Glaubenszeuge aus dem atheistischen Terrorstaat – Leben und Leiden Ernest Kardinal Simonis im kommunistischen Albanien

 LOGBUCH XXV (4. März 2022). Von Till Kinzel

 

Vor vier Jahren, im Juni 2018, erhielt der albanische Priester Ernest Simoni, der 1928 geboren und im Alter von 86 Jahren von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt wurde, im Stift Heiligenkreuz den Thomas-Morus-Preis des Alten Ordens vom St. Georg. Aus diesem Anlaß erschien im Wiener Karolinger Verlag die deutsche Übersetzung eines höchst lesenswerten Buches über das Leben Simonis, das der italienische Journalist Mimmo Muolo verfaßt hat und das den Blick auf eine Wirklichkeit lenkt, die in den sogenannten Mainstream-Medien so gut wie keine Aufmerksamkeit findet. Grund genug für einen Lesetipp an dieser Stelle!

In diesem einfühlsam geschriebenen Buch leiste Muolo einen wichtigen Dienst an der Erinnerung. Denn zum einen schildert er eindringlich die Unmenschlichkeit des kommunistischen Regimes in Albanien unter Enver Hoxha, das eine der schlimmsten Varianten des Totalitarismus praktizierte. Lehnte sich Albanien erst an Moskau, dann an Peking an, setzte es später nach dem Bruch mit allen Verbündeten seinen einsamen Marsch in den Kommunismus fort. Das war zwangsläufig mit viel Elend verbunden. Vor allem aber auch mit einer besonders intensiven Feindschaft zur Religion. Albanien erklärte sich allen Ernstes zum ersten atheistischen Staat, der die Religion abgeschafft hatte und dementsprechend Priester und Gläubige grausam verfolgte.

Die traurige Geschichte dieses politischen Großexperiments wird von Muolo gleichsam als Doppelgeschichte erzählt: als Geschichte Albaniens vom Zweiten Weltkrieg und der Etablierung des Kommunismus in dessen Gefolge sowie als Geschichte Simonis, der sich früh zum Priester berufen fühlte, aber zunächst als Grundschullehrer arbeitete – und in dessen Leben und Leiden sich auch die Kirchengeschichte Albaniens spiegelt. Simoni wurde 1956 zum Priester geweiht, und er war ein unbequemer Pfarrer, der unbeirrt seinen priesterlichen Verpflichtungen nachkam, aber gerade damit unausweichlich auf einen Zusammenstoß mit dem kommunistischen Regime zusteuerte. So habe die Geheimpolizei früh gemerkt, daß dieser Priester kein Freund des Regimes war.

Bis 1963 konnte er gleichwohl mehr oder weniger ungehindert seinen Dienst als Geistlicher verrichten. Doch dann wurde er just am 24. Dezember 1963 verhaftet – wie überhaupt seit 1958 die Verfolgung der Geistlichen stark intensiviert worden war. Der albanische Kommunismus zeigte sich als Terrorregime, in dem sogenannte „Volksprozesse“ als Travestie des Rechts inszeniert wurden: „Auf öffentlichen Plätzen wurden Schauprozesse inszeniert, die dem alleinigen Zweck dienten, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Jeder, der die marxistische Ideologie nicht teilte, wurde als öffentlicher Feind gebrandmarkt.“

Der albanische Kommunistenführer setzte in diesen Jahren alles daran, den Stalinismus weiterzuführen, der in der Sowjetunion selbst mit Chruschtschows sogenannter Geheimrede einen schweren Schlag erhalten hatte. Bis zum Ende des albanischen Regimes sollte in der Hauptstadt Tirana eine Stalin-Statue stehen. Sie wurde erst 1990 entfernt. In der Zeit der ideologischen Frontverschärfung wurden der Druck auf die katholische Kirche erhöht und die antikatholische Propaganda angeheizt.

In diesem Zusammenhang erfolgte auch die Verhaftung Simonis, der in eine Isolationszelle verbracht wurde, Verhören und Folter ausgesetzt wurde, einen Weg des Leidens beschreiten mußte, über den er selbst nur einige Andeutungen machte, da er sich keineswegs selbst in den Vordergrund rücken wollte, sondern sich nur als Beispiel verstand, um die Erinnerungen an jene Zeit nicht untergehen zu lassen. Die Art der Verhöre und der Mißhandlungen war immer auch antichristlich motiviert, wie Simoni Muolo berichtet: „Eines Tages legten sie mich in Ketten und brachten mich zu einem der unzähligen Verhöre. Der Aufseher sagte zu mir: ,Du wirst als Feind aufgeknüpft werden, weil du dem Volk gesagt hast, daß ihr, wenn nötig, alle für Christus in den Tod gehen werdet.‘ Man schloß die Handschellen so eng um mein Handgelenk, daß mein Herz aufhörte zu schlagen und ich beinahe starb.“


Tatsächlich wurde Simoni in einem Prozeß, der nicht mehr als eine Farce war, zum Tode verurteilt, angeblich weil er aus Albanien nach Jugoslawien hatte fliehen wollen, was damals als Hochverrat galt. Simonis Todesstrafe aber wurde durch den Präsidenten Hoxha in eine fünfundzwanzigjährige Gefängnisstrafe bzw. Arbeitslager umgewandelt, während man gleichzeitig in Albanien in Nachahmung Maos eine eigene Ideologie- und Kulturrevolution durchführte. Religionen wurden als rückständig diffamiert, und der Diktator erklärte: „Die Religion des albanischen Volkes ist der Staat.“ Damit einher ging das Verbot aller religiösen Handlungen, obwohl die albanische Verfassung nominell Religions- und Gewissensfreiheit schützte. Aber in einer kommunistischen Diktatur war eben auch die Verfassung nur Schall und Rauch, an die sich niemand zu halten brauchte.

Simoni wurde nun als Zwangsarbeiter im Bergbau eingesetzt und mußte schwere körperliche Arbeit leisten, unter härtesten Bedingungen, ständig von Strafen bedroht, sollten die geforderten Leistungen nicht erbracht werden. Bei alldem aber gab Simoni nie auf, trug geduldig das Kreuz, so wie es Jesus getan hatte. Unter den widrigsten Bedingungen ließ er sich nicht davon abhalten, täglich aus dem Gedächtnis die Messe in lateinischer Sprache zu lesen, mit heimlich gebackenen Hostien, und schließlich wirkte er auch als heimlicher Seelsorger weiter.

Unterdessen glaubte das Regime, seinen Irrwitz weitertreiben zu müssen, indem es Albanien in der Verfassung von 1976 nicht nur den Marxismus-Leninismus zur einzig anerkannten Ideologie erklärte, sondern auch explizit den Atheismus zum Staatsziel erklärte: Der Staat, so heißt es in Artikel 37 dieser „Verfassung“, kenne „keinerlei Religion an, er unterstützt die atheistische Propaganda und setzt sie in die Tat um, die das Ziel verfolgt, den wissenschaftlichen Materialismus in den Menschen zu verankern.“ Religiöse Versammlungen aller Art wurden strikt verboten, selbst kirchliche Hochzeiten waren untersagt.

Simoni hat aus all den Leiden, denen man ihn aussetzte, nie den Schluß gezogen, seine Peiniger zu verurteilen; vielmehr vergab er ihnen, als die Diktatur vorbei war. Dabei hatte man ihn auch nach der „Freilassung“ nach 18 Jahren Zwangsarbeit keineswegs in Ruhe gelassen, sondern zum Dienst in der Kloake Shkodras verpflichtet, was vom Regime zweifellos als besondere Form der Entwürdigung gedacht war, aber für Simoni nur eine weitere Prüfung war. Durch nichts ließ er sich von seiner seelsorgerischen Tätigkeit abhalten.

Und auch nach dem Ende Kommunismus waren die Herausforderungen für den christlichen Glauben keineswegs zu Ende – die Verfolgung von Christen in der ganzen Welt gehört auch in diesen Tagen zu den viel zu wenig beachteten Tatsachen. Muolos Buch erschöpft sich nicht in einer geschichtlichen oder biographischen Darstellung, sondern weist auf die Fortdauer des Martyriums vieler Christen in großen Teilen der Welt.

Mimmo Muolo sieht seine eindrucksvolle Darstellung des Martyriums von Simoni wie auch des Leidenswegs des albanischen Volkes als exemplarisches Lehrstück an. Denn nirgendwo sonst habe ein Regime so deutlich sein wahres Gesicht gezeigt wie in Albanien: „Der wissenschaftliche Versuch, Gott aus dem Bewußtsein der Menschen auszulöschen, wurde mit tyrannischen Methoden in Gang gesetzt, die in anderen kommunistischen Herrschaftsgebieten keinen Vergleich haben.“ Gleichwohl sei auch dieses Regime gescheitert, da es unmöglich sei, „Gott durch Ideologie aus den Herzen der Menschen zu reißen.“

Der Glaube wurde zwar massiv bekämpft, beschimpft, verhöhnt – aber er hat „in Zeugen wie Don Ernest überlebt, und dazu gehört sicher auch, daß Simoni sich eben nicht vom Haß auf seine Verfolger ergreifen ließ, sondern jeden Tag für seine Peiniger und das albanische Volk betete: „Was mich angeht, so hege ich keinen Groll gegen sie und habe ihnen von ganzem Herzen vergeben. Ich hoffe, daß der Herr eines Tages so auch mir meine Sünden vergeben wird.“

 

Lektürehinweis:

Mimmo Muolo: Ernest Kardinal Simoni. Leben und Leiden im kommunistischen Albanien. Leipzig-Wien: Karolinger 2018; 155 Seiten, ISBN 978-3-85418-180-4, EUR 22.00. – Bestellungen sind hier möglich.

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