Gegrüßet seist Du, Maria

LOGBUCH XCVII (6. Juli 2026). Von Marita Lanfer


Ave, Maria: Der Gruß möchte Dich reden machen. Ist bei Dir Antwort zu finden auf Unzufriedenheit und Unruhe, die so viele Frauen erfaßt hat, ganz offensichtlich nicht in ihrer Mitte, nicht bei sich, schon gar nicht glücklich? Überfordert, gehetzt, getrieben. Wer ist der Treiber? Was ist die Ursache? Was hindert die Frauen, ihr eigentliches Potenzial zu entfalten? Ist es wirklich die angeblich immer noch männlich dominierte Gesellschaft? Ist es ein falsches Selbstverständnis? Könnte es horribile dictu ein Irrtum sein, sich beweisen zu müssen, als Frau „seinen Mann stehen“ zu können? Was ist es, ihr „Eigentliches“?

Maria – ist bei Dir Antwort zu finden? Du, die rein Weibliche, Du, die vielen fern Gerückte, Verblaßte. Du, in der Wolke des Schweigens, das sich um Dich ausgebreitet hat. Schläft zwischen Dir, die um die wahre Not der Frauen weiß, und denen, die überhaupt noch von Dir wissen, womöglich eine verborgene Sehnsucht, eine nur zu ertastende Verbindung?

Unmittelbar: kein Weg, kein Steg von uns zu Dir Fernen. Ein unbewußtes Warten vielleicht, eine Stille, wie sie Leerstand hinterläßt. Der lange Rückzug aus dem, was Weiblichkeit war, hat Spuren hinterlassen, die kaum noch auszumachen sind. Wo seit vielen Jahrzehnten „Selbstverwirklichung“, „Selbstdurchsetzung“, „Selbstbehauptung“ das unbestrittene und selbstverständliche Maß aller Dinge sind und Frauen nichts erstrebenswerter erscheint als Macht und öffentliche Geltung, sind sie um Wesen und Wurzel gebracht, abgeschnitten von sich selbst. Was wissen sie noch von sich?

Statt Selbstbegegnung und -befreiung hat eine immer noch im Vormarsch begriffene feministisch-kulturmarxistische Ideologie die Frauen sich selbst entfremdet und sie allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz in eine kryptische Knechtschaft geführt, nicht bemerkt, nicht in Frage gestellt. Das angeblich alternativlose Zur-Verfügung-Stellen der weiblichen Arbeitskraft für den Produktionsprozess, die Mütter ihre Kleinkinder im Stich lassen läßt und doppelbelastete Frauen in die Erschöpfung treibt, hat sich fraglos durchgesetzt.

Welche Frau fühlt noch den Schmerz, sich selbst abhanden gekommen zu sein? Ist das noch Emanzipation? Ist es das, wofür Frauen berechtigterweise einmal gekämpft haben? Oder ist es nicht vielmehr ein Fortriß? Emancipatio, ursprünglich das Aus-der-Hand-Nehmen bzw. -Geben, Entlassen aus der väterlichen Gewalt in die Selbständigkeit, meint eigentlich ein Gewähren. Die Frauenbewegung aber hat diesen Begriff von Anfang an als Selbstbefreiung verstanden. Daß sich im US-amerikanischen Sprachgebrauch für den erweiterten Begriff politischer Emanzipation die Bezeichnung empowerment, „Ermächtigung“, durchgesetzt hat, ist in diesem Zusammenhang aufschlußreich. Hier das ursprüngliche Gewähren, Bewilligen, Zuteilwerdenlassen – dort das Fordern, das Sich-die-Macht-Nehmen: Der Losriß aus der Verankerung, das Kappen der Ankertaue vom Grund dessen, was allein Sicherheit gewähren kann, ist klarer nicht aufzuzeigen.

Wer ist der Gewährende? Was sind Anker und Grund? Der Losriß jedenfalls hat seinen Preis. Die Last der Existenz, die sich selbst definieren will, ist letztlich unerträglich. Liegt hier der Grund für die diffuse Unruhe und uneingestandene Unzufriedenheit der Frauen? Schmerz, der unterdrückt wird, vertieft sich. So weit vom Gewährenden entfernt, daß es sich nicht mehr fühlen läßt, abgeschnitten von den eigenen Wurzeln, sind viele nur noch Getriebene. Sie treiben mehr oder weniger dahin, fremdbestimmt von Interessen, die ihnen nicht bewußt sind und die sie auch nicht einzuschätzen wissen. Ausgeliefert, kreisen sie um sich selbst wie zerrissene Blätter in trüber Pfütze.

Frauen, dem Sinnfälligen aufgeschlossen, hätten am ehesten die Chance, im lichten Augenblick von Schmerz, Traurigkeit und Verzweiflung, hineinzusehen. Doch noch sind die meisten fixiert auf eine überzogene Gleichberechtigung, die mittlerweile zur „Gleichstellung“ mutiert ist: gleichgestellt am Ende nicht nur Mann und Frau, sondern die Unzahl der Geschlechtervarianten, wie sie die Gender-Ideologie propagiert. Wie von Sinnen trachten Frauen nach Macht und Männerkopierung – offensichtlich ohne dabei ihre Selbstentwürdigung überhaupt zu bemerken, geschweige denn ihrem weiblichen Auftrag gerecht zu werden, der ganz woanders verborgen wartet, vergraben in betrogenen Herzen.

Ave, Maria – der Gruß möchte Dich reden machen. Doch das verlangt die Bereitschaft der Frauen, zu hören, nach innen zu hören. Der Weg aus der Erstarrung im semper idem eines selbstentfremdeten Lebens hin zu einem lebendigen weiblichen Selbstverständnis endet bis dato noch vor den verschlossenen Herzen der Frauen. Worum geht es? Wem gilt der Kampf heutiger Frauenrechtlerinnen? Nicht nur dem Von-sich-selbst-Absehen, nicht nur dem Zurückstehen. Geradezu erbittert greifen sie alles an, was Frauen hindert, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Vorgestrig sei der Verzicht darauf, habe die Frauen ins Unglück gestürzt, wüten die Radikalfeministinnen, Selbstverzicht sei Selbstauslöschung. Flammende Engel der Hyperemanzipation laden ein in ein Paradies der Selbstbefreiung. Generationen von Frauen haben sich bereitwillig hineinlocken lassen. Küchenschürzen wurden millionenfach gegen Hosenanzüge getauscht. Weg mit den Abhängigkeiten!

Die neue Abhängigkeit ist nicht so leicht erkennbar wie die alte der berechtigterweise überwundenen patriarchalischen Unterdrückung. Die neue Abhängigkeit verstellt das Wesen der Weiblichkeit nicht so offensichtlich wie die alte, sondern raffiniert, bis sie es letztlich erstickt. Die Ideologie der ultra-emanzipatorischen „Befreiung“ verkrüppelt in Wahrheit die Frauen in ihrer Weiblichkeit, indem sie sie wie Männer zu bloßen Gliedern und Funktionsträgern in einer profitorientierten Gesellschaft werden läßt. Dieser entwürdigenden Deformation – beileibe nicht nur durch die Quotenregelung, unerkannt, nicht empfunden und deshalb umso verheerender – ist schon deshalb schwer beizukommen, weil sie scheinbar nicht stattfindet. Im Gegenteil: Endlich, so scheint es, sind die Frauen da, wo sie immer schon hingehörten: den Männern wesensgleich und möglichst ihnen voraus, bis hin in die Chefetagen.

Der Platz, den sie dafür verlassen haben, ist leer. Der Preis ist hoch. Immer offener tritt dies zutage. Die Gesellschaft kühlt zusehends aus. Der Verlust des Weiblichen wirkt sich umso verheerender aus, als er auf die nihilistische Tendenz, den „epochalen Winter“ (Hanspeter Padrutt) trifft, der das Leben erfaßt hat. Aus der klirrenden Kälte fliehen immer mehr Menschen, indem sie sich mit Aktionismus, Erlebnissucht oder der Unzahl von Drogen betäuben. Auch steigende Selbstmordzahlen, besonders erschütternd bei Kindern und Heranwachsenden, sprechen von dieser Flucht. Wen rührt dieses Geschehen wirklich? Wer hört die vielen stummen Schreie?

Die gesellschaftliche Erkaltung, unübersehbar mit dem Vakuum, dem Ausbleiben des Weiblich-Mütterlichen verbunden – hier wird sie endgültig zum Skandal. Wer es als Frau wagt, diesen Zusammenhang nicht sofort reflexhaft als unberechtigten Schuldvorwurf abzutun und ihn nicht schnellstens als Reduktion auf ein angeblich längst überholtes Frauenbild ausschließt, sieht sich augenblicklich ins Abseits gedrängt, öffentlich diffamiert oder sogar der Lächerlichkeit preisgegeben.

Es ist indes höchste Zeit, daß Frauen sich davon nicht mehr abschrecken lassen und daß sie sich der eigenen Verhärtung stellen. Es ist höchste Zeit, daß sie Herzenswärme endlich wieder als ihre ureigene weibliche Mitgift uneingeschränkt zulassen, so vehement die feministisch geprägte Öffentlichkeit auch dagegen dröhnt und droht.

Wie lange, Eva, willst Du noch auf die Stimme der Schlange hören, deren Zischeln übertönen will, zu wem Du in Wahrheit gehörst? Vom rechten Hören wäre es stattdessen nicht weit zum Erkennen der wahren Abkunft und Zugehörigkeit des Menschen in der Schöpfungsordnung: Dem Lebensstrom unmittelbar näher als Adam, spricht schon mit der Menstruation Dein auf Mutterschaft angelegter Körper wieder und wieder von Empfänglichkeit. Er spricht von heiliger Hinordnung statt von kühler Unabhängigkeit. Doch Du läßt Dich blenden, Eva, und setzt Dich, diese Sprache mißachtend, hinweg über das Heile. Du verleugnest Dein Herz. Es ist an der Zeit umzukehren, zurückzukehren zum Hören und verschütteten Fühlen, zum Vertrauen, auch auf das Wir von Mann und Frau.

Ave, Maria, der Gruß möchte Dich reden machen. Du, die rein Weibliche, Du, die vielen fern Gerückte, Verblaßte. Du, in der Wolke des Schweigens, das sich um Dich ausgebreitet hat.

Könnte dies ein erster Schritt sein: sich in dieses Schweigen hineinzuwagen, wie es bei jeder Suche zur Sammlung nötig ist, nachgerade als Ausweis ernsthaften Bemühens? Ein Schweigen, erwachsend aus der Weigerung, weiterzugehen wie bisher, Weigerung, sich vorschreiben zu lassen, wie Frausein sich am besten erfüllen lasse in Karriere, auf der Rennbahn (frz. carrière) des Erfolgs? Ein Schweigen, hineinwachsend in ein Innehalten, Einstellen des Rennens, des concurrere, Aussteigen aus angeblich typisch weiblichem Konkurrenzdenken: Wer ist die Beste oder Leistungsfähigste?

Um sich dem Druck der beschleunigten Welt so weit wie möglich zu entziehen und ihr aus Deiner Mitte heraus gelassen zu begegnen, damit Vergessenes aufkeimen kann: dazu braucht es Mut und Geduld. Entspricht nicht gerade dies Deinem Wesen, Eva, in dem das Warten auf neues Leben zutiefst angelegt ist? Statt jagen, sich-jagen-lassen – innehalten, sich besinnen? Statt all des bizarren Geeiles ein Sich-selbst-Aufhalten als Offenhalten für das, was Dir vielleicht in der Weile des Innehaltens zuteil werden will – eben Emanzipation in seiner Ursprungsbedeutung: Gewähren? Anzunehmen mithin, was zutiefst in Dir angelegt ist?

Ist solches Sich-Offenhalten um des Hörens willen womöglich jenes „Eigentliche“, wonach Du suchst, Dein vergessenes, wahres Wesen, Eva? Noch hast Du Dich, statt die unverrückbare Ordnung, von der das Leben spricht, zu wahren, der Abkehr von ihr verschrieben: dem bestimmenden Auftritt, der forschen Selbstdurchsetzung, dem Herrschenwollen.

Eine war es, die Eine, Maria, die sich rückhaltlos öffnete, Pforte, aus der der Welt das Licht erschien, wie die Antiphonen singen:

Komm zu Hilfe dem sinkenden Volke.
Der Heilige Geist selber hat Dich erfüllt.
Durchdrungen von Dem, der sich einschloß in Dir, Maria.
Du bist voll Gnad, in Gottglanz eingehüllt, o Maria.

 

 

Bei dem Text handelt es sich um das erste Kapitel des Buches Eva, kehr um zur Botschaft des Ave Maria (WörnerMedien 2025).

 

Abbildung: Giovanni Battista Salvi da Sassoferrato: Madonna mit Kind und Engeln (1674; Wikimedia Commons).

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