit ihren ultimativ menschenfeindlichen Implikationen. Die ganzheitliche Ökologie zielt demgegenüber darauf, Mensch und Natur nicht als Gegensatz zu betrachten, sondern in ihrer wechselseitigen Bezogenheit. Eine ganzheitliche Ökologie müsse das fördern, was spezifisch menschlich sei und zugleich die Welt der Natur in ihrer physischen und biologischen Integrität wertschätzen. Auch wenn der Mensch als moralisches Wesen das ultimative Wahre und Gute suche und auf diesem Weg seine unmittelbare Umwelt transzendiere, so tue er dies doch durch das Annehmen seiner besonderen Sendung, die natürliche Welt zu hüten, indem er in Harmonie mit ihr lebe und vitale Interessen verteidige, ohne die weder das menschliche Leben noch die Biosphäre dieses Planeten erhalten werden könne. Die ganzheitliche Ökologie rufe jedes menschliche Wesen und jede Gemeinschaft zu einer neuen Verantwortung. Sie sei untrennbar verbunden mit einer weltweiten politischen Orientierung, welche die Erfordernisse des Naturrechts respektiere. Hieran hat Papst Franziskus mit Laudato si’ angeknüpft. Doch der Prozeß der Aneignung und Durchdringung dessen, was der Ruf nach einer ganzheitlichen Ökologie bedeutet, hat kaum erst so richtig begonnen.
Papst Franziskus schrieb in Laudato si’: „Die Ökologie untersucht die Beziehungen zwischen den lebenden Organismen und der Umwelt, in der sie sich entwickeln. Das erfordert auch darüber nachzudenken und zu diskutieren, was die Lebens- oder Überlebensbedingungen einer Gesellschaft sind, und dabei die Ehrlichkeit zu besitzen, Modelle der Entwicklung, der Produktion und des Konsums in Zweifel zu ziehen.“ (LS 138)
Dies wiederum formulierte er vor dem Hintergrund seiner Kritik an einem vorherrschenden Paradigma, das er als das „technokratische“ bezeichnete. Bei näherem Hinsehen verbirgt sich hinter diesem Paradigma ein typisch neuzeitliches Wissenschaftsverständnis, wie es René Descartes oder Francis Bacon vertraten und das bei seinem Entstehen in Opposition zur aristotelischen Metaphysik und insbesondere zur Teleologie stand.
Das technokratische Denken zielt auf die Ausweitung von Macht und Kontrolle. Das „Wie“ steht im Vordergrund, das „Wozu“ wird marginalisiert. Das Ausblenden oder explizite Negieren aristotelischer Teleologie nimmt dieser Ausweitung aber das Ziel und damit das Maß. Menschliches Machtstreben wird auf diesem Weg entgrenzt, aber dadurch auch maßlos – und im letzten zerstörerisch. Die Folgen lassen sich heute in der nicht-menschlichen Umwelt ebenso beobachten wie in der menschlichen mit den vielfältigen Krisenerscheinungen rund um die Familie.
Der Ruf zu einer ganzheitlichen Ökologie ist so gesehen vor allem auch der Ruf zurück zu einer aristotelischen Teleologie und damit auch zu der – schon von Papst Benedikt XVI. immer wieder angemahnten – Wiederentdeckung des Naturrechts. Ja, genau genommen wurde die klassische Naturrechtslehre niemals widerlegt, sondern lediglich beiseitegeschoben als etwas, das das menschliche Machtstreben behindert. Die vielfältige ökologische, soziale, ökonomische und politische Krise der Gegenwart läßt uns nun aber deutlicher erkennen, daß es gerade dieser hemmende Aspekt ist, der das Naturrecht so unentbehrlich und gerade in unserer Zeit unverzichtbar macht.
Ein rein-ökologisches Denken läuft Gefahr, den Menschen auf einen Störfaktor zu reduzieren. Eine ganzheitliche Ökologie geht hingegen nicht nur von einer empirischen Erforschung der Natur aus, sondern fragt nach den Entfaltungsbedingungen für Mensch und Natur und setzt damit implizit einen teleologischen Naturbegriff als gegeben voraus. Natur – und damit auch der Mensch – ist so betrachtet nie nur eine vorhandene Biomasse, sondern auf Entfaltung eines inhärenten Potentials ausgerichtet.
Wie Papst Franziskus deutlich macht, hat dies natürlich nicht nur Konsequenzen für den Umgang mit der Umwelt. Vor allem muß auch gefragt werden, inwieweit gesellschaftliche, ökonomische und politische Prozesse und Strukturen der Entfaltung etwa des inhärent menschlichen Potentials dienen oder diese Entfaltung im Gegenteil behindern. Hier geht es um die Frage einer rechten Wirtschafts- und Sozialökologie. So betrifft die Wirtschaftsökologie etwa die Frage nach Produktions- und Konsummodellen, die der menschlichen Entfaltung dienen – und nicht allein einem nominellen, rein quantitativ verstandenen Wirtschaftswachstum. Die Sozialökologie stellt die Frage nach der Gesundheit gesellschaftlicher Institutionen wie der Familie ins Zentrum – Gesundheit in einem zweifachen Sinne: Inwieweit sind sie selbst gesund, das heißt zukunftsfähig und stark – inwieweit fördern sie aber auch das Wohlergehen ihrer Glieder und derer, für die sie Verantwortung tragen? Im Vordergrund stehen hier also nicht Fragen der Selbstbestimmung und der Wahlfreiheit, sondern eines umfassenden Wohlergehens.
Ein weniger beachteter Aspekt der ganzheitlichen Ökologie ist schließlich die Kulturökologie. Papst Franziskus betonte: „Neben dem natürlichen Erbe gibt es ein historisches, künstlerisches und kulturelles Erbe, das gleichfalls bedroht ist.“ (LS 143) Diese Bedrohung gehe aus von einer konsumistischen Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben werde. Noch weiter ging er in seinem Schreiben Christus vivit, in dem er erklärte: „Heute erleben wir eine Tendenz zur ‚Homogenisierung‘ der jungen Menschen, welche die ihrem Herkunftsort eigenen Unterschiede auflösen und sie in manipulierbare serienmäßig hergestellte Individuen verwandeln will. So entsteht eine kulturelle Zerstörung, die so schwerwiegend ist wie das Aussterben der Tier- und Pflanzenarten.“ (Christus vivit 186) In Fratelli tutti mahnt er: „Man vergißt, daß ‚es keine schlimmere Entfremdung gibt als erfahren zu müssen, keine Wurzeln zu haben und zu niemandem zu gehören‘.“ (Fratelli tutti 53)
Der Mensch ist eben ein leibseelisches Wesen, das neben materiellen auch geistiger Voraussetzungen für seine Entwicklung bedarf. Wie Homogenisierung und Monokulturen negative Auswirkungen auf Landwirtschaft und Umwelt haben, so wirkt sich nach Papst Franziskus auch eine Vereinheitlichung der verschiedenen Kulturen negativ auf die Entwicklungsmöglichkeiten des einzelnen wie auch der Gemeinschaften aus. Die Bewahrung kultureller Identitäten – angereichert durch kulturellen Austausch – wird so als eine Bedingung der Möglichkeit für menschliches Gedeihen anerkannt.
Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturökologie – die ganzheitliche Ökologie von Papst Franziskus ist tatsächlich ein ganzheitlicher Ansatz, auf das zu blicken, was lebensförderlich und schädlich für das Leben ist, und hierbei die vielfältigen Interdependenzen zu berücksichtigen. Statt eines technokratischen „Wie“ stellt sie das naturrechtliche „Wozu“ in den Fokus. In letzter Konsequenz geht es dabei um den Aufbau einer ganzheitlichen Kultur des Lebens.
Sascha Vetterle, Jahrgang 1984, hat an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Mittlere/Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politikwissenschaft Südasiens studiert und sein Studium 2009 mit dem Magister Artium abgeschlossen. Beiträge von ihm erschienen bislang unter anderem auf Communio Online sowie in der „Tagespost“. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für ganzheitliche Ökologie (IgÖ), das zur ganzheitlichen Ökologie nach Papst Franziskus forscht, publiziert und netzwerkt: https://ganzheitliche-oekologie.de/
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