LOGBUCH XCVI (22. Juni 2026). Von Uwe Wolff
Mit Wissenschaft ist dem Teufel nicht beizukommen. Das lernte ich als junger Student der Theologie, als ich im ersten Semester mit sehr gutem Erfolg eine Arbeit über die Dämonenaustreibung in der Synagoge von Kafarnaum (Mk 1,21–28) schrieb, ohne etwas von den Dämonen des Lebens begriffen zu haben. In Münster gab es den Teufel nicht mehr. Man behauptete, er sei durch die Exorzismen der Neutestamentler vertrieben worden. Daß dieser Optimismus einer Tendenz der Zeit entsprach, erkannte ich erst im Rückblick.
In jenen Februartagen 1977 hatte ich eine merkwürdige Begegnung. Auf meinem Schreibtisch lagen neben dem griechischen Neuen Testament die wissenschaftlichen Kommentare zur Dämonenaustreibung von Kafarnaum und Gisela Friedrichsens (*1945) Gerichtsreportagen über den Exorzismusfall der Anneliese Michel aus Klingenberg/Main. „Dies alles gibt es also“ (Ernst Jünger), dachte ich, und es war rätselhaft und ungeklärt, wie das terroristische Morden der Baader-Meinhof-Gruppe.
Gibt es den Teufel und die Dämonen des Lebens oder gibt es sie nicht? War alles nur Illusion oder Lüge, was die Kirche seit Jahrtausenden über den gefallenen Engel und seinen Sturz aus dem Himmel gelehrt hatte? Ein junger Theologe sollte in dieser Sache Bescheid wissen. Aber wen hätte ich fragen können, ohne mich lächerlich zu machen? Vielleicht hätte mir der Bultmann-Schüler Günter Klein (1928–2015) den Proseminarschein aberkannt?
In dieser Situation wurde ich einmal mitten in der Nacht plötzlich wach, drehte mich auf die rechte Seite und blickte in die Tiefe meines Zimmers. Dort stand in vier Metern Entfernung eine weiße Lichtgestalt von Menschengröße. An Attribute wie Flügel kann ich mich so wenig erinnern wie an Gesichtszüge. Die Gestalt strahlte jedoch ein Licht auf die unmittelbare Umgebung aus. Ich hatte vorher dergleichen nie erlebt und konnte damit auch nicht umgehen. Sicherlich hätte ich aus dem Bett steigen sollen und auf die Gestalt zugehen. Sie hätte sich dann vielleicht verflüchtigt und als pure Einbildung erwiesen. Oder auch nicht! Was wäre dann gewesen? Ich hatte keine Angst, dachte nur so etwas wie: „Ich will das jetzt nicht sehen!“ Mit einer leichten inneren Abwehr drehte ich mich im Bett auf die linke Seite, zog die Decke über den Kopf und schlief nach einiger Zeit ein. Merkwürdiger als die Erscheinung selbst war ihre Verankerung in meiner Erinnerung bis auf den heutigen Tag. Ich habe sie nie vergessen und bin noch heute überzeugt, daß dort jemand leibhaftig anwesend war.
Ich hatte mein Lebensthema gefunden. Aber das wußte ich noch nicht. Das Studium war abzuschließen. Das Referendariat begann. Ich wurde Lehrer und dreifacher Vater. Nach verschiedenen Publikationen zur Angelologie veröffentlichte ich 1993 meine Kulturgeschichte Die Engel des Lebens (5., völlig neubearbeitete Auflage im Lepanto-Verlag 2024) und fühlte mich vorbereitet für einen Descensus ad inferos. Der Fall Anneliese Michel wurde zu einem Kapitel meines Buches Der gefallene Engel. Eine kleine Kulturgeschichte des Teufels (2., völlig neubearbeitete Auflage im Lepanto-Verlag 2024).
Ostern 1994 bot sich mir die Gelegenheit, die Mutter von Anneliese Michel zu treffen. In Klingenberg hatte sich ein merkwürdiger Heiligenkult entwickelt, nachdem Anneliese am 1. Juli 1976 gestorben war. Aus mehreren Ländern Europas pilgern Menschen zu ihrem Grab. Der Vater hat ihr eine Kapelle errichtet. Es hieß, Anneliese Michel sei in der Nachfolge Christi als Sühnebesessene gestorben. Noch nie war ich mit solchen Frömmigkeitskreisen in Berührung gekommen. Ihre Vorstellungen von den Dämonen des Lebens hätte ich gerne als mittelalterlich abgewehrt, wenn die zahlreichen wissenschaftlichen Deutungen der Psychologen, Mediziner und Juristen eine vernünftige Klärung des Falles ergeben hätten. Ich dachte an Goethes Worte:
„Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.
Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht.“
(Faust, Verse 11.410 ff.)
Auf Katheder und Kanzel kam der Teufel kaum noch vor, in Klingenberg sprach man von ihm so vertraut wie einst Luther in seinen Tischgesprächen. Dazu traten merkwürdige Gleichzeitigkeiten auf. Bei einem kleinen Verlag in Altötting bestellte ich das Buch von Kaspar Bullinger über den Fall Michel. Es war mit Zustimmung der Familie geschrieben worden. Bei der Verlegerin erkundigte ich mich nach dem Autor und erfuhr, daß er inzwischen verstorben sei. Die Dämonen hätten ihm gesagt, wenn er das Buch geschrieben habe, werde er sterben müssen. So sei es gekommen, und ich solle aufpassen, daß es mir nicht ebenso ergehe. Dergleichen habe ich im Laufe des Jahres des öfteren gehört.
In einer Augustwoche wohnte ich oberhalb des Mains im Kloster Engelberg. Der Guardian und Engelforscher Pater Franz Gruber OFM (*1950) wurde mein Seelsorger und Begleiter bei den kommenden Interviews mit Zeitzeugen, darunter der ehemalige Verlobte Peter Himsel, die Mutter Anna Michel, die Schwester Roswitha Ries, der Exorzist Ernst Alt und die Pilgerleiterin nach St. Damiano, Thea Hein. Der Exorzist Pater Arnold Renz SDS (1911–1986) war inzwischen verstorben. Ebenso der Würzburger Bischof Stangl (1907–1979) sowie der von ihm beauftragte Chefexorzist Adolf Rodewyk SJ (1894–1989). Der Hochschullehrer aus St. Georgen hatte Generationen von Priestern geprägt. Er war 1989 im Haus Sentmaring, dem inzwischen abgerissenen Altenheim der Jesuiten in meiner Heimatstadt Münster, gestorben.
Pater Franz und ich verbrachten den Montagabend im Gespräch. Es war ein sehr schwüler Tag gewesen. Um Mitternacht lag ich in meinem Zimmer, war schnell eingeschlafen, wenngleich mich beim Betreten des Zimmers der Anblick des Gemarterten über meinem Bett allzu sehr ergriffen hatte. Ein Gewitter weckte mich. Eindrucksvoll zuckten die Blitze über dem Main. Doch dann wurde mir der Spuk unheimlich und versetzte mich schließlich in Panik, als plötzlich aus dem Heizkörper unter dem Fenster ein etwa dreißig Zentimeter langer Blitz herausschoß und in dem Zimmer einen Brandgeruch hinterließ. Ich suchte Zuflucht im Gebet. Dann schoß ein zweiter Blitzstrahl aus dem Heizkörper, wieder von Brandgeruch begleitet.
„Das Grauen, das Grauen, das Grauen!“, heißt es in Joseph Conrads Erzählung Das Herz der Finsternis. Auch Edgar Allan Poe beschreibt es. Doch wie konnte es mir an dieser Stätte des Gebetes zur Anfechtung werden? Mir war meine wenig souveräne Reaktion peinlich. Ich hätte auf der Stelle das Zimmer verlassen, wenn ich dazu eine Möglichkeit gesehen hätte. „Was geht mich diese Spukgeschichte an!“, dachte ich. Ich hatte Momente der Beunruhigung erlebt. Hier aber war mehr. „Dies alles gibt es also.“ Ich traute mich nicht, an die Zimmertür meines Seelsorgers zu klopfen. Er würde mich nicht nur für verrückt, sondern auch für abergläubisch halten. Wie könne ich von dämonischer Angst an diesem Ort ergriffen werden? Das Schicksal des Heiligen Antonius und anderer Einsiedler der ägyptischen Wüste hatte ich in dieser Nacht vor Augen. Aber es tröstete mich nicht.
Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück. Pater Franz erzählte, der Blitz habe in der vergangenen Nacht zweimal ins Kloster Engelberg eingeschlagen, die Elektronik der Turmuhr und der elektrischen Pforte lahmlegend. Als ich im Laufe des Vormittags mit der Pilgerleiterin Thea Hein telephonierte, sagte sie ohne Umschweife, die Blitze hätten allein mir gegolten und ich solle mich auf einiges gefaßt machen, wenn ich das Buch über den gefallenen Engel und die Dämonen des Lebens wirklich schreiben wolle. Pater Franz hatte ich schriftliche Erinnerungen des Freundes der Anneliese Michel übergeben. Er wollte sie während des Vormittags lesen. Um fünfzehn Uhr waren wir mit Frau Michel zu einem weiteren Gespräch verabredet. So klopfte ich um Viertel vor drei Uhr an die Tür seines Arbeitszimmers. Kreidebleich trat er heraus, druckste und bat mich um Entschuldigung: Er könne mich nicht begleiten.
Den Grund nannte er mir erst am Ende der Woche. Bei der Lektüre der Erinnerungen habe ihn plötzlich eine Herzbeklemmung ergriffen, er habe sich auf das Bett geworfen mit dem Gefühl, eine schwere unsichtbare Last liege über ihm. War es der Alb der Perversion, von dem Poe spricht? Nein, wir befanden uns in keinem Roman. In seiner Not habe er zum Telephon gegriffen und eine Freundin angerufen, mit der er im spirituellen Austausch stehe. Sie habe ihn gewarnt, sich mit dem Fall Michel nicht zu beschäftigen und mich nicht zu begleiten. Jetzt habe sie ihre Befürchtungen bestätigt gesehen, als ihr der Geistliche von seinen Beklemmungen erzählte. Am Telephon, so berichtete mir mein Gastgeber, habe ihn seine Gesprächspartnerin mahnend gefragt, ob er nicht die Peitschenschläge der Hölle in der Leitung vernehme?
Er war also nicht bereit mitzukommen. Woher sollte mir der Mut kommen? Gut, daß ich den Descensus ad inferos doch wagte. Der Nachmittag mit Anna Michel fand in dem Zimmer statt, wo die 53 exorzistischen Sitzungen durchgeführt worden waren. Umringt von Heiligenstatuen saßen wir allein an dem Tisch, auf dem Anneliese ihre Schulaufgaben gemacht hatte. Am folgenden Sonntag war er für mich und die Pilgerleiterin als Kaffeetafel gedeckt. Beide Frauen erzählten vor laufendem Tonband von Anneliese.
In dieser Woche hatte ich ein weiteres seltsames Erlebnis. Ich fuhr mit dem Wagen die Kirchen um Klingenberg ab, um die Darstellungen der Dämonen des Lebens und der Kämpfer gegen das Böse zu studieren, die Anneliese vor Augen gehabt hatte und die ihre dämonische Phantasie beflügelt haben könnten. Als ich in einem Gasthaus einkehren wollte, entschuldigte sich die junge Frau an der Rezeption dafür, daß sie mich vor einer Stunde bei meinem Rundgang durch Klingenberg beinahe überfahren habe. Sie dachte, ich hätte sie verfolgt. Ich hatte nichts von der Gefahr bemerkt. Der Engel war nicht von meiner Seite gewichen. Ich war nicht allein hinabgestiegen, sondern von unsichtbarer Hand geführt worden. „Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel. Wenn das nicht so wäre, wären wir schon längst zugrunde gegangen!“, behauptete Luther. So ist es wohl.
Über die Darstellung in meinem Buch Der gefallene Engel hinaus verlangte das Thema eine breitere Entfaltung. So schrieb ich die Biographie der Anneliese Michel, die von ihrer Schwester Roswitha autorisiert wurde. Kein religiöser Verlag wagte sich an eine Veröffentlichung. Sie erschien unter dem Lektorat von Hermann Gieselbusch zuerst im Rowohlt Verlag (1999) und später in überarbeiteter Form unter dem Titel Der Teufel ist in mir. Der Fall Anneliese Michel, die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland bei Heyne (2006).
Die Arbeit am Mythos des Bösen kommt nie zu einem Ende. Deshalb ist jede Biographie nur eine Annäherung an das Mysterium iniquitatis. Auch hörten jene merkwürdigen Synchronizitäten, wie ich sie erlebt hatte, nicht auf. Wer sie zu ergründen versucht, begibt sich auf den falschen Weg. In einer Welt voller Teufel ist allein der Blick auf die Engel heilsam. Mit der Relation 5:1 läßt sich leben. Anneliese Michel hatte diese Balance in ihrer Seele nicht gefunden. Ihr schrecklicher Tod führte zu einem Prozess, in dem Eltern und Exorzisten wegen unterlassener Hilfeleistung zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Das zuständige Würzburger Bistum hat sich nie zu dem Fall Michel geäußert.
Noch heute gibt es die Norm des canon 1172 § 1 CIC (Codex Iuris Canonici), wonach ein Priester den Auftrag des Bischofs braucht, um den Exorzismus erlaubt auszuführen. Da nicht jeder dazu geeignet ist, liegt es nahe, einen Priester grundsätzlich damit zu beauftragen, wobei der Auftrag nach geltendem Recht für jeden einzelnen Exorzismus zu erteilen ist. Der Name dieses Priesters ist geheim. Anfragen gehen über den Leiter der Hauptabteilung Pastoral (heute Bereich Sendung).
Abbildung: Grabstein der Anneliese Michel (Wikimedia Commons)