Vier Jahre Ukrainekrieg – Perpetuierung des Konflikts?

LOGBUCH LXXXVII (23. Februar 2026). Von Christoph Rohde

 

Die Beendigung des Ukrainekrieges liegt auch nach vier Jahren aktiver Kriegshandlungen in weiter Ferne. Die Fronten dieses Abnutzungskrieges haben sich verhärtet, während die Kriegsursachen weiterhin unverändert bleiben. Selbst Donald Trump, der großspurig die Beendigung des Krieges in 24 Stunden nach seinem Amtsantritt angekündigt hatte, mußte zugestehen, daß der Konflikt schwieriger zu lösen ist, als er erwartet hatte. Im Jahre 2025 stand stieg die Opferzahl auf beiden Seiten, die Drohnenkriegführung wurde intensiviert, aber das Kriegsgeschehen und die Front veränderten sich nur in geringfügigem Maße.

Während die Russen in ihrer Kriegführung auf eine Strategie der Erschöpfung und Demoralisierung der ukrainischen Bevölkerung setzen, versucht die Ukraine, durch gezielte Nagelstiche im russischen Hinterland die Kosten des Krieges für Rußland derart zu erhöhen, daß die Russen zu einem Waffenstillstand gezwungen werden. Der Abnutzungskrieg bedeutet aber auch für die Unterstützerstaaten aus Europa, insbesondere für Deutschland, eine massive Belastung. Ein Ende des Konflikts ist nicht abzusehen, da keine Seite entscheidende Vorteile zu erzielen vermag und die mit den Konfliktparteien verbündeten Staaten zu keinen entscheidenden Kompromissen bereit sind.


Ukrainische Erfolge indizieren Schwächen der Russen

Zwei große strategische Erfolge konnte die Ukraine im Jahr 2025 erzielen. Erstens gelang es, durch Drohnenattacken im russischen Hinterland die erdölproduzierende Industrie erheblich zu schädigen und das Volumen der Erdölexporte substantiell zu reduzieren. Die Versorgung der russischen Truppen in der Ukraine mit Benzin und Diesel wurde durch diese Angriffe ebenso gestört. Die um mehr als 50 Prozent gestiegenen Spritpreise in Rußland sorgen auch innenpolitisch für Druck auf Präsident Putin.

Zweitens gelang es in der durch den ukrainischen Geheimdienst SBU und weitere westliche Geheimdienste geplanten und durchgeführten Operation „Spinnennetz“ vier russische Militärflugplätze weit im Inneren Rußlands anzugreifen und dabei mindestens dreizehn Flugzeuge zu zerstören. Dabei soll es sich u. a. um strategische Bomber handeln, mit welchen Rußland Marschflugkörper und Langstreckenraketen auf Ziele in der Ukraine abfeuert. Außerdem wurde eines der wenigen Frühwarnflugzeuge zerstört.

Daß es der Ukraine sogar gelungen war, von August 2024 bis März 2025 Teile des russischen Kernlands zu besetzen, indem ihre Truppen bis 35 Kilometer tief in den Oblast Kursk eindringen konnten, zeigt eklatante Schwächen Rußlands bei der Verteidigung des eigenen Landes. Dazu erleiden die Russen mit ihrer rücksichtslosen Angriffstaktik massive Verluste an Menschen und Material. Die Abhängigkeit ihrer Navigation von Elon Musks Starlink-System bildet eine weitere Schwäche des russischen Heeres (Merkur vom 13.2.2026).


Probleme der Ukraine

Rußland verfügt jedoch trotz seiner Schwächen über ein großes Potenzial an rekrutierbaren Soldaten und über die etwa fünffache Menge an Militärfahrzeugen. Die Ukraine hat das Problem der Rekrutierung von Soldaten. Obwohl die Opferzahl etwa ein Viertel derjenigen der Russen beträgt, ist die Rekrutierungsbasis weitaus geringer. Dazu gibt es eine hohe Desertierungsrate, und zahlreiche wehrfähige ukrainische Männer sind ins Ausland gegangen, allein über 200.000 Männer nach Deutschland. Dazu läßt nach vier Jahren Abnutzungskampf die Moral nach, zumal das Land unter Energiemangel und dauernden Bombenangriffen leidet. Obwohl die Rüstungsproduktion im Land erheblich zugenommen hat, herrschen große Defizite in der Versorgung mit Luftabwehrsystemen und Artilleriemunition vor. Die Eigenproduktion und Entwicklung von Drohnen hat die Ukraine zur führenden Nation in diesem Sektor gemacht. Allerdings sind die Russen hier ebenfalls sehr innovativ und produktiv. Die abnehmende Mannstärke der Ukraine führt dazu, daß die gegenwärtige Frontlinie nur mit Mühe gehalten werden kann. Sollte die Frontlinie brechen und sollten die Russen sogar den Schwarzmeerhafen Odessa erobern, bedeutet dies möglicherweise das Ende einer souverän handlungsfähigen Ukraine.


Die Rolle Deutschlands und der EU

Nachdem sich die amerikanische Unterstützung der Ukraine als zunehmend unzuverlässig erweist, versucht Deutschland durch eine verstärkte finanzielle Unterstützung und militärische Kooperation die Führung innerhalb der Europäischen Union zu übernehmen. Dies postulierte Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2026. Da sich die NATO und die EU nicht mehr bedingungslos auf die USA verlassen können, beschloß die EU massive Auf- und Nachrüstungsanstrengungen. Zudem wird die Frage eines europäischen Nuklearschirms vermehrt diskutiert. Doch zwischen Intentionen und Ergebnissen klaffen Welten. Erstens sind die Staaten der EU hoch verschuldet. Zweitens schrumpft aufgrund klima- und industriepolitischer Sonderwege ihre industrielle Basis sowie ihre Innovationsfähigkeit. Drittens ist die Abhängigkeit von strategischen Rohstoffen wie seltenen Erden gerade im Rüstungssektor von besonderer Relevanz.[1] Und viertens bleibt das Mißtrauen zwischen den Nationalstaaten aus historischen Gründen weiter bestehen, was eine Sozialisierung der französischen oder britischen Nuklearwaffen ebenso verhindert wie weitere kooperative Rüstungsprojekte. Auch innerhalb der EU dominiert weiterhin das Kalkül nationaler Interessen.


Europa setzt allein auf Abschreckung

Für den Westen ist es wichtig, die Ukraine in ihren Verteidigungsbemühungen weiter zu unterstützen, ohne dabei eine Eskalation des Konflikts[2] zu riskieren und sich bedingungslos den Forderungen der ukrainischen Führung zu unterwerfen. Wie Außenminister Johann Wadephul unglücklich vermerkte, bleibe Rußland für immer unser Feind. Diese starre Haltung läßt keinen Spielraum für eine wie auch immer geartete Annäherung. Eine Aufrüstung ohne begleitende Maßnahmen und die Rhetorik der „Kriegstüchtigkeit“ (Boris Pistorius) erhöhen allerdings die Gefahr der Ausweitung des Konflikts.

In Deutschland geht man von der Voraussetzung aus, daß Rußland als imperialistische Macht bis 2029 einen Angriff auf die NATO plant. Öffentlichkeitswirksam werden Szenarien und Planspiele durchgeführt, die einen hybriden Angriff Rußlands auf die NATO simulieren.[3] Das Wargame „Ernstfall – Was, wenn Russland uns angreift?“ wurde von der Welt-Zeitung und ehemaligen Politikern und Bundeswehrgenerälen durchgeführt und als Podcast veröffentlicht.[4] Die Öffentlichkeit soll auf einen von Rußland ausgehenden Angriff eingestimmt werden. Derartige Szenarien ersetzen jedoch nicht das praktische Handeln wie zum Beispiel den notwendigen Schutz kritischer Infrastrukturen in Deutschland gegen hybride Kriegführung, insbesondere gegen Cyberangriffe, die aktuell bereits mit hoher Intensität gegen Westeuropa stattfinden.


Rußland als imperialistische Macht?

Es gibt Beobachter, die die Annahme, Rußland sei eine imperialistische Macht, die auf lange Frist die NATO angreifen wolle, als unrealistisch betrachten. Zu diesen gehören u. a. der ehemalige NATO-General Harald Kujat sowie der frühere Brigadegeneral Erich Vad. Sie betonen das Interesse Europas an einem Frieden mit der Ukraine, da Europa im Eskalationsfall zum Schlachtfeld werden würde. Dabei verweisen sie auf die schwache ökonomische Basis Rußlands, die einen weit ausgreifenden Angriff auf die NATO nahezu ausschließe. Das Kriegsziel der Russen bleibe konstant defensiver Art – die Verhinderung einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und damit die Wahrung einer Pufferzone zum westlichen Bündnis. Die Vertreter dieser legitimen und begründbaren Position werden jedoch als „Putin-Versteher“ diskreditiert. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 wurde diese Position nicht einmal diskutiert. Der Narrativ vom imperialistischen Rußland bildet den in Stein gemeißelten Konsens, der nur gegen gesellschaftliche Ächtung in Frage gestellt werden darf. Dabei verteidigen die Befürworter temporärer ukrainischer Zugeständnisse nicht den russischen Angriff auf die Ukraine und die massiven Kriegsverbrechen innerhalb dieses Krieges. Für sie sind die Kosten eines verlängerten Krieges und die Eskalationsgefahren jedoch höher als die Vorteile temporärer Zugeständnisse an ein inhumanes Regime.


Friedensverhandlungen, die keine sind

Vladimir Putins Truppen sind an der ukrainischen Front in der Offensive. Deshalb bleiben die Russen bei ihren Maximalpositionen in den formalen Friedensverhandlungen: Kein NATO-Beitritt der Ukraine, die vollständige Einnahme der vier Oblaste Donezk, Luhansk, Kherson und Zaporizhzhia, wobei die vollständige Einnahme des Donbass im Zentrum steht, wo sich allerdings die zentralen Verteidigungslinien der Ukraine befinden; die Russen geben die Kontrolle über das größte Atomkraftwerk Europas in Zaporizhzhia nicht auf. Dennoch erhöhen sich die Kosten des Krieges für Rußland enorm, so daß das Land auch ein Interesse an einem Ende der Kriegshandlungen haben müßte.

Die Ukraine hat zu viele Opfer gebracht, um dauerhafte territoriale Zugeständnisse machen zu können. Die Massaker von Butscha im Jahre 2022 und der Terror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung verhindern den Aufbau einer Vertrauensbasis; lediglich ein vorübergehendes Einfrieren der Front ist gegenwärtig denkbar. Das Sicherheitsdilemma bleibt unverändert bestehen. Das Verhalten der jeweiligen Alliierten der beiden Konfliktparteien ist entscheidend für die Art der Beendigung dieses Konflikts.


Die internationale Ordnung wird reorganisiert

Rußland hat den Krieg bereits in dem Sinne verloren, daß seine Abhängigkeit von China erheblich gewachsen ist. Dazu hat das Land Verbündete und Stützpunkte in Syrien und Venezuela verloren; der verbündete Iran ist von einem amerikanischen Angriff bedroht. China ist jedoch nicht bereit, eine russische Niederlage in diesem Krieg hinzunehmen, wie dessen Außenminister Wang Yi mehrfach betont hat. Die USA versuchen weiterhin, den Konflikt einzufrieren, um eine freie Hand für den Wettbewerb mit dem hegemonialen Konkurrenten China zu bekommen.

Der Ukrainekrieg hat den Weg hin zu einer multipolaren internationalen Ordnung dennoch beschleunigt, da der globale Süden sich zunehmend vom Westen und dessen Institutionen distanziert. Europa wird auf lange Sicht im globalen Wettbewerb im Spiel der Großen nicht mehr mitspielen können, wenn die gesamte Energie in die Abschreckung Rußlands investiert werden muß[5] und die EU nicht bereit ist, eine ideologische Politik aufzugeben, die die eigene Wehrhaftigkeit und Wettbewerbsfähigkeit schwächt. Bevor Rußland den Krieg verliert, wird die letzte Waffe eingesetzt werden, die Nuklearwaffe. Europa wäre dann ebenso der Verlierer. Die Ukraine wird ein geopolitisch sensibles Territorium bleiben, das das Spannungsfeld der internationalen Ordnung im Ganzen abbildet.


Intellektuelle und moralische Herausforderungen für Christen

Der Krieg in der Ukraine stellt Christen vor enorme Herausforderungen. In der gefallenen Welt werden Konflikte leider häufig mit Gewalt ausgetragen. Gewalt schmerzt Christen, da sie stets das Produkt von Sünde ist und die schlimmste Form der Lieblosigkeit darstellt. Am 22. Februar 2026, zum Jahrestag des Kriegsbeginns, formulierte Papst Leo XIV., der den ukrainischen Präsidenten Selenski mehrfach empfangen hatte, folgende Gedanken: „Mein Herz ist nach wie vor bei der dramatischen Situation, die alle klar vor Augen haben. Wie viele Opfer, wie viele zerstörte Leben und Familien! Wie viel Zerstörung! Wie viel unaussprechliches Leid! Jeder Krieg ist wirklich eine Wunde, die der gesamten Menschheitsfamilie zugefügt wird, er hinterläßt Tod, Verwüstung und eine Spur des Schmerzes, die Generationen prägt.“

In der christlichen Lehre ist die Verteidigungsbereitschaft von Staaten ein legitimes Anliegen. Der Christ in der Welt akzeptiert die Notwendigkeit, daß sich Gesellschaften in der gefallenen Welt gegen drohendes Unrecht verteidigen müssen und nicht einfach wie Individuen die andere Wange hinhalten können.[6] Es gibt geopolitische Sachzwänge, das Denken von Großmächten in Einflußsphären, die nicht außer Acht gelassen werden können, wenn es um die Bewertung internationaler Konflikte geht.

Der Verteidigung dienende Waffenlieferungen in angemessenem Umfang können im Kontext des Ukrainekrieges als legitim erachtet werden, wenn sie defensiven Charakters sind und keine weitere Eskalation befördern. Die beiden deutschen Kirchen argumentierten im Dezember 2025 in diesem Sinne.[7] Ein Bellizismus der Selbstgerechten, die den Feind dämonisieren und die als gerecht empfundene eigene Sache kompromißlos mit Waffengewalt zum Ziel führen möchten, gehört nicht zur legitimen Verteidigungsfähigkeit. Historisch gewachsene Unrechtsstrukturen sind niemals mit einem Handstreich der Gerechten zu begradigen. Dies trifft besonders auf einen Konflikt zu, in den eine Atommacht involviert ist. Die konsequente Suche nach einem Frieden, der den Kriegsparteien schmerzhafte Kompromisse auferlegt, ist die Pflicht für Vertreter einer christlichen Ethik, die erkennen, daß der Versuch der Realisierung vollständiger irdischer Gerechtigkeit in historisch gewachsenen Konflikten das Übel, das es zu bekämpfen vorgibt, lediglich verstärkt.

 

[1] Hans-Werner Sinn: Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa. Freiburg i. Br. 2025.
[2] Zur Eskalationsgefahr im Ukrainekrieg s. John J. Mearsheimer: War and International Politics. International Security, 49 (4), 2025, S. 35–36.
[3] So zum Beispiel Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt – ein Szenario. München 2025.
[4] Podcast „Ernstfall“: Was, wenn Russland uns angreift?
[5] Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Berlin 2025.
[6] Näheres zu der Differenzierung von christlicher Individualethik und einer realistischen Friedensethik s. Christoph Rohde: Das Kreuz und der Krieg. Rückersdorf üb. Nürnberg 2021.
[7] Kirchen stellen sich hinter deutsche Waffenexporte in die Ukraine. Katholisch.de vom 17.12.2025.

 

Abbildung: Borodyanka, Kyiv Oblast, Ukraine (Mykhailo Volkov / pexels.com)

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