Streiter für den Papst – Erinnerung an die Päpstlichen Zuaven in den Niederlanden

LOGBUCH LXXXVI (9. Februar 2026). Von Hartmut Sommer

 

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“, soll Stalin einmal gefragt haben. Er kannte die Antwort: gar keine. Allerdings fanden sich im Laufe der Geschichte immer wieder Streiter für den Papst und seine Anliegen. So kamen auf die Stimme des Papstes hin die zerstrittenen christlichen Mächte zusammen zum Abwehrkampf gegen das von Osten mit militärischer Macht vordringende Osmanische Reich. Der Sieg in der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 im Golf von Patras war der Initiative von Papst Pius V. zu verdanken und schwächte die Seemacht der Osmanen beträchtlich. Das 1683 zum zweiten Mal von Osmanen belagerte Wien wurde durch das von Papst Innozenz XI. vermittelte Bündnis zwischen dem polnischen König Jan Sobieski und Kaiser Leopold I. gerettet.

Auch im Mittelmeerraum ging das Ringen weiter. Im 17. Jahrhundert kam es zum Kampf um die Vorherrschaft über die Insel Kreta. Der Papst rief zum militärischen Beistand auf, und im katholischen Milieu in Frankreich, dem sogenannten „milieu dévot“, wollte man dem gerne Folge leisten, darunter mehrere Mitglieder aus der Familie Salignac, enge Verwandte des bedeutenden Erzbischofs François Fénelon. Die Einigkeit der christlichen Mächte war diesmal allerdings durch machtpolitische Interessen beeinträchtigt, denn Frankreich „stellte nur halbherzig eher kleine Kontingente zur Unterstützung dieses Abwehrkampfes, während die Hauptlast das habsburgische Österreich als Frontgebiet in Südosteuropa und die Republik Venedig im Mittelmeer zu tragen hatten. Das allein der Staatsraison verpflichtete und absolutistisch regierte Frankreich scheute sich dagegen nicht, sogar Koalitionen mit dem Osmanischen Reich einzugehen, wenn es sich dadurch im Windschatten der Türkenkriege weitere Gebiete an seiner Ostgrenze einverleiben konnte. Lediglich als Teil dieses Doppelspiels und um die katholische Partei zufrieden zu stellen, schickte Ludwig XIV. 1669 ein Kontingent von 6.000 Mann auf 31 Schiffen zum Entsatz der venezianischen Festung Candia (heute Iraklio) auf Kreta, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit 21 Jahren von den Türken belagert war und kurz vor dem Fall stand. Der Duc de Beaufort […] befehligte die Truppen, die am 16. Juni landeten und schon bald in gescheiterten Ausfällen verbluteten. Bereits am 25. Juni, während des ersten von den Franzosen vorgetragenen Angriffs, fand der kommandierende Duc de Beaufort den Tod. Am 21. August verließen die durch Seuchen weiter dezimierten Franzosen mit den ihnen noch verbliebenen Schiffen die Festung, die sich bald danach den Türken ergab.

Die Salignacs waren an all diesen Auseinandersetzungen aktiv beteiligt, dabei stets auf der katholisch gesinnten Seite und auch königstreu, sofern sie als Angehörige des ‚milieu dévot‘ dabei nicht mit ihrer Loyalität zum Papst in Konflikt kamen. Am Kampf gegen die türkischen Belagerer von Candia nahmen gleich mehrere Mitglieder der Familie teil: Fénelons Onkel Antoine und dessen Sohn Jean-Baptiste-Martial sowie sein ältester Halbbruder François II de Salignac de La Mothe Fénelon (1630–1715) mit seinem Sohn Pons-Jean-Baptiste. Der junge Jean-Baptiste-Martial fiel bei den Kämpfen. François II, nach dem Tod von Fénelons Vater Pons der Chef der Familie, zog sogar noch ein zweites Mal in den Krieg gegen die Türken. 1685, immerhin bereits 55 Jahre alt, beteiligte er sich begleitet von seinem sechzehnjährigen Enkel François-David de Chantérac als Freiwilliger bei den von Papst Innozenz XI. entsandten Truppen an der Belagerung von Coron (heute Koroni), einer von den Türken gehalten Festung als Teil des Feldzuges der Venezianer zur Eroberung von Morea (dem Peleponnes). Diesmal kam er als Sieger zurück, denn am 11. August konnten die Venezianer nach sechswöchigen Kämpfen zusammen mit den sie unterstützenden Truppen Coron einnehmen. In seiner Schilderung dieser Ereignisse war dem Tiefgläubigen, von dem man später im Alter sagen sollte, er lebe wie ein Heiliger, wichtig zu erwähnen, daß der Papst sehr gerührt war, ‚als ich ihm sagte, daß ich oft gesehen habe, wie die Soldaten nachts, während sie Wache standen, den Rosenkranz beteten‘“ (Hartmut Sommer: François Fénelon. Patrimonium-Verlag, Aachen 2022).

Diese Verbindung aus Glauben und kämpferischem Geist war auch bei den Freiwilligen zu finden, die in der 1861 aufgestellten internationalen Legion, den Päpstlichen Zuaven, dienten. Der belgische Prälat Xavier de Mérode, der die Neuorganisation der päpstlichen Truppen in die Hand genommen hatte, ein Veteran des Kolonialkrieges in Algerien, übernahm für diese Legion den Namen und auch die orientalisierende Uniform von den auf französischer Seite kämpfenden kabylischen Stämmen, den Zouaoua, die als Elitetruppe galten.

Staue-eines-Zuaven-in-Uniform-Foto-HSNs3BiL5GFLdjg

Und tatsächlich bewährten sich die Päpstlichen Zuaven ähnlich tapfer in den Kämpfen gegen die für eine Einigung Italiens streitenden Freischärler Garibaldis und gegen die Truppen des 1861 gegründeten Königreichs Italien. Ein aussichtsloser Kampf, nachdem Frankreich nur noch halbherzig als Schutzmacht wirkte. Bereits 1859 war die Romagna verlorengegangen, 1860 nach der Schlacht bei Castelfidardo auch De Marken und Umbrien. Die nun einsetzende massive Rekrutierung von Freiwilligen für die Päpstlichen Zuaven sollte wenigstens den noch verbliebenen Rumpfstaat aus Rom und dem Umland sichern. 1867 waren die Päpstlichen in den Schlachten von Montelibretti und Mentana noch einmal siegreich gegen die massiert vordringenden Scharen Garibaldis. Am 20. September 1870 dann kam das Ende. Durch die Niederlage bei Sedan war Frankreich handlungsunfähig, sodaß sich der italienische König Viktor Emanuel nur einer päpstlichen Streitmacht von 8.770 Mann gegenübersah, als er mit einer 41.500 Mann starken Truppenmacht den kleinen Kirchenstaat angriff. Nachdem durch schwere Beschießung bei der Porta Pia eine Bresche in die Aurelianische Mauer geschlagen war, hinter der sich die Päpstlichen verschanzt hatten, wurde kapituliert, wie es Papst Pius IX., der ein Blutvergießen vermeiden wollte, befohlen hatte.

Damit hatte der Papst in dieser letzten militärischen Auseinandersetzung um sein weltliches Herrschaftsgebiet umsichtig gehandelt. Sein Widerstand gegen die unaufhaltsame italienische Einigungsbewegung, in der er eine moderierende Rolle hätte einnehmen können mit einer möglicherweise günstigeren Lösung für den Vatikan, war weniger umsichtig. Auch die Sympathie der Bürger seines Staates hatte er verspielt, als er sich unter dem Eindruck der Revolutionen von 1848 zu einem starr autokratischen Herrscher wandelte, nachdem er anfangs mit Sozialreformen ihre Herzen gewinnen konnte. Die Päpstlichen Zuaven, die als Elitetruppe stets in der ersten Reihe kämpften, setzten sich also für eine verlorene Sache ein, für die überholte und aus heutiger Sicht dem päpstlichen Amt nicht angemessene Rolle des Papstes als weltlicher Herrscher. Die Männer, die damals zu den Päpstlichen Zuaven eilten, konnten das nicht übersehen und kämpften mit Inbrunst, viele gaben das Opfer ihres Lebens. Zunächst meldeten sich vor allem Franzosen und Belgier für den Dienst, später kamen die meisten Zuaven aus den Niederlanden, 3.081 insgesamt.

Diese Freiwilligen aus dem damals calvinistisch dominierten Land, in dem die Katholiken eine benachteiligte Bevölkerungsgruppe waren, sahen im Papst die identitätsstiftende Vaterfigur, die sie glühend verehrten. Und für die Katholiken in der Heimat stärkte der Einsatz dieser Streiter für den Papst, den die katholische Presse mit Stolz begleitete, wiederum ihr Selbstbewußtsein im Streben nach Gleichberechtigung. Das setzte sich auch nach der Niederlage von 1870 fort. Die zurückgekehrten Veteranen organisierten sich in einflußreichen Zuaven-Bruderschaften, die in ihren exotischen Uniformen fester Bestanteil von Prozessionen und Festlichkeiten wurden. 1878 unterstützten sie die Gründung eines katholischen Gewerkschaftsbundes, nachdem sich Papst Leo XIII. in der Enzyklika Rerum Novarum für das Organisationsrecht der Arbeiterschaft eingesetzt hatte. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts blieben die Zuaven im kollektiven Gedächtnis der niederländischen Katholiken präsent. Noch heute wird an vielen Stellen an sie erinnert.

Zuavenmuseum-Oudenbosch-Foto-HS1jWVC7lRuWDUd

Zentraler Ort für die Pflege des Gedächtnisses an diese Streiter für den Papst ist das Zuaven-Museum im ehemaligen Rathaus von Oudenbosch. Der kleine Ort im katholischen Brabant war Sammelpunkt, von dem aus die Zuaven in Gruppen ihre Reise nach Rom antraten. Vom heute noch bestehenden Bahnhof von 1854 ging es über Brüssel bis Marseille, dann weiter mit dem Schiff nach Civitavecchia, dem letzten verblieben Hafen des geschrumpften Kirchenstaates. Das Museum zeigt Uniformen, Dokumente, Fotos, Banner der Zuaven-Bruderschaften und eine Vielfalt von Erinnerungsstücken zum Leben der Zuaven, u. a. den dreispaltigen Beichtspiegel in Niederländisch, Französisch und Italienisch, der 27 Sünden auflistet, sodaß man nur auf die zu beichtende zeigen mußte, denn die Freiwilligen aus den Niederlanden hatten mit Sprachbarrieren zu kämpfen, auch gegenüber den meist französischsprachen Offizieren.

Besonders für die Sache der Zuaven engagiert war Pfarrer Willem Hellemons, der sich in Oudenbosch um die Zuaven-Anwärter kümmerte. Der begeisterte Ultramontane setzte gegen den Willen des Architekten durch, daß der 1865 begonnene Neubau seiner Pfarrkirche dem Petersdom und der Lateranbasilika nachgebildet wurde. Beim letzten landesweiten Treffen der Zuaven im Jahre 1911 wurde vor diesem inzwischen fast fertiggestellten, sechzehnmal verkleinerten „Klein-Sankt-Peter“ ein Denkmal für die gefallenen Zuaven eingeweiht, das Pius IX. zeigt, der einen sterbenden Zuaven segnet.

Zuavendenkmal-vor-der-Basilika-von-Oudenbosch-HSW3S6WDyu55G8x

Mit Stolz blickten auch die unversehrt in die Heimat zurückgekehrten Veteranen auf ihre Zeit bei den Zuaven zurück. Die Grabskulptur für Johannes Jacobus Küppers (1848–1916) auf dem Alten Friedhof in Roermond zeigt den Verstorbenen in Zuaven-Uniform zusammen mit seiner Frau, die er allerdings erst nach seiner Dienstzeit heiraten konnte, denn Zuaven mußten ledig sein.

Um manche im Kampf gefallene Zuaven entstand ein Heldenmythos. Der aus dem kleinen Dorf Lutjebroek, heute Ortsteil von Stede Broec, einer katholischen Enklave, stammende Pieter Janszoon Jong etwa soll im Gefecht von Montelibretti, abgeschnitten von seiner Truppe, allein im Nahkampf mit dem Gewehrkolben um sich schlagend einen letzten verzweifelten Widerstand gegen die Übermacht der Garibaldisten geleistet haben. An der Kirche in Lutjebroek findet sich noch ein Hochrelief zu seinem Gedenken.

Knapp überlebt hat dieses Gefecht bei Montelibretti ein besonderer Zuave, der Einsiedler Henricus Weerts (1827–1889), der seine Klause auf dem Schaesberg bei Schin op Geul in Zuid-Limburg verlassen hatte, um für vier Jahre in den Dienst bei den Päpstlichen Zuaven zu treten. Nach einer anschließenden Wallfahrt ins Heilige Land kehrte er in seine Klause zurück. Die noch bestehende Klause ist immer noch ein Ort der stillen Einkehr und zugleich ein Gedenkort für den Zuave-Klausner, wo unter anderem dessen Tagebuch aus der Zuavenzeit eingesehen werden kann, von ihm sauber in Reinschrift übertragen, und Vitrinen Erinnerungstücke ausstellen wie die Verdienstorden, die er erhalten hat. Ein Gemälde zeigt ihn zusammen mit Graf Villers Masbourg, auf dessen Grund die Klause stand, sowie zwei Söhnen des Grafen und zwei weiteren Zuaven.

Daß der Papst mit Geistesmacht mitunter mehr bewirken kann als militärische Gewalt, hat vor allem Johannes Paul II. gezeigt. „Herr, Dein Geist steige herab! Dein Geist steige herab! Und erneuere das Antlitz der Erde! Dieser Erde!“, betete er am 2. Juni 1979 in Warschau vor einer unübersehbaren, auf dem Siegesplatz zusammengeströmten Menge. Nicht lange danach brach der kommunistische Block zusammen, gewiß auch maßgeblich durch den Einfluß dieses Papstes. Nachdem es in den Niederlanden lange still um die Zuaven geworden war, erhalten sie mit neuen Büchern wieder Aufmerksamkeit, etwa mit der Studie Martelaren voor de paus („Märtyrer für den Papst“) von Koen de Groot.


Auf folgende Tagespost-Artikel des Autors sei ergänzend hingewiesen:

Über den Zuaven-Klausner Henricus Weerts und die Klause auf dem Schaesberg: Die stille Kraft der Klause
Über den Alten Friedhof in Roermond, wo sich auch ein Grabmonument für einen Zuaven befindet: Das Grab mit den Händchen in Roermond
Zur Geschichte der niederländischen Zuaven: Elitetruppen für den Papst

 

Abbildungen: Photographien des Autors (das Beitragsbild rechts oben zeigt die Klause des Einsiedlers Henricus Weerts auf dem Schaesberg)

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.