Ignatius von Loyola: „Ich soll mir also die Sünde der Engel ins Gedächtnis rufen“

LOGBUCH XCIX (31. Juli 2026). Von Uwe Wolff

 

In den Schriften des Ignatius von Loyola (1491–1556) findet der Leser viele Hinweise auf Engel, schreibt José Garcia de Castro SJ in seinem Artikel „Ángel“.[1] Walter Nigg hielt diese Visionen von Engeln und Teufeln für das religiöse Verständnis von Ignatius’ Persönlichkeit für „geradezu unentbehrlich, weil sie auf die tieferen Hintergründe weisen, aus denen er lebte.“[2] Ihren Spuren will ich in dieser Skizze aus der Sicht der Angelologie nachgehen.

Ignatius war ein baskischer Krieger von unbeugsamem Willen. Im Kampf verlor er buchstäblich den Boden unter den Füßen, als ihm eine Kugel ein Bein zerschmetterte und auch das andere schwer verwundete. Auf dem Krankenlager wuchsen die Knochen schief zusammen, so daß das Bein noch einmal gebrochen wurde, um eine lebenslange Gehunfähigkeit zu verhindern. Weitere schwere Operationen folgten: alle ohne Betäubung und ohne einen Klagelaut. Wie Jakob nach dem Kampf mit dem Engel am Jabbok gesundete Ignatius – als Gesegneter ein Gezeichneter.

An eine Fortsetzung seiner militärischen Karriere war nicht zu denken, wollte der kleine Mann nicht ein großer Ritter von der traurigen Gestalt werden. So fiel der Krüppel in eine tiefe spirituelle Krise. Er kämpfte mit dem Engel der Berufung. Manchmal glaubte er seine Stimme zu vernehmen. War ihr zu trauen? Kam sie vom Himmel (ángel bueno) oder aus der Hölle (ángel malo)? In Manresa ereignete sich die Geburt der Exerzitien aus dem Geist der Angelologie. Es waren die Engel, die ihn lehrten, was er später in den Geistlichen Übungen weitergab. Diesen Erfahrungsbezug bezeugt Ignatius in dem sogenannten Bericht des Pilgers, der von seinem ersten Übersetzer ins Deutsche Lebenserinnerungen genannt wurde: „So kam er allmählich dazu, den Unterschied zwischen den Geistern, die ihn bewegten, zu erkennen, nämlich zwischen dem Geiste Satans und dem Geiste Gottes. Das war die erste Erwägung, die er bezüglich der göttlichen Dinge anstellte. Als er dann später die geistlichen Übungen gemacht hatte, begann er aus jener Erfahrung Licht zu schöpfen für die Lehre von der Verschiedenheit der Geister.“[3] 

Ignatius legte daraufhin auf einer Pilgerfahrt zum Heiligtum der Muttergottes auf dem Montserrat nach der Generalbeichte auch seine weltlichen Waffen für immer ab. Nun begann in Manresa sein geistlicher Kampf, aus dem sein berühmtestes Buch hervorgehen sollte: die Geistlichen Übungen oder Exerzitien (Ejercicios Espirituales de San Ignacio de Loyola). In ihnen geht es um die Berufung. Menschen machen sich gerne etwas vor. Deshalb hatte Benedikt für seine Novizen in der Regel festgehalten, sie sollten prüfen, ob sie wirklich Gott suchen (si revera Deum quaerit, RB 58.7). Die Unterscheidung der Geister ist gerade für den Menschen wichtig, der sein Leben neu ordnen und ihm eine Ausrichtung auf Gott geben will. Was ist richtig? Was ist nichtig? Wo spricht Gott durch die Stimme eines Engels? Der Satan des Ignatius ist ein großer Schauspieler und Meister aller Gaukeleien, ein Stimmenimitator, der englisch lispelt, wenn er teuflisch lügt. 

Die Exerzitien enthalten Imaginationsübungen. Mit allen Sinnen solle sich der Mensch in bestimmte Situationen versetzen und diese auf sein Leben beziehen. Das haben die Mystiker zu allen Zeiten getan. Eine dieser ignatianischen Übungen führt zum Engelsturz, jener Sünde wider den Heiligen Geist, mit der die Schöpfung einen Riß bekam, der nur durch Gott selbst geheilt werden konnte.

„Der erste Punkt wird sein: Das Gedächtnis auf die erste Sünde hinwenden, die die Sünde der Engel war; dann das Gleiche die Einsicht durch Nachdenken (discurriendo), schließlich den Willen, indem ich willentlich das Ganze zu erinnern und einzusehen suche, um durch den Vergleich der einen Engelsünde mit meinen so vielen Sünden mich je mehr in Scham zu senken und zu verwirren: wenn nämlich jene für eine Sünde in die Hölle kamen, wie oft hätte ich sie verdient für so viele. 

Ich soll mir also die Sünde der Engel ins Gedächtnis rufen: wie sie in der Gnade geschaffen wurden, aber sich ihrer Freiheit nicht bedienen wollten, um ihren Schöpfer und Herrn Ehrfurcht und Gehorsam zu erweisen, sondern in Hochmut gerieten, aus Gnade in Bosheit verwandelt und vom Himmel in die Hölle geschleudert wurden. Entsprechend dasselbe je mehr im einzelnen mit der Einsicht überdenken und dementsprechend die Affekte je mehr mit dem Willen bewegen.“[4]

Engel oder Teufel? Wer die Kunst der Unterscheidung der Geister lernen möchte, der achte auf die seelischen Folgen ihrer Gegenwart. Bewirkt sie Trost oder Trauer? Freude und Fröhlichkeit oder Verwirrung? „Es ist Gott und Seinen Engeln in ihren Anregungen eigen, wahre geistige Freude und Fröhlichkeit zu geben (dar verdadera alegría y gozo espiritual) und alle Trauer und Verwirrung (quitando toda tristeza y turbación), die der Feind herbeiführt, zu entfernen, dessen Art es ist, gegen solche geistliche Fröhlichkeit und Tröstung anzukämpfen, indem sie Scheingründe, Spitzfindigkeiten und anhaltende Täuschungen beizieht.“[5]

Der Teufel ist das Urbild des Verführers. Er kommt als angeblicher Freund und Förderer. Aber er will immer nur das eine. „Die Art des bösen Engels, der sich in die Gestalt eines Engels des Lichtes verwandelt, ist es, mit der frommen Seele einzutreten und mit sich selbst auszutreten; will sagen: gute und heilige Gedanken, die einer solchen gerechten Seele angepaßt sind, einzuflößen, dann aber ganz allmählich zu seinem eigenen Ziele überzugehen, indem er die Seele in seine verdeckten Betrügereien und verkehrten Absichten hinzieht (y después, poco a poco, procura salirse con la suya, trayendo al alma a sus engaños cubiertos y perversas intenciones).“[6]

Eine weitere Imaginationsübung zur Unterscheidung der Geister benutzt das Bild vom Wasser, das auf einen Stein oder einen Schwamm tropft: „Bei denen, die vom Guten zum je Besseren voranschreiten, berührt der gute Engel die Seele sanft, leicht und lind wie ein Tropfen Wassers, der in einen Schwamm eindringt (ángel bueno toca al alma dulce, leve y suavemente, como gota de agua que entra en una esponja). Der böse dagegen berührt sie spitz und scharf und mit Gedröhn und Unruhe, wie wenn der Tropfen Wassers auf einen Stein fällt (y el ángel malo toca agudamente y con ruido e inquietud, como cuando la gota de agua cae sobre la piedra).“[7]

Als Bekehrter bleibt Ignatius, der er ist: ein ritterlicher Mensch und Kämpfer. Aus der Gemeinschaft des Ignatius werden Einzelkämpfer mit eisernem Willen hervorgehen, die, bereit zum Martyrium, den katholischen Glauben bis ans Ende der Welt bringen werden. Ihre Stärke kommt aus der Bindung an eine Hierarchie, die ihr Vorbild in den himmlischen Chören der Engel hat. Es war gewiß kein Zufall, daß Ignatius mit seinen ersten Gefährten einen Bund in der Krypta von St. Denis (Paris) schloß, also an jenem Zentralheiligtum, wo Dionysios der Areopagit der Legende nach begraben worden war. Der Vater aller Engelforschung vermittelte mit seinen neun Chören der Engel das Urbild einer klaren himmlischen Ordnung, dem Ignatius mit seinem Orden ein irdisches Gegenstück einer kämpfenden Kirche schuf. Hierarchien im Himmel und auf Erden sind nur effektiv, wenn sie das Prinzip der Unterordnung anerkennen („la santa subordinación de una jerarquía a otra“). So schreibt Ignatius in einem Brief vom 14. Januar 1548 an einen Gefährten. Nach dem Bundesschluß gingen die Gefährten zur Quelle des Heiligen Dionysios am Square Suzanne-Buisson an der Rue Giradu.

Die Aufgabe der Unterscheidung der Geister stellt sich zu jeder Zeit neu. In der Epoche der großen bolschewistischen, faschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen richteten die Jesuiten Erich Przywara (1889–1972) und Hans Urs von Balthasar (1905–1988) ihren Blick auf den Ordensgründer. Beide waren Künstlernaturen. Przywara, selbst ein Dichter von Graden, arbeitete vom 6. Mai 1933 bis zum 19. Februar 1938 an einem dreibändigen Kommentar zu den Exerzitien. Die Rohbogen der ersten Auflage wurden bei der Bombardierung Freiburgs vernichtet. Erst im Jahr 1964 konnte im Wiener Herold Verlag das Werk Deus semper maior. Theologie der Exerzitien vollständig erscheinen. Przywara selbst war bei der Edition auf Hilfe angewiesen. Der Hochsensible litt wie so oft in seinem Leben an schweren Anfechtungen und Angststörungen. Vielleicht sind sie eine notwendige Voraussetzung, um den sehr persönlichen Hintergrund der geistlichen Übungen zu erkennen. Mutig spricht Przywara aus, was die moderne Theologie nicht mehr hören wollte. 

Die Seele „ist preisgegeben zum Kampfplatz und Kampfgegenstand zwischen Himmel und Hölle“.[8] So stehe der Mensch „zwischen lebendigen Engeln und Teufeln“.[9] Er erlebe „ein gesteigertes Ausgesetztsein in das Übermächtige“.[10] Ignatius spricht von einem Zustand „agitado de varios espiritus“ zwischen „consolaciones o desolaciones“. Der Teufel aber kämpfe nicht mit offenem Visier. Um seine wahre Gestalt zu erkennen, bedarf es der Unterscheidung der Geister. Der Teufel (mal espíritu) ist der Sünder von Anbeginn, der Lügner, der Mörder. Gegen ihn kämpfen Michael und seine Engel (buen espíritu, buen ángel). Die Seele ist daher der Schauplatz eines überweltlichen Kampfes, ist „in ihrem persönlich Intimsten Teil des allgemeinen Kriegsschauplatzes der Heilsgeschichte“.[11] Zusammengefaßt: „Religiöses Leben ist damit wesentlich Situation zwischen Himmel und Hölle“.[12] Auch wenn der Teufel sich hinter tausend Masken verstecke, so gibt es doch ein eindeutiges Zeichen seiner Gegenwart. Seine Wirkungen verursachen Traurigkeit und Verstörung (tristeza y turbación). Die Anwesenheit des Engels merke der Mensch an der Freude und Fröhlichkeit im Geist (alegría y gozo spiritual). Die Unterscheidung der Geister ist ein Übungsweg, wie das Gleichnis des Tropfens auf dem Stein oder auf dem Schwamm lehrt: Engel rühren die Seele in Sanftmut an, süß, leicht, lind. Sie führen zur Stille. Teufel stiften Unruhe und machen ein großes Gedröhn. Es gibt aber nach Ignatius auch den gegenteiligen Effekt: Wenn die Seele im Bösen verhärtet ist, muß sich der gute Engel hier „laut“ bemerkbar machen und den falschen Trost entziehen!

Przywara sieht auch den Bezug der Ordensdisziplin zu den himmlischen Hierarchien: Der Dienst der Engel ist ein Vorbild des heiligen Gehorsams. „Und so sieht man bei den Engeln Unterordnung der einen Hierarchie zur anderen.“[13] Wie die Engel, so sollen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu nicht ihrem eigenen Willen folgen, sondern „als Werkzeuge und Boten und Kündende restlos Ausstrahlende und Ausströmende des Göttlichen Willens“[14] sein. Ordensdienst ist also Engeldienst.

Die Unterscheidung der Geister hatte ihren lebensweltlichen Ursprung in den Anfechtungen von Manresa. Sie steigerten sich bis zu Suizidgedanken und fanden ihren psychosomatischen Ausdruck in nervösen Magenleiden. In der dritten Person berichtet Ignatius auch von großartigen Erleuchtungen und ungewöhnlichen geistlichen Tröstungen, die sich aber bei näherer Betrachtung als teuflische Illusion entpuppten. „Deshalb begann er zu zweifeln, ob jene Erleuchtungen vom guten Geiste kämen, und er gelangte bei sich zu dem Schluß, es sei besser, die Erleuchtungen fahren zu lassen und die festgesetzte Zeit dem Schlafe zu widmen; und so machte er es denn auch.“[15] Oft hatte er am hellen Tage die gleiche Vision. Eine außerordentlich schöne Gestalt mit vielen Augen schwebte neben ihm in der Luft. Der sieche Ignatius spürte einen großen Trost, traute aber dieser Regung nicht, denn das lichte Wesen war eine Schlange. Jenes Gesicht sollte ihn auch in seinem weiteren Lebenslauf immer wieder irritieren. Klar, „daß es der böse Geist sei.“[16] Ignatius vertrieb jedes Mal den Unhold mit seinem Pilgerstab. 

Hans Urs von Balthasar war ein begnadeter Musiker und Schriftsteller. Neben seinem wissenschaftlichen Werk verfaßte er mit seinem Medium Adrienne von Speyr viele Bände einer Visionsliteratur, in der Ignatius selbst auftritt. S.P.N. – Sanctus Pater Noster wird er genannt. Bei Balthasar kommentiert der Heilige seine eigenen Schriften. Der Teufel in Manresa, so berichtet Ignatius angeblich selbst,[17] sei der gleiche Teufel, der Jahrzehnte später den Pfarrer von Ars bedrängt habe. Der Streit um die Anerkennung der Echtheit dieser Privatoffenbarungen führte bei Balthasar zum Bruch mit den Jesuiten und der Vision eines neuen Ordens aus dem Geist des Ignatius. Ein Fremdkörper in der Gesellschaft Jesu blieb auch der neben John Keats (1795–1823) berühmteste Lyriker Englands im 19. Jahrhundert: Gerard Manley Hopkins (1844–1889) konvertierte unter John Henry Newman und wurde Mitglied des Jesuitenordens. Er war dem Ordensgründer Ignatius sehr nahe und daher den Jesuiten seiner Zeit und ihrem Rationalismus und Psychologismus sehr fern. Hopkins wußte noch: „Ehe Gott nämlich König der Menschen war, war er König der Engel, und ehe der Mensch fiel, waren Engel gefallen. Der Mensch wurde geschaffen, die Stelle der Engel einzunehmen.“[18] In seiner theologischen Ästhetik Herrlichkeit widmet ihm Balthasar ein umfangreiches Kapitel, das auch als verstecktes Selbstbildnis gelesen werden kann. „Aber seine Karriere im Orden war eben die eines immer gründlicheren Scheiterns“, schreibt Balthasar über Hopkins. Es sei „im Orden gänzlich verkannt und herumgeschoben“[19] worden.

Bedrängt wurden Ignatius und seine frühen Gefährten auch von schönen Frauen. Frauendienst gehört zum Rittertum. Doch dient der Ritter der verheirateten Frau, die unerreichbar höher über ihm steht wie ein Seraphim über einem Engel der neunten Ordnung. Der Lohn ist nicht nur die Gunst der hohen Dame, sondern auch ein sicherer finanzieller Hintergrund für die diakonischen Aufgaben des christlichen Ritters. „Es ist nötig, daß wir sehr auf uns selbst acht haben und uns auf keinen Verkehr mit Frauen einlassen, es seien denn sehr vornehme“, schärft Ignatius seinen Gefährten ein. In Rom hatte Franz Xaver einer Frau die Beichte abgenommen und besuchte sie ein zweites Mal, „um über ihre geistlichen Angelegenheiten zu sprechen. Nachher wurde sie schwanger gefunden; doch der Herr fügte es, daß der Übeltäter entdeckt wurde.“[20] Diese Erfahrungen machten auch anderen Männer an der Seite des Ignatius. 

Ignatius’ Muttersprache war das Baskische. Seine Erinnerungen wurden in spanischer und italienischer Sprache aufgezeichnet. 1731 erfolgte die erste lateinische Veröffentlichung. Erst 1904 wurde der Urtext im Rahmen der großen Madrider Ausgabe der Monumenta historica Societatis Jesu veröffentlicht. Die erste deutsche Wiedergabe der Erinnerungen erfolgte dreihundert Jahre nach der Heiligsprechung und vierhundert Jahre nach der Entstehung des Exerzitienbuches durch den Jesuiten Alfred Feder (1872–1927). Feder war ab 1911 Professor für Dogmengeschichte und historische Kritik in Valkenburg. Wie viele Häuser der Jesuiten existiert es nicht mehr. Seine großen Buchbestände gingen nach St. Georgen. Die Gebäude wurden 1985 an Anhänger des Gurus Maharishi Mahesh Yogi verkauft. Seit 2018 steht es leer. Ein Lost Place der Geschichte des Jesuitenordens.

Alfred Feder machte 1922 in deutscher Erstübersetzung auch die zweite autobiographische Schrift des Heiligen, das Geistliche Tagebuch, einer breiteren Leserschaft zugänglich. Es berichtet auf jeder Seite vom Tränencharisma, das in der mittelalterlichen Welt der Ritterromane als ein Zeichen der Gnade galt. Wolfram von Eschenbach spricht in seiner Legende Willehalm sogar von der Tränentaufe, mit der ein Heide das Heil erreichen kann. Alexander Puschkin verbindet mit dem Tränencharisma das Glück des Gelingens großer Dichtung.

„Vor der Messe, während derselben und nach derselben Überströmen von Andacht mit Tränen und infolgedessen Augenschmerzen“,[21] erinnert sich der alte Ignatius. Die Tränen bezeugen den Moment tiefster Erfahrung der letzten Wahrheit. Diese liegt im Geheimnis und ist daher nur in Bildern anzudeuten. Daher verschlägt es Ignatius nicht nur die Stimme. Ihm fehlen auch die Worte. Wenn der Teufel weicht und der Engel sichtbar wird, dann ist die Grenze des Sagbaren erreicht. Jetzt gilt es nicht mehr die Geister zu unterscheiden, sondern seiner Berufung mit Entschiedenheit und unbeugsamer Willenskraft zu folgen. Priesterdienst ist Engeldienst. Er vollzieht sich in geistlicher Süße (dulzura espiritual). „Vor dem Vorbereitungsgebet neue Andachtsstimmung mit dem Gedanken oder Urteil, ich müsse zum Amte des Messelesens wie ein Engel hinzutreten oder ein solcher sein, und dabei kamen mir süße Tränen in die Augen.“[22] 

Tränen der geistlichen Süße vergießt der Heilige auch bei einer seiner zahlreichen Erscheinungen vor Hans Urs von Balthasar. Es ist die Zeit des großen Umbruchs zwischen der Ablösung von der Gesellschaft Jesu und der Neugründung der Johannesgemeinschaft. In ihr sieht Ignatius eine Fortsetzung seines Erbes und deshalb ist er zu Tränen gerührt: „In den kritischen Monaten hat der Heilige einmal während einer Erscheinung vor Adrienne geweint; sie reichte ihm ein Taschentuch, das sie von ihm ganz naß zurückerhielt.“[23]

Tränen bezeugen, daß der letzte Punkt berührt ist. Stille und Andacht. Das Zeichen des Teufels ist die Unruhe des Herzens. In seinem römischen Haus fühlt sich der Heilige immer wieder durch einen Teufel bedrängt, der wie Luthers Gegner auf der Wartburg mit großem Poltern Unruhe verbreitet. Ganz verwirrt fühlt sich Ignatius, findet an keinem Ort des Hauses Ruhe. Schon tauchen wieder die alten Suizidgedanken auf. Dann rettet ihn eine Vision des himmlischen Hofstaates. Er hört die Musik der Engel. Dieser Trost fordert den Teufel heraus. Ignatius aber beschließt, jetzt mit Entschiedenheit einen Schlußstrich zu ziehen: „Scher dich an deinen Ort – á tu posta!“[24] Das ist die Kurzform des Exorzismus. Kein langes wortreiches Ritual, sondern das eine wirkmächtige Wort, wie es auch Jesus sprach. Hinter dem Tränencharisma leuchtet dann eine höhere Ordnung auf. Engel vergießen keine Tränen bei ihrer inneren Andacht. Ignatius sieht den Kreis der Himmelschöre und vernimmt ihre Sprache. Sie ist reine Musik. Damit endet das Geistliche Tagebuch. Ignatius war kein Gelehrter. Wenige Jahre nach dem Tod des Ordensgründers sollte Francisco Suárez SJ (1548–1617) die umfassende Angelologie De angelis (1620) entwickeln, die nach seinem Tod erschien.

Die Unterscheidung der Geister zielt auf einen Exorzismus. Wer die Menschen lehren will, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden, der muß auch den Blick auf den Widersacher schärfen. So war Petrus Canisius, der in das Deutschland der Reformation ging, als Erzieher auch Exorzist. Besonders das Haus Fugger suchte seinen Beistand. Mit seinem Namen ist heute eine von Jesuiten geführtes Berliner Gymnasium verbunden, das den Teufel des Mißbrauchs in den eigenen Reihen auszutreiben versuchte. Seit 1559 lebten Jesuiten in München. Am 7. Juli 1597 wurde die Kirche des Engels mit dem Schwert der Unterscheidung geweiht. Sein Kampf gegen den Teufel wurde durch den Bau der Michaeliskirche und einer angeschlossenen Bildungseinrichtung zum Vorbild der streitenden Kirche in den Wirren der Reformation. Zahlreiche weitere jesuitische Bildungsanstalten und Kollegien wurden unter den Schutz von St. Michael gestellt, etwa das Kollegium St. Michael in Fribourg (Schweiz), gegründet von Petrus Canisius.

Die Kunst der Unterscheidung der Geister wurde in den Dramen der Jesuiten zu einem erzieherischen Programm. „Triumph des Heiligen Michael“ (Triumphus divi Michaelis, archangeli Bavarici) stellt die zeitlos aktuelle Frage: „Quo fugis Ecclesia!“ – „Wohin fliehst du, Kirche? Zittere nicht: Gott verspricht dir Hilfe. Der Drache allerdings wird rasen und sich anstrengen, deine Söhne zu entführen. Daraufhin aber wird der Sproß umso stärker ausschlagen. Hab keine Angst, winzige Schar.“[25] Das Ziel der Unterscheidung der Geister ist die Bereitschaft zum Einsatz für die kämpfende Kirche. Sie schließt das Martyrium ein. Der Drache hat viele Häupter. Das hatte Ignatius selbst erfahren. Dazu gehörten Seuchen wie die Pest und die Bedrohung der Kirche durch die kriegerische Ausbreitung des Islam. Ignatius’ zweiter Versuch einer Pilgerreise über Venedig ins Heilige Land scheiterte an der Übermacht muslimischer Truppen im Mittelmeer. Erst in der Seeschlacht von Lepanto konnte sie bezwungen werden. 100 000 versklavte Christen kamen frei. So fordert auch der „Engel Bayerns“ am Schluß des Dramas dazu auf, dem Glauben treu zu bleiben, „dann werden euch nicht die gottlosen Waffen Mohammeds schaden, dann wird die Pest der Häresie niemals eure Grenzen rühren.“[26] 

Wie man mit dem Teufel umgeht, hatte Ignatius gezeigt. Ein Wörtlein kann ihn fällen. So war es ein Anachronismus, als Adolf Rodewyk SJ (1894–1989) im Fall der Anneliese Michel[27] auf jene Rituale setzte, die wie ein Stich in ein Hornissennest wirkten, weil sie gleichsam die Besessenheit schufen, aus der sie zu befreien vorgaben. Nach über fünfzig exorzistischen Sitzungen starb Anneliese Michel (1. Juli 1975) eines Hungertodes. Wie Johannes Leppich (1915–1992) war Rodewyk durch die Kriegsjahre und die Verfolgung der Ordensmitglieder entscheidend geprägt. Pater Leppich war Kaplan in Breslau gewesen. Seine Erlebnisse von Mißbrauch und Vertreibung zitierte er immer wieder in seinen öffentlichen Vorträgen. Sie fanden an ungewöhnlichen Orten wie einem Zirkuszelt oder auf der Reeperbahn statt. Leppich war nach dem Krieg Flüchtlingsseelsorger: im Mai 1946 Lagerpfarrer in Friedland, im Herbst 1946 Straßenprediger in Essen. Seine Bücher wie Christus auf der Reeperbahn (1956) erreichten sehr hohe Auflagen. 3 x Satan erschien 1955 in einer Startauflage von 50 000 Exemplaren. Die Teufel des Pater Leppich heißen Materialismus, Sexualismus und Liberalismus. Seine Predigten waren ein Kampf gegen den Zeitgeist mit dem Ziel der Unterscheidung der Geister. „Christus oder Chaos?“, hieß es plakativ im Jargon der BILD-Zeitung. Aus heutiger Sicht sind seine Predigten ein lebenspralles kulturgeschichtliches Bild der 1950er Jahre und ihrer Dämonen. Wenn sich Pater Leppich besonders in Fragen der Sexualmoral engagierte, dann hatte dies einen lebensweltlichen Hintergrund in den Mißbrauchserfahrungen. „Ich habe es miterlebt, wie nach 1945 so ein bolschewistischer Bluthund in unser Zimmer kam, wo ich zwanzig Mädel vor der Gier der bolschewistischen Soldateska versteckt hatte. Die Bestie ging auf ein Mädel los, und sie alle fingen in ihrer Verzweiflung an zu schreien. Da riß ein Mädel in letzter Seelennot den Rosenkranz heraus und hielt ihn wie eine Waffe oder wie ein Beschwörungsmittel dem Bolschewisten vor das Gesicht. Er zuckte zurück, er war verwirrt. Er schoß in die Luft und verließ die Stube in einer hastigen Scheu vor dem Unbekannten, das ihn unsicher machte.“[28] Nicht jede Begegnung mit den Besatzern endete so glimpflich. In einem anderen Fall stellte sich ein Kaplan vor die Mädchen. Der Bolschewist schoß ihm ins Gesicht.

Rodewyk und Leppich verbrachten ihre letzten Jahre in einem Altenheim des Ordens in Münster. Hier liegen sie auch im Garten von Haus Sentmaring begraben. Das Heim ist schon längst aufgelöst. Die Unterscheidung der Geister findet heute auch im Orden auf weitgehend psychologischer Ebene statt. Der letzte Künstler, der den Ordensgründer im Kampf gegen die Dämonen zeigte, war Peter Paul Rubens. Das großformatige Werk Die Wunder des Heiligen Ignatius von Loyola (1617/18) wurde ursprünglich für den Hochaltar der Antwerpener Jesuitenkirche geschaffen. Heute hängt es im Kunsthistorischen Museum Wien.

 

[1] José Garcia de Castro SJ. Artikel „Ángel“. In: Diccionario de Espiritualidad Ignaciana. Bilbao y Santander 2007. S. 157–161. „Es relativamente frecuente en los escritos ignacianos encontrarse con referencias a los ángeles.“ (S. 157) Stefan Kiechle SJ. Engel als Boten des Geistes. In: Stimmen der Zeit 149 (2024) 883–892 hat wie Karl Rahners SJ Aufsatz Über Engel (In: Schriften zur Theologie. Band XIII. Bearbeitet von Paul Imhof. S. 381–428) die ignatianische Überlieferung nicht im Blick.
[2] Walter Nigg. Vom Geheimnis der Mönche. Artemis Verlag. Zürich und Stuttgart 1953. S. 374.
[3] Lebenserinnerungen des Hl. Ignatius von Loyola. Nach dem spanisch-italienischen Urtext übertragen, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Alfred Feder SJ. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Regensburg 1922. S. 26 f. (Nr. 8 und 9). Vgl. S. 114 f. (Nr. 99). Ich bevorzuge aus ästhetischen Gründen diese Übersetzung. 
[4] Ignatius von Loyola. Exerzitien. Übersetzt von Hans Urs von Balthasar. Verlag Josef Stocker. Luzern 1946. Nr. 50. S. 52 f.
[5] Ebd. Nr. 329. S. 159 f.
[6] Ebd. Nr. 332. S. 140 f.
[7] Ebd. Nr. 335. S. 142.
[8] Erich Przywara. Deus semper maior. Theologie der Exerzitien. Herold Verlag. Wien 1964. Band I. S. 32.
[9] Ebd. I. 128.
[10] Ebd. I. 130.
[11] Ebd. I. 205. 
[12] Ebd. I. 206.
[13] Ebd. II. 345.
[14] Ebd. II 346.
[15] Lebenserinnerungen der Hl. Ignatius von Loyola. S. 44 (Nr. 26).
[16] Ebd. S. 49 (Nr. 31).
[17] Adrienne von Speyr. Ignatiana. Herausgegeben und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar. Privatdruck des Johannes Verlages. Einsiedeln 1974. S. 229 (= Die Nachlaßwerke, Band XI).
[18] Gerard Manley Hopkins SJ. Gedichte, Schriften, Briefe. Übersetzt von Ursula Clemen und Friedhelm Kemp. Kösel Verlag. München 1954. S. 418 (= Predigt vom 21. Januar 1880).
[19] Hans Urs von Balthasar. Herrlichkeit. Band II. Teil 2. Johannes Verlag. 1962. S. 738 f.
[20] Lebenserinnerungen. S. 117. 
[21] Aus dem Geistlichen Tagebuch des hl. Ignatius von Loyola. Nach dem spanischen Urtext übertragen, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Alfred Feder SJ. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Regensburg 1922. S. 37.
[22] Ebd. S. 90.
[23] Hans Urs von Balthasar. Vorwort zu: Ignatiana. S. 13.
[24] Geistliches Tagebuch. S. 94.
[25] Triumph des Heiligen Michael, Patron Bayerns. Hrsg. von Barbara Bauer und Jürgen Leonhardt. Schnell und Steiner. Regensburg 2000. S. 147.
[26] Ebd. S. 297.
[27] Vgl. Uwe Wolff. Der Teufel ist in mir. Der Fall Anneliese Michel, die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland. Heyne Verlag. München 2006.
[28] Pater Leppich. 3 x Satan. Bastion Verlag. Düsseldorf 1955. S. 60 f. Vgl. dazu: Das „Maschinengewehr Gottes“: P. Leppich. In: Klaus Schatz. Geschichte der deutschen Jesuiten (1814–1983). Band IV. Aschendorff Verlag. Münster 2013. S. 147–150.

 

Abbildung: Peter Paul Rubens: Der hl. Ignatius von Loyola (1610–12; Wikimedia Commons)

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