Die Liturgie als Fest – Eine Heilige Messe und eine Begegnung in der Abtei von Fontgombault

LOGBUCH XCI (13. April 2026). Von Lothar Rilinger

 

Im tiefsten Herzen ist das laizistische Frankreich immer noch ein katholisches Land – zu fest ist in ihm die christliche Tradition verwurzelt, schließlich gilt es als älteste Tochter Roms. Auch wenn die Atheisten die Parole der Französischen Revolution von 1789, „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“, als Fortschritt verklären, es sind Forderungen, die auf den Worten Jesu Christi basieren. Das Christentum hat es zwar im heutigen Frankreich schwer zu existieren, doch das Land ist übersät mit Stätten tiefster Frömmigkeit, die die Hoffnung nähren, daß mit den Laizismus-Gesetzen von 1905 nicht das letzte Wort im Prozeß der Entchristlichung gesprochen worden ist. Benedikt XVI. hat prophetisch festgestellt, daß sich die Renaissance der Gläubigkeit aus kleinsten Zellen entwickeln werde, durch charismatische Personen, die der Welt die Schönheit des Glaubens vor Augen führen werden. So können wir überall im Land Orte finden, die diesen Gedanken in die Tat umgesetzt haben und durch die der Glauben ausstrahlt und die Gläubigen mitreißt. Wie im Mittelalter, in dem Mönche die geistigen Grundlagen des Abendlandes bewahrt und weitergegeben haben, kann auch in unserer kirchenfernen Zeit diese sich aus dem Evangelium ergebende Missionsaufgabe von ihnen wahrgenommen werden. Sie gleichen einer Keimzelle, aus der eine blühende Kirche erwachsen könnte.

 

Als wir zu Ostern Freunde im Departement Indre besuchten, kamen wir auf die in der Nähe liegende Abtei von Fontgombault zu sprechen. Ul de Rico, ein bekannter Maler, Bühnenbildner und Autor, schwärmte von der kunstvollen, mitreißenden, wie der hohen Schule entstammenden Liturgie, von der großen Anzahl der zelebrierenden Mönche, die die Zukunft der Kirche zu symbolisieren schienen. Am darauffolgenden Ostersonntag fuhren wir zu dieser Abtei, die allein durch ihre äußere Erscheinung, durch die Größe der Kirche und die Vielzahl der Altäre die überragende Bedeutung dieser ursprünglich im frühen Mittelalter gegründeten sakralen Stätte verkörpert. Die Mönche zogen in einer langen Prozession in den Chor ein und mit ihnen Abt Dom Jean Pateau, der auf einem besonderen Sitz die Messe verfolgte und dem seitens der Mitbrüder immer wieder durch Verbeugungen Hochachtung gezollt wurde. Ganz vorne im Chor zelebrierte ein Priester die Messe und las singend die Gebete. Selbst die Epistel und das Evangelium wurden in lateinischer Sprache vorgetragen. Gemeinsames Gebet und respondierende Gegenrede wechselten einander ab, Weihrauchschwaden zogen durch das Kirchenschiff, der gregorianische Gesang der Mönche erfüllte nicht nur den Chor, sondern zog die Gläubigen in ihr Gebet hinein und schien zum Himmel zu steigen, empor zum Herrn. Immer wieder knieten die Mönche, erhoben sich, sangen gemeinsam, traten aus dem Chorgestühl, um in einer kleinen Gruppe die Gebete zu singen. Und zwischendurch oft das Schweigen, die Kontemplation. Die Mönche zogen ihre Kapuzen über ihr Haupt und verschwanden darunter, abgeschottet von der Außenwelt, versunken in die Betrachtung des Herrn. Dieses Ora ihres Lebensprinzips läßt sie die Freundschaft zu Gott suchen, nichts soll sie ablenken, nichts soll sie auf andere Gedanken kommen lassen. Durch diese Verhüllung sollen sie alles Störende, alles Ablenkende von sich weisen – nichts soll sie davon abhalten, an Gott zu denken und ihm zu folgen. In diesen Momenten ziehen sie sich in die totale Innerlichkeit zurück, zu einem Gespräch mit Gott.

Während der Austeilung der Kommunion verherrlichte der Organist mit den Klängen eines Bachschen Chorals den Herrn, jubilierend und brausend erklangen die so vertrauten Klänge. Die Innerlichkeit wurde aufgebrochen, nicht mehr der einzelne Mönch suchte das Gespräch mit Gott, die Klänge der Orgel griffen die Intention der Mönche auf und schmetterten sie, stellvertretend für die Gemeinde, gen Himmel. In diesem Lobpreis Gottes, in diesen in Noten gesetzten Gebeten zeigte sich die Schönheit des Glaubens, zeigten sich die Möglichkeiten, wie der Mensch seine Sehnsucht nach Gott auszudrücken vermag. Die Melodien des Chorals griffen die Kontemplation der Mönche auf, wandelten sie und zogen sie in das Kirchenschiff, um für uns alle Worte an den Herrn zu richten. In diesen Klängen zeigte sich, daß auch die Musik stellvertretendes Gebet sein kann, ja, daß Musik Gebet schlechthin ist.

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Die Liturgie wurde in der alle Sprachregionen verbindenden und überschreitenden lateinischen Sprache zelebriert. In diesen Texten wurden alle Gläubigen in eine weltumspannende Gemeinschaft einbezogen, von der keiner durch eine Sprachbarriere ausgegrenzt zu werden vermochte. Welches Idiom die vielen Gläubigen jeweils auch sprachen, durch die lateinische Sprache waren wir alle einbezogen in die Gemeinschaft der Gläubigen. Es war die sinnliche Erfahrung der una sancta ecclesia, der eigentlichen Katholizität. Und doch: durch die Erklärung Traditionis Custodes von Papst Franziskus soll diese Gemeinschaft zumindest teilweise wieder aufgehoben werden. Es sollen vom Grundsatz her keine zwei verschiedene Zelebrationsriten nebeneinander bestehen, schließlich wollte Franziskus durch dieses Moto proprio für die Kirche erreichen, daß „das sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen“ eingehalten werde – das aktuelle Missale solle „die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus“ darstellen.

Neben diesem ordentlichen Ritus existiert noch der außerordentliche, der allerdings nur praktiziert werden darf, wenn eine Erlaubnis des zuständigen Bischofs vorliegt. Auf Grund des Missales von 1962 und 1965 wird in der gemeinsamen lateinischen Sprache gebetet, was ja immer noch die offizielle Sprache der Kirche ist. Allerdings ist dieses tradierte Idiom tatsächlich längst außer Gebrauch, wogegen der damalige Kardinal Ratzinger es im Rahmen des Liturgiekongresses in Fontgombault im Jahr 2001 wieder einforderte, schließlich empfand er diesen Zelebrationsritus als „Schatz“ der Kirche, der bewahrt werden müsse. Dieser Ritus sei Ausdruck der Ungebrochenheit der Kirche seit Anbeginn, so daß es für ihn unabdingbar sei, „die Möglichkeit aufrechtzuerhalten, gemäß dem alten Missale zu zelebrieren, als Zeichen der fortdauernden Identität der Kirche.“

 

Und diesem Schatz wissen sich die Benediktiner der Abtei von Fontgombault verpflichtet. Sie zelebrieren die Messe nach dem Missale von 1965, und dabei hat Abt Pateau festgestellt, daß gerade Jugendliche, die nicht in der ursprünglichen liturgischen Tradition erzogen worden sind, sich zu diesem Ritus hingezogen fühlten. Der ordentliche und der außerordentliche Ritus stellen für Abt Pateau keinen Bruch der Einheit der Kirche dar, schließlich bedeute Einheit der Kirche nicht Einheitlichkeit. „An der Einheit der Kirche zu arbeiten heißt nicht, an der Einheitlichkeit zu arbeiten.“ Abt Pateau wendet sich gegen die Zelebrationsrichtung versus populum, die von Priestern „als eine Last angesehen wird.“ Und der Evangelisation entgegenstehe: „Einige Gläubige haben sich der Bruderschaft Pius X. zugewandt, andere fahren viele Kilometer, um an der Messe nach dem Missale von 1962 oder 1965 teilzunehmen.“ Franziskus hat dieser Bewegung fast ein Ende bereitet und damit dem Versuch von Benedikt XVI., eine Versöhnung in der Kirche herbeizuführen. „Wenn die Gläubigen in diese Richtung gehen, geschieht das ganz einfach, weil sie hier finden, was sie suchen.“ Deshalb fordert Abt Pateau, daß ein Konzil die Reform des Missales beraten solle. „Ich möchte glauben, daß ein Dialog möglich sein kann. Aber ein wirklicher Dialog kann nur mit Vertrauen, Wahrheit und Öffnung gegenüber dem, was der andere mich lehren will, stattfinden.“

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Später gingen wir durch den weiträumigen Klausurbereich der Abtei, die zwar über eine über tausendjährige Tradition verfügen kann, doch über keine ungebrochene. Die atheistische Französische Revolution machte auch vor dieser ehrwürdigen Institution nicht halt. Was der Eremit Gombault 1091 in kleinsten Anfängen gegründet hatte, fand im Rahmen der Konfiskation durch die Revolutionsherrscher sein Ende. Die Abtei wurde zu einer Manufaktur entweiht. Gott war aus ihren Mauern verbannt, und die Kirche verfiel. Das Dach des Kirchenschiffes stürzte in sich zusammen, und der Verlust einer langen christlichen Tradition drohte.

Doch der letzte private Eigentümer im 19. Jahrhundert war ein gottesfürchtiger Mann, der die Kirche vor dem endgültigen Verfall rettete. Das Dach wurde repariert, im Jahr 1948 konnten die Benediktiner in die weiträumigen Gebäude einziehen und die monastische Tradition wieder aufnehmen. Über fünfzig Mönche bewohnen jetzt das Kloster, davon über zwanzig Priester. Damit alle Priester morgens die Messe lesen können, sind zwischen den Säulen, die das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennen, Altäre für die Privatmessen eingerichtet – eine Anordnung, die auf den ersten Blick befremdlich wirkt, schließlich sind wir es gewohnt, daß die Seitenaltäre an den inneren Außenmauern aufgestellt sind.

Fremde Mitarbeiter beschäftigt die Abtei nicht, wie Abt Pateau berichtete, als wir uns im Schatten alter Bäume über die Abtei unterhielten. Sämtliche Arbeiten in den Gebäuden und in der Landwirtschaft können durch die Mönche selbst vorgenommen werden, und dadurch ist die Autarkie der Abtei gewährleistet. Ora et labora – die Benediktiner folgen der Forderung ihres Ordensgründers, sie sind selbständig. Selbst Abt Pateau, der anfänglich Physik studiert und gelehrt hat, hat durch seine technischen Kenntnisse mitgeholfen, das klostereigene Wasserkraftwerk, das durch den Fluß Creuse betrieben wird, zu reparieren. Als wir durch den Klostergarten gingen – eine Anlage, die mit den zu Kegeln beschnittenen immergrünen Zierpflanzen, den das Cartesianische Prinzip des bien carée widerspiegelnden rechtwinklig angelegten Wegen, den uralten Pinien und den in langen Reihen stehenden Obstbäumen schon eher einem großzügigen Schloßpark ähnelt. Das Schöne ist mit dem Nützlichen vereinigt, die Anlage übersteigt die Aufgabe der Versorgung und wird zum prächtigen Kunstwerk, das die Mönche sich an der Schönheit der göttlichen Natur erfreuen läßt.

Und der Gedanke an die in der Natur sich widerspiegelnden Gesetze ließ uns an die in ihnen wirkende natürliche Ordnung denken. Sichtlich betrübt, dachte Abt Pateau an die Bestimmungen in der französischen Verfassung, die jetzt die Möglichkeit der Abtreibung garantieren und damit die Tötung eines – ungeborenen – Menschen zum Menschenrecht erheben. Nicht mehr die Natur, nicht mehr Gott soll bestimmen, was als ein Menschenrecht angesehen werden soll, sondern der Wunsch des Menschen selbst soll die Rechtfertigung sein, um neue Menschenrechte zu kreieren. Es bedarf dann nur noch eines kleinen Schrittes, um auch die Euthanasie zu legitimieren. Diese ernsten Gedanken standen im krassen Gegensatz zur Eleganz des uns umgebenden Parks und ließen uns an den Theologen denken, der uns beide in unserem Denken beeinflußt hat.

Als der damalige Kardinal Ratzinger im Jahr 2001 seinen Vortrag auf dem Liturgiekongreß in Fontgombault hielt, lebte Abt Pateau schon in der Abtei, die er als fünfzehnjähriger Schüler erstmalig aufgesucht hatte. Es war seit seiner Kinderzeit sein tiefempfundener Wunsch, in der Nähe Gottes leben zu können. Nach seinem Physikstudium konnte er sich endlich der Theologie zuwenden, wurde in den Benediktinerorden aufgenommen und zum Priester geweiht. Es habe sich ein Lebenswunsch erfüllt, bekannte er. Abt Pateau war damals Zeuge des ihn stark beeindruckenden Vortrages über die Liturgie, in dem der Präfekt der Glaubenskongregation Ratzinger sich für die Beibehaltung des Ritus für die sogenannte alte Messe aussprach. Jahre später wartete Pateau in Rom in einer Schlange, als Ratzinger, der vorüberging, ihn erkannte und ihn auf Fontgombault ansprach. Durch den späteren Papst fühlt sich der Abt ermutigt, sich auch weiterhin für das alte Missale einzusetzen. Er hat immer noch das Wort von Joseph Ratzinger im Ohr, das dieser ihm beim Abschied mitgab: „Vergessen Sie nicht die alte Messe!“ Für Kardinal Ratzinger habe festgestanden, daß dieser Ritus eine Spiritualität in sich berge, die der Anfang einer Renaissance des Glaubens und der Frömmigkeit sein könne. Wie recht er mit dieser Prophezeiung gehabt hatte, konnte der Abt bestätigen. Viele junge Gläubige hätten ihn auf das alte Missale angesprochen, überdrüssig der vielen „Privatliturgien“, durch die sich Priester vor der Gemeinde profilieren wollten. Die jungen Menschen hätten die Messen nach der Liturgie von 1962 und 1965 als diejenigen bezeichnet, die ihnen ein Gefühl der Spiritualität vermittelt hätten. In ihnen hätten sie die Nähe Gottes gespürt, ja, die Anwesenheit des Herrn erfahren.

 

Daß die Liturgie, die in Fontgombault gepflegt wird, anziehend auf gläubige Personen wirkt, zeigt sich in der großen Anzahl von Priestern, die die Gemeinschaft bilden. Sie verrichten ihren Dienst ausschließlich in der Abtei. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, sich um eine Gemeinde zu kümmern und sich als Seelsorger um viele Gläubige zu bemühen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, ein kontemplatives Leben zu führen, im Rahmen der Klostergemeinschaft betend die Gottesfreundschaft zu suchen. Sie möchten mit Gott in Zwiesprache treten, ihre Gedanken mit Jesus Christus teilen und auf diese Weise teilhaben an dem Anhauch des Reiches Gottes, der den Suchenden zuweilen anweht. Durch die Gemeinschaft und die vielen Gebete – die Stundengebete, aber auch die vielen eigenen Gedanken und Gebete – versuchen sie, die Liebe Gottes in einer besonderen Weise zu spüren. Sie sind wie der Gründer dieses sakralen Ortes Eremiten, allerdings Eremiten in einer Gemeinschaft, Gläubige, die nur in der Hinwendung zu Gott – immer wieder, unablässig, unbeirrbar – den Sinn und die Erfüllung ihres Lebens erkennen. Nur im Gebet, unterbrochen von der Arbeit und den Mahlzeiten, verfolgen sie ihr Lebensziel, immer in der Hoffnung, sich durch gute Werke die Möglichkeit zu eröffnen, durch die Gnade Gottes in Seine Herrlichkeit eintreten zu können.

 

Zwar herrscht in Frankreich ein Priestermangel, doch die Benediktinermönche mischen sich nicht unter das Volk der Kirche. Sie wollen nicht den klösterlichen spirituellen Kreis verlassen, um zu missionieren und sich um die Seelen der vielen Menschen zu sorgen, die des geistlichen Beistandes bedürfen. Ihre Aufgabe ist vielmehr die totale Hingabe an Gott, die unbedingte und ausschließliche Ausrichtung auf Gott, um durch ihr Beispiel, ja Vorbild andere Gläubige dazu mitzureißen, den Zugang zu Gott zu suchen. Es ist eine mittelbare Seelsorge. Sie erfolgt nicht unmittelbar durch ein Gespräch, sondern wirkt vielmehr für viele Gläubige wie eine vorbildliche Anleitung, sich Gott zu nähern. Auch wenn viele Menschen diesen ausschließlichen Weg nicht gehen wollen und auch nicht gehen können, daß er aber von einigen tieffrommen Mönchen beschritten wird, ist ein Zeichen, daß er begangen werden kann und es sich lohnt, ihn einzuschlagen.

Das Vorbild hat Erfolg, und das konnten wir in unseren Besuchen der Abtei erkennen. Selbst bei der Messe der Sext waren viele Gläubige gekommen, die sich stärker auf die Eucharistie konzentrierten, als es in den üblichen Messen, welche sich in „Privatliturgien“ zu erschöpfen scheinen, zu beobachten ist. Aufstehen, Knien und Sitzen wechselten einander ständig ab. Obwohl sie schwiegen, verfolgten die Menschen die Messe mit den gedruckten Gebetszetteln, auf denen die lateinischen Texte in die französische Sprache übersetzt worden waren. Es waren Gläubige, die teilweise von weither angereist waren, wie wir später den Autokennzeichen entnehmen konnten – Gläubige, die, wie es der Abt sagte, lange Wegstrecken auf sich nahmen, um die besondere Spiritualität der Liturgie nach dem Meßbuch von 1965 erleben zu können. Sie wollten sich in eine geistliche Atmosphäre begeben, die das ganz andere gegenüber den üblichen Meßriten verkörpert. Sie kamen, weil sie diesen Ritus lieben und weil sie durch ihn das Gefühl hatten, Gott näher sein zu können.

Diese Gläubigen haben einen Weg gefunden, auf dem sie die Nähe Gottes spüren und auf dem sie Gott ihre Liebe zeigen können. Er eröffnet ihnen die Möglichkeit, Gott würdig zu begegnen und mit ihm Zwiesprache zu halten. Sie sind es überdrüssig, Messen zu feiern, in denen sie das Gefühl haben müssen, daß zwischen ihnen und Gott immer der wie ein Moderator handelnde Priester steht. Sie wollen in dem Priester ihren Stellvertreter sehen, der wie sie auf das Kreuz und auf den Tabernakel und damit auf Gott schaut. Auch wenn sie nicht alle Worte der lateinischen Gebete verstehen, sie fühlen sich dennoch eingeschlossen in das Mysterium der Eucharistie. Diese mutet nicht wie eine Aufführung an, der sie zuschauen können, sondern wie der Vollzug einer heiligen Handlung zwischen dem Priester und Gott.

Der Gläubige, der sich viel im Ausland aufhält, aber auch in seinem Heimatland die Sonntagsmesse in verschiedenen Städten mitfeiert, wird feststellen, daß er mit einer Fülle von „Privatliturgien“ konfrontiert wird. Die tradierten Gebete werden durch seichte neue Kirchenlieder, die kaum einer kennt, ersetzt, das Credo wird in individuellen Fassungen gebetet, wenn es nicht durch eine neue Komposition und Dichtung ersetzt wird, das Kyrie ist zum Fremdkörper verkommen. Dem Gottesdienstbesucher drängt sich das Gefühl auf, daß er sich nicht mehr zurechtfinden kann, daß die eigentliche Katholizität verlorengegangen ist. Nichts Gewohntes erfährt er, nichts, was ihm lieb und teuer ist, nichts, was ihn seit seiner Erstkommunion begleitet hat.

Dabei ist ja dieser ständige Rekurs auf das Bekannte und immer wieder Gehörte das Spezifikum der Katholizität. Daß sie das Weltumspannende verkörpert, das Allgemeine, das überall Gleiche. Wenn in den Fürbitten auch für den jeweiligen Papst gebetet wird, soll ja gerade das einigende Moment der Weltkirche betont werden, diese weltweite Zusammengehörigkeit. Erstaunlich ist es deshalb schon nicht mehr, daß viele Gläubige, auch diejenigen, die in ihrer Kindheit nicht mehr den alten Meßritus erlebt haben, gerade durch die alte Form angezogen werden. In der alten Messe erkennen sie ihre Möglichkeit, ihren Glauben einer Erfüllung zuzuführen. Wenn aber so viele Gläubige in dem alten Meßritus ihre Gläubigkeit leben wollen, dann widerspricht es den Forderungen nach einer Neuevangelisierung, ihnen diesen Weg dazu abzuschneiden. Papst Benedikt XVI. hat dieses Bedürfnis erkannt und den Zugang erleichtert.

 

Wenn ich über die Reform der Liturgie nachdenke, muß ich immer an die Geschichte denken, die mir unser Freund Ul de Rico, der auch in der Nähe von Fontgombault gelebt hat, erzählte: Oft hat er das Schloß der Eltern seiner jungen Frau aufgesucht und dort mit der alten Köchin gesprochen. Sie, die zeitlebens jeden Sonntag die Messe mitgefeiert hat, mied nach der Liturgiereform den Gang zur Kirche. Auf ihre unterbliebenen Besuche der Sonntagsmesse angesprochen, meinte sie nur, daß sie jetzt alles verstehe, daß jetzt die Messe kein Geheimnis mehr berge. Das Mysterium der Eucharistie empfand sie als aufgelöst, als durchsichtig und damit nicht mehr als ein verborgenes Handeln des Priesters vor Gott. Die neue Liturgie war für sie die Entzauberung der Messe. Sie, die tiefgläubige Bayerin, war dadurch nicht mehr Teil der einzigartigen Zwiesprache des Priesters mit Gott, die für sie aber notwendig war, sich Gott zu nähern. Der Zauber war gebannt. Auch wenn sie es nicht ausdrücken konnte – die Banalität des vollständigen Verstehens ließ ihre Gläubigkeit schwinden.

Was diese schlichte Frau empfunden und als Verlust des Mysteriums bezeichnet hat, empfinden auch viele Gläubige, gerade unter den Jungen. Die Sehnsucht nach dem Anschluß an eine jahrhundertealte Meßtradition ist unübersehbar und bahnt sich durch die Liebe zum alten Meßritus Bahn. Politik und Zeitgeist erleben auch die Gläubigen auf Schritt und Tritt. Sie wollen aber in der Begegnung mit Gott das Andere erfahren. Ihnen diesen Weg zu eröffnen dürfte Aufgabe einer künftigen Liturgiereform sein.

Wie schon Benedikt XVI. wiederholt angemerkt hat: Die Kirche wird aus kleinen Gruppen heraus wieder stark werden. Charismatische Persönlichkeiten werden als Menschenfischer wieder für den Aufschwung sorgen. In den Messen nach dem alten Missale können wir die Anfänge dieser neuen Bewegung erkennen. Und Papst Leo XIV. hat dieses Sehnen der Gläubigen erkannt und deshalb die restriktiven Anordnungen seines Vorgängers hinsichtlich der Erlaubnis, Messen im alten Ritus zu zelebrieren, aufgehoben – ein bedeutender Akt der Evangelisation.

 

Das vollständige Interview des Autors mit dem Abt Jean Pateau: auf Französisch und in deutscher Übersetzung.

 

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung eines Kapitels aus einem Reisebuch über das religiöse Frankreich, das nächstes Jahr voraussichtlich unter dem Titel Zeichen der Erneuerung der abendländischen Kultur. Rückkehr der Religion in Frankreich erscheinen wird.

 

Abbildungen: Photographien des Autors von der Abtei und deren Abt Jean Pateau

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