Heilige Systemsprenger – Ein widerständig gläubiges Trinkgespräch

LOGBUCH XCV (8. Juni 2026). Von Thomas Keith

 

Schul- und Systemsprengungen

Am Montag, den 10. September 2024, fiel an fünf Schulen der Hansestadt Hamburg der Unterricht aus. Grund dafür war eine E-Mail, die vor Unterrichtsbeginn bei den Bildungseinrichtungen eingegangen war und in der mit einem Sprengstoffanschlag gedroht wurde. Die alarmierte Polizei nahm die Drohung ernst und durchsuchte die Gebäude, fand jedoch keine verdächtigen Gegenstände oder Personen. Im Laufe des Tages wurden ähnliche Fälle in anderen Bundesländern bekannt. Im Westen Brandenburgs ging die Polizei am Morgen Hinweisen von sechzehn Schulen über E-Mails mit bedrohlichem Inhalt nach. Auch Schulen in Rheinland-Pfalz erhielten nach Angaben des Landeskriminalamts anonyme Bombendrohungen.

Zwei Tage danach, am Festtag Mariä Namen, unterhielten sich der Oboist Cyprian (47) und die Byzantinstin Iva (42) nachmittags in der Cafeteria der Musikhochschule Karlsruhe über diese Nachricht. Sie schätzen diese Lokalität nicht nur wegen deren Lage im Gewölbekeller des Schlosses Gottesaue, sondern vor allem weil sich hier nach 15 Uhr, wenn nur noch Automaten für die Versorgung verfügbar sind, kaum Leute niederlassen, die laut zu sprechen und zu lachen pflegen und mit deren Präsenz sonst fast überall zu rechnen ist. Cyprian hatte zur Feier des Tages einen Maristiner eingeschenkt. Diese Spirituose wurde als Sonderedition in der Klosterdestillation St. Josef in Furth bei Landshut zum zweihundertjährigen Jubiläum der Maristen produziert. Die nach einem Geheimrezept zusammengestellten angeblich über vierzig Pflanzen, Kräuter und Wurzeln ergeben ein honiggolden schimmerndes Elixier, dessen dominierende Geschmacksnoten in Ivas Wahrnehmung Thymian, Melisse, Salbei und Orangeblüte sind.

Davon inspiriert holte sie unvermittelt zu einer Tirade gegen das Schulsystem aus. „Das Schwimmen und Tauchen im eiskalten Wasser egoistischer Berechnung lehrt die Schule die jungen Menschen. Den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse zu verinnerlichen, das lehrt sie. Den Untertanenglauben an den Staat impft sie den jungen Geistern ein, die pekuniäre und industrielle Dummheit der Händlerhirne, stumpf gegen alles Erhabene. Sie formt den habgierigen Ellenbogenmenschen, den angepaßten Erfolgsmenschen, den ignoranten Wettbewerbs- und Konkurrenzmenschen, den in Zensuren gemessenen Leistungsmenschen.“

„Du klingst explosiv“, entgegnete Cyprian, von der Vehemenz dieser Sätze irritiert, mit leicht ironischem Lächeln.

„Gesprengt werden Systeme aber nicht durch den Einsatz chemischer Substanzen – sie sind aufzuheben. Aufheben im berühmten dialektisch zweifachen Sinn, ex und ultra. Hinaustreten aus den Grenzen. In der Selbsthingabe, welche die ökonomische Logik der Nützlichkeit durchkreuzt, öffnet sich der Aufstieg in eine Gegenwelt zum herrschenden Materialismus und Funktionalismus.“

Von Ivas abstrakt-aufrührerischem Schwung ließ Cyprian sich zu Parolen animieren. „Die verkommene Welt wird aufgehoben, indem ihr Anspruch überwunden wird, die einzige Welt zu sein. Die Weltveränderer und Weltverbesserer haben sie nur verschieden interpretiert und angepackt, es kommt aber darauf an, sie zu transzendieren.“

„Heilige sind die eigentlichen Systemsprenger“, sprang Iva nun zum Titel unseres Textes. „Sie verkörpern die Aufhebung. Sie verweisen, wie die Musik, auf eine Transzendenz, die das menschliche Leben übersteigt und ihm seinen Wert verleiht. Die Heiligen gehören zum Sprachschatz Gottes. Sie sind Strahlen der großen Sonne, geistige Glieder des ewigen Leibes, wie Hugo Ball in seinem Buch über drei frühchristliche Heilige schrieb [Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben (1923)]. Sie ziehen eine Lichtspur durch die finsteren Reihen der Jahrhunderte.“

„Laß uns deine These belegen, indem wir nach Balls Vorbild ein Triptychon heiliger Systemsprenger gestalten“, schlug Cyprian vor und zückte – gesagt, getan – sein Notizbuch, aus dem er die folgende Hagiographie zusammensetzte.

 

Martín de Porres

„Beginnen wir mit einem Ordensmann. Martín de Porres wurde 1579 als unehelicher Sohn einer freigelassenen Nachfahrin afrikanischer Sklaven und eines adeligen spanischen Kolonialbeamten in Lima geboren. Schon als Kind empörte er sich beim Anblick der Sklavenmärkte in seiner Heimatstadt, auf denen erniedrigte und Not leidende Menschen wie Vieh versteigert wurden. Schon als Kind verteilte er Geld und Nahrungsmittel an die Armen auf den Straßen und in den Gassen. Die Heilige Rosa von Lima war seine Zeitgenossin, Terziarin im Predigerorden wie er; sie arbeitete mit ihm in der Krankenpflege zusammen.

Gefirmt wurden beide von Erzbischof Toribio de Mogrovejo, Missionar, Anwalt und Beschützer der Indios gegen ihre Unterdrückung und die zynischen Grausamkeiten der Konquistadoren; 1726 wurde er heiliggesprochen.

Wegen seiner unehelichen Abstammung mußte Martín, auch wenn sein Vater die Elternschaft anerkannte, neun Jahre auf seine Profeß warten. Anfangs wurde er nur mit niederen Aufgaben betraut, die ihm den Spottnamen ‚Fray Escoba‘, ‚Bruder Besen‘ eintrugen, den er aber als Ehrentitel annahm, um sich in Demut zu üben. Tatsächlich machte er rasch große Fortschritte in seinem spirituellen Leben und wurde mit göttlichen Charismen beschenkt: Augenzeugen berichteten von Elevationen, Bilokationen und dem Eintritt durch verschlossene Türen; als Krankenpfleger wirkte er ungezählte Heilungen, gegen deren Bezeichnung als Wunder er sich freilich verwahrte: er pflege nur, Gott heile.“

„Mich erinnert einiges, was von ihm berichtet wird, an die mittelalterlichen Heiligen Franz von Assisi und Antonius von Padua aus dem Minoriten-Orden. Heiligkeit oder zumindest Hagiographie hat ihre Muster“, warf Iva ein.

Ohne darauf einzugehen, fuhr Cyprian fort: „Martíns Ruf verbreitete sich in Lima, sodaß er immer mehr Menschen anzog, Kranke, Arme, Obdachlose, Sklaven, Neugierige. Mit erbettelten Almosen ernährte er täglich um die 160 Personen. Seine Schwester brachte er dazu, eine Krankenstation in ihrem Haus zu eröffnen und gründete mit ihr ein Waisenhaus und weitere caritative Einrichtungen. Als er nach 45 Jahren im Konvent zum Heiligen Rosenkranz im Ruf der Heiligkeit auf dem Totenbett lag, erwies ihm sogar der Vizekönig von Peru die letzte Ehre, dem er als Ratgeber gedient hatte, wie auch manchen anderen Adligen, Mönchen oder Theologen. Hochverehrt vom Volk, wurde er erst 1837 selig- und 1962 von Johannes XXIII. heiliggesprochen. Er ist unter Anderem Patron des Heil- und Pflegepersonals und der sozialen Gerechtigkeit. Als solcher steht er systemsprengend für eine neue Ordnung: für den Dienst am Nächsten ohne Rücksicht auf den sozialen Status, für die Überschreitung gesellschaftlicher Schranken, für ein Leben nach dem Evangelium gegen Widerstände des Zeitgeistes in Kirche und Welt.“

 

Radegundis von Thüringen / Radegonde de Poitiers

Iva beschrieb nun natürlich eine Heilige. „Neben Bruder Martín soll eine Schwester stehen. Geboren um 520 als Tochter des Königs Berthachar von Thüringen, wurde Ragedundis mit 11 Jahren als Kriegsbeute verschleppt, nachdem die Frankenkönige Theuderich/Thierry I. und Chlothar/Clotaire I. in der Schlacht an der Unstrut die Thüringer besiegt hatten. Auf Chlothars Landgut in Athies an der Somme (Picardie) wurde sie zusammen mit einem ihrer Brüder christlich erzogen, lernte Lesen, Schreiben und Latein. Die Franken waren eifrige Schüler der spätlateinischen Kultur.

Chlothar war der jüngste Sohn Chlodwigs/Clovis’ I., der sich im Jahr 500 durch den heiligen Bischof Remigius/Rémy in Reims als erster Fürst aus einem germanischem Stamm hatte taufen lassen und damit das Zusammenwachsen der Franken mit den bereits christianisierten Galloromanen ermöglichte – ein wichtiger Meilenstein in der Christianisierung Europas. Bei der Teilung des Reiches unter Chlodwigs Söhnen nach seinem Tod (die Primogenitur wurde im Frankenreich erst später durchgesetzt) erhielt Chlothar den quantitativ kleinsten Teil und verbrachte daher die meiste Zeit seines weiteren Lebens mit der Erweiterung seines Territoriums auf Kosten seiner Nachbarn und Verwandten. Zur Ausschaltung von Erbansprüchen ermordete er gemeinsam mit einem Bruder zwei der drei minderjährigen Söhne seines Bruders Chlodomer, der dritte ging ins Kloster.“

„Chlothar war christlich getauft, aber das hielt ihn offenbar nicht von Raub, Mord und Totschlag ab“, wunderte sich Cyprian.

„Die Franken seiner Zeit hatten das Evangelium noch nicht sozialethisch verinnerlicht. Sie haben Kirchen gebaut, Heilige verehrt, an die Macht des neuen Gottes geglaubt, aber oft zunächst gemäß heidnischen Traditionen und Mustern. Christus war ihnen vor allem ihr Gefolgsherr, dem sie nach germanischer Sitte treu ergeben waren. Es brauchte Zeit und Mühen, bis das wahre Licht das Gestrüpp ihrer barbarischen Sitten und Leidenschaften durchdrang“, erklärte Iva und fuhr fort:

„Nachdem es Chlothar gelungen war, alle Zwistigkeiten innerhalb der fränkischen Dynastie der Merowinger zu überleben, blieb er als Letzter übrig und führte das Fränkische Reich wieder zusammen – bis zur erneuten Teilung unter seinen vier Söhnen nach seinem Tod, gefolgt von langjährigen Bruderkriegen.

Um 540 beschloß Chlothar, Radegundis nach dem Tod seiner vierten Ehefrau zur fünften zu nehmen, um sich seine Eroberungen in Thüringen abzusichern. Der Legende nach wollte sie nicht zur Frankenkönigin werden und versuchte zu fliehen, wurde aber eingefangen. Die Hochzeit fand am Hof in Soissons statt, in Gegenwart des Bischofs Medardus von Noyon.

Die Ehe blieb kinderlos. Radegundis führte am Königshof der Legende nach ein asketisches Leben, ernährte sich fleischlos, verzichtete auf standesgemäße Kleidung und wirkte caritativ, speiste Arme, pflegte Kranke, sorgte für Waisenkinder und erwirkte von ihrem Mann die Begnadigung Verurteilter.

Als Chlothar nach ungefähr zehn Jahren Ehe zur Ausschaltung von Erbansprüchen Radigundis’ Bruder ermorden ließ, verließ sie den Hof und ließ sich in Noyon von Medardus zur Gottesfrau weihen, wahrscheinlich entgegen den Legenden mit Zustimmung ihres Mannes. Sie wurde einfache Nonne, blieb freilich auch Königin, aber unter Christus als ihrem König. Auf dem königlichen Landgut Saix an der Grenze zwischen Touraine und Anjou, das ihr als Hochzeitsgabe überlassen worden war, etablierte sie eines der ersten Hospitäler, ein Haus der Barmherzigkeit als ungeregelte klosterähnliche Gemeinschaft zur Kranken- und Armenpflege. Schließlich gründete sie in der alten Römerstadt Poitiers, wo 200 Jahre zuvor der heilige Bischof und Kirchenlehrer Hilarius gewirkt und den heiligen Martin von Tours getauft hatte, auf der Grundlage einer Stiftung Chlothars das erste Frauenkloster Europas. Radegundis übernahm die Ordensregel des gallorömischen Bischofs Cäsarius von Arles. Er war einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit. Seine Regel ist älter als die des Benedikt von Nursia. Mit ihrer Einführung durchdrangen sich in Radegundis’ Klostergründung zwei monastische Traditionen: die erste, in der lateinischen Kultur verwurzelte und vom ägyptischen Mönchtum beeinflußte, ging von der Abtei auf der Insel Lérins aus, der auch Cäsarius entstammte, und breitete sich über das Rhône-Tal aus; die zweite wurde vom Heiligen Martin mit dem Höhlenkloster Marmoutier bei Tours begründet. Radegundis überließ dem Kloster alle Güter, die ihr als Königin gehört hatten. 200 Mädchen aus dem fränkischen Hochadel traten mit ihr ein. Als Äbtissin setzte sie eine Ziehtochter ein, sie selbst widmete sich ganz den Armen und Kranken, blieb aber geistliche Mutter der Gemeinschaft.“

Mit einem Schluck aus ihrem Gläschen stärkte sich Iva für die Fortführung ihrer Erzählung.

„Nach Chlothars Tod 561 übte Radegundis großen Einfluß auf die Mächtigen ihrer Zeit und auf das geistliche, soziale und politische Leben ihrer Zeit aus. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Imperiums hatten die gallorömischen Bischöfe wichtige Ordnungs- und Herrschaftsfunktionen übernommen. Radegundis verstärkte die friedliche Verflechtung der Merowingermacht mit diesem Episkopat, die entscheidend für die weitere Entwicklung des Frankenreichs war. Sie stand in Verbindung mit Bischof Gregor von Tours, der als Geschichtsschreiber die wichtigste Quelle für ihre Zeit lieferte. Venantius Fortunatus, letzter römischer Dichter der Spätantike oder erster Dichter des Mittelalters, in Ravenna klassisch gebildet, begab sich 565 auf eine Wallfahrt nach Tours zum Martinsgrab, wurde im Frankenreich mit Ruhm und Ehren aufgenommen und blieb dann zehn Jahre bei Radegundis in Poitiers als ihr Vertrauter, der die Interessen ihres Klosters gegenüber der weltlichen und kirchlichen Macht wahrnahm. Sie – mit 50 Jahren 20 Jahre jünger als er – inspirierte ihn zu den Anfängen höfischer Dichtung, Fortunat wurde zu einem Vorläufer der Troubadours und des Minnedienstes. Als der byzantinische Kaiser Justin II. dem Kloster auf Radegundis’ Bitte einen Splitter des Heiligen Kreuzes zukommen ließ, dichtete Fortunat zu diesem Anlaß die Hymnen Vexilla regis prodeunt und Pange, lingua, gloriosi proelium certaminis, die in die Liturgie der Karwoche aufgenommen wurden. 576 trat er in den geistlichen Stand ein, um 600 wurde er Bischof von Poitiers. Die Vita, die er nach Radegundis Tod am 13. August 587 verfaßte, trägt zwar legendenhafte Züge, ist aber trotzdem eine wichtige Quelle über die Heilige.

Schnell verbreitete sich ihr Ruf nach ihrem Tod. In Frankreich ist sie zu einer Volksheiligen geworden, im Mittelalter wurde sie auch am französischen Hof verehrt. Ihr Grab in der Kirche ihres Kloster, an dem sich zahlreiche Wunder, besonders wunderbare Heilungen, ereignet haben sollen, wurde zum Wallfahrtsort und blieb es bis heute, auch wenn 1562 die Hugenotten einen Großteil der Reliquien zerstörten und verbrannten. Papst Leo XIII. stiftete 1887 zum 1300. Todestag der Heiligen eine Krone aus Gold und Edelsteinen, mit der ihr Bildnis in der Kathedrale von Poitiers gekrönt wurde.“

„Ist Radegundis nicht, trotz ihres widrigen Schicksals als Heimatlose, Gefangene und Flüchtling, Teil des Systems, in ihrem Fall: des Frankenreichs geworden?“, kam Cyprian auf das Rahmenthema des Triptychons zurück.

Iva schüttelte energisch den Kopf. „Die Heilige hat das von Gewalt geprägte System im merowingischen Reich, in das sie entführt wurde, gesprengt, indem sie auf Herrschaft verzichtete und sich stattdessen dem Liebesdienst an Schwachen, Kranken und Not Leidenden weihte. Sie verstand es, Majestät und Heiligkeit zu vereinen, indem sie die ihr aufgezwungene Rolle als Königin an Chlothars Seite umdefinierte und dadurch auch dessen Pläne mit- und umgestaltete. Sie setzte ihr Recht auf ihren Lebensentwurf durch und prägte dadurch die Stellung der Frau in Kirche und Öffentlichkeit ihrer Zeit. Mit ihrer Klostergründung etablierte sie ein kulturelles Zentrum des Westfrankenreichs und eröffnete Tausenden junger adeliger Frauen eine Bildungs-, Entwicklungs- und Lebensperspektive jenseits von Ehe und Familie, die wesentlich zum Aufblühen der mittelalterlichen Kultur beitrug.“

 

Sir Thomas More

Nach einer kurzen Trinkpause, in der auf die Heilige Radegundis angestoßen wurde, erging das Wort nach Ivas ausführlichem Geschichtspanorama noch einmal an Cyprian. „Wenn ich nun wieder einen männlichen Heiligen präsentiere, haben wir zwar keine Geschlechterparität, aber ich denke nicht, daß diese Kategorie im Himmelreich relevant ist. Sir Thomas More (latinisiert Morus), geboren 1478, wirkte als Richter, Pädagoge, Übersetzer und Schriftsteller im Geist des Humanismus. Befreundet mit Erasmus von Rotterdam, setzte er sich zusammen mit ihm argumentativ mit der lutherischen Häresie auseinander. Die Humanisten hatten sich schon lange vor der so genannten Reformation für eine grundlegende Reform der Kirche stark gemacht, orientiert am klassischen Tugendideal als Grundlage für eine auf Vernunft gebaute Ordnung. Luthers Ansicht der Vernunft als verdorben und seine Ablehnung des freien Willens hielten Morus und Erasmus für falsch und subversiv, individualistische Unruhen und Krieg folgten daraus, zumal Luther seine Gegner aufs Übelste beschimpfte und dämonisierte.“

Er war ein vulgärer Rüpel, Grobian und Wüterich“, kommentierte Iva. „Somit auch in Charakter und Stil ein Gegenpol zu unserem kultivierten und für seinen gepflegten Humor bekannten englischen Heiligen.“

„Obwohl unbedingt loyal gegenüber seinem König Heinrich VIII., auf den er bei seiner Krönung 1509 enthusiastische Gedichte verfaßt hatte und dem er seit 1529 als Lordkanzler diente, konnte Morus die von Heinrich betriebene Zerstörung der kirchlichen Einheit nicht akzeptieren. Dabei hatte sich der Monarch zunächst deutlich gegen Luther positioniert, was ihm 1521 die päpstliche Ernennung zum ‚Defensor Fidei‘ einbrachte. Das Fehlen eines männlichen Erben wurde ihm dann zur Obsession; intrigiert von seiner Hofdame Anne Boleyn wollte er um jeden Preis seine Ehefrau Katharina von Aragon gegen Boleyn auswechseln und dazu seine Ehe annullieren lassen. Nachdem ihm Papst Clemens VII. dies – vorwiegend aus politischen Gründen – verweigert hatte, ließ sich der König schließlich selbst 1534 vom Parlament zum Oberhaupt der Kirche in England erklären und trennte sie damit von der römisch-katholischen ab. Auf die zweite Ehe, aus der auch kein Sohn hervorging, folgten dann noch vier weitere. Nach Annullierung der Ehe mit Boleyn ließ Heinrich sie 1536 wegen Ehebruchs hinrichten.

Morus kämpfte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gegen die Errichtung eines cäsaropapistischen Systems. Kein weltlicher Fürst dürfe die Oberhoheit über die Heilige Kirche auf sich übertragen. Unaufdringlich, listig-klug und effizient organisierte er Opposition im Parlament. Leider aussichtslos, da es an Staatsmännern fehlte, die ihn unterstützt hätten; auch die englischen Bischöfe fielen skandalöserweise vor der Staatsmacht auf die Knie. Als Morus die Entwicklung nicht mehr aufhalten konnte, trat er 1532 als Lordkanzler zurück. Später begannen die Repressalien, und es wurde schließlich klar, daß Heinrich und vor allem die Boleyn seinen Tod forderten. Morus verweigerte aus Gewissensgründen den von den Untertanen geforderten Eid auf die neuen Herrschaftsverhältnisse, woraufhin ihm nach Manipulationen an entsprechenden Gesetzen der Prozeß wegen Hochverrats gemacht wurde. Seine Gefangenschaft sah Morus als besondere Gnade Gottes an, sich gut auf den eigenen Tod, auf den Übertritt in die Ewigkeit vorzubereiten. 1535 wurde er im Alter von 57 Jahren auf dem Tower Hill enthauptet.

1935 kanonisierte ihn Pius XI., und 2000 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Patron der Politiker.“

„Was du berichtet hast, sind historisch genau datierte Ereignisse. Aber als Patron ist der Heilige zeitlos aktuell“, zog Iva als Fazit.

„So ist es. Die despotische Willkürherrschaft Heinrichs VIII. gründete nicht auf Waffengewalt, sondern auf Gesetzen. Mit juristischen Winkelzügen setzte er sich durch. Schuld daran sind diejenigen, die ihn daran hindern konnten, aber es nicht taten, die aus Eigeninteresse und um der neuen Macht gefällig zu sein die Augen vor ihrem wahren Charakter verschlossen. Der heilige Märtyrer Thomas Morus ist ein leuchtendes Gegenvorbild, wie die Kraft des Gewissens Systeme sprengt, indem es die Nacktheit der Macht unter ihren vorgeblich neuen Kleidern offenlegt.“

 

Der Weinstock im Dies- und Jenseits und die verweltlichte Kirche

„Die Heiligen sind mit uns, bei uns. Die Reben am Weinstock Christi wachsen auf drei Ebenen, nämlich auf Erden, in der ewigen Herrlichkeit – wie unsere Heiligen – und im Purgatorium, wo die Seelen noch für die Schau des überhell strahlenden Lichts gereinigt werden. Am Weinstock sind sie miteinander verbunden. Die triumphierende Kirche des Himmels kann in Fürsprache für uns eintreten, die wir uns noch auf Erden durchschlagen und durchwursteln, und wir für unsere und für alle anderen Verstorbenen“, erklärte Iva gläubig und lyrisch zugleich.

„Wir sind nicht allein, verloren in dieser Welt oder in irgendwelchen Wiedergeburtszyklen“, schloß Cyprian an. „Das sollte die Kirche verkünden anstatt, wie es hierzulande seit Jahrzehnten praktiziert wird, den Diskurs um Macht- und Strukturfragen kreisen zu lassen, um die ewig gleichen vorgeblich ‚progressiven‘ Forderungen: Frauenpriestertum, Abschaffung des Zölibats, Homo-Ehe, seit Neuestem Genderpastoral. Es gibt mehrere protestantische Glaubensgemeinschaften (um den Begriff Kirche zu vermeiden), in denen all das erfüllt ist – aber auch ihnen laufen die Menschen davon. Doch die Fürsprache der Heiligen und das Gebet für die Verstorbenen unterscheidet die katholische Kirche. Warum macht sie nichts aus diesem Alleinstellungsmerkmal, warum bringt sie diese frohe Botschaft nicht zu den Menschen in Deutschland?“

„Ich vermute: aus Müdigkeit, Lauheit, Glaubensschwund“, antwortete Iva. „Und aus Angst. Angst vor medialer Ignoranz gegenüber metaphysischen Themen, gegenüber den letzten Dingen. Angst davor sich damit angreifbar zu machen, in der veröffentlichten Meinung, in den asozialen Netzwerken – als käme es darauf an... Wer Angst hat, der stockt eben die Sprache. Aus einer Haltung der Defensive heraus formt sich eine verkrampfte floskelreiche Kirchensprache, die alle irgendwie mitnehmen, niemanden verstören oder stören will. Pädagogen und Sozialpädagoginnen prägen seit den 70ern die Sprache der Kirche in Deutschland. ‚Achtsamkeit‘ ist derzeit ihre Vorgabe, mit der die Rede weichgespült wird und klare Worte gemieden werden, um die Harmonie-Illusion nicht zu gefährden. Tod, Purgatorium, so etwas geht gar nicht.“

„Priester und Bischöfe sind in Deutschland Beamte, die ihr Gehalt aus Steuern beziehen. Es wäre ein Wunder, wenn das nicht die Mentalität prägte.“

Als Cyprian das einwarf, fiel ihm ein Traum aus der letzten Nacht ein. Mit Iva stand er am Ufer des Jenisej in Sibirien, und sie freuten sich darauf, endlich in diesem Fluß schwimmen zu können, als das Wasser zunächst fast unmerklich, dann plötzlich rasend schnell stieg. Sie konnten sich gerade noch auf einen Turm flüchten, von dessen Plattform sie ein Ozeandampfer unter russischer Flagge rettete. Vom Deck aus war zu sehen, daß der Katastrophenschutz riesige Erddämme aufgeschüttet hatten, welche die vor dem Hochwasser zu schützenden Dörfer um gut das Doppelte überragten. Nach kurzer Fahrt kam der Dampfer in New York an. Von Bord ging auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der zugleich ein Fagott war und an der Landungsbrücke eine ungeheure Kakophonie veranstaltete, von der Cyprian erwachte. Diese Erinnerung erzeugte die skeptische Frage:

„Ist die mystische Gemeinschaft im Dies- und Jenseits nicht der Traum von einer Kirche, der die schnöde Wirklichkeit ersetzen soll?“

„Verbannen wir nicht unsere Hoffnung ins Reich der nutzlosen Träume“, sprach Iva. „Lassen wir uns nicht einlullen von einer verheutigten Kirche, die mit der Welt in Harmonie leben will und den Mächten der Welt folgt, denen ihr Gründer widersprach und bis heute widerspricht. Der zeitgeistigen humanistischen Sendung, der sich der größte Teil der aktuellen Kirche verschrieben hat, indem er statt des Königtums Christi ein egalitäres, umweltbewußtes und politisch korrektes Diesseits errichten will, entspricht die immer weiter banalisierte Liturgie, die sie feiern.“

Cyprians durch den Gewölbekeller schweifender Blick blieb verblüfft an seiner lokalen Lieblingspianistin hängen, die an einem Nebentisch Platz genommen hatte und auf ihr Telefon blickte. Vielleicht hatte die gebürtige Russin gerade Klavierstunden gegeben, und nun stärkte sie sich mit einem Automatenkaffee. Tief beeindruckt hatte den Cyprian, wie er einmal beim Bowling erzählte, ihr Durchgang durch das zwischen wuchtiger Aufregung und melodiöser Spielfreude hin- und herpendelnde Klavierkonzert von Viktor Ullmann. Das Stück entstand kurz vor der Deportation des Komponisten nach Theresienstadt; mit seiner Ermordung in Auschwitz war für lange Zeit auch sein Werk ausgelöscht, bis heute ist es viel weniger bekannt und wird viel seltener aufgeführt als es seiner musikgeschichtlichen Bedeutung zukäme.

„Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist bald Witwer, wußte Kierkegaard“, riß ihn nun Iva, ihr Gläschen leerend, aus seinen Erinnerungen.

„Sehr gut“, befand Cyprian, „und nachdem wir so viele Worte gesprochen haben, bringe auch ich noch ein passendes Zitat zum Abschluß, und zwar von einer heiligen Märtyrerin des 20. Jahrhunderts, Edith Stein oder Teresia Benedicta a Cruce, in Auschwitz ermordet, von Johannes Paul II. zur Patronin Europas erklärt: Je höher die Erkenntnis ist, desto dunkler und geheimnisvoller ist sie, desto weniger ist es möglich, sie in Worte zu fassen. Der Aufstieg zum Höchsten ist ein Aufstieg ins Dunkel und Schweigen.“

Als Cyprian und Iva die Cafeteria verließen, stand im Parterre an den Schiefertafeln mit den Ankündigungen eine Frau in einem langen schwarzen Sommermantel, der mit einem breiten weißen Tuch kontrastierte, das sie um Schultern und Hals gelegt hatte. Dazu trug sie ein schwarzes Kopftuch, im Nacken verknotet. Sie schrieb mit roter Kreide in einer energisch ausladenden Handschrift an eine der Stehtafeln: „Ya no durmáis, no durmáis, pues que no hay paz en la tierra.“

 

Thomas Keith, geboren 1972, studierte in Regensburg und Berlin Literaturwissenschaft und Philosophie und arbeitete danach als Sprach- und Kulturmittler in Rußland. Nach seiner Promotion widmet er sich in seiner Freizeit der Literatur und dem Schreiben, mit besonderem Interesse für Avantgarde, Hugo Ball und andere unkanonisierbare, aber auch kanonisierte Heilige.

 

Abbildung: pexels.com / Afitab

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