Christentum und Westen. Einige Überlegungen zu einem Feld der Geopolitik

LOGBUCH XXIX (17. Mai 2022). Von Felix Dirsch

 

Der Westen als vereinheitlichende soziologische und politisch-journalistische Kategorie nimmt erst nach 1945 konkretere Formen an, obwohl einzelne Redensarten von der transatlantischen Einheit schon seit den 1890er Jahren existieren. Gerade deutsche Intellektuelle vor 1945, an prominenter Stelle zeitweise sogar der Schriftsteller Thomas Mann, wollten vom westlichen Weg nichts wissen, war für sie doch der „deutsche Weg“ der überlegene. Erst nach dieser Zäsur erscheint der „lange Weg nach Westen“ (Heinrich-August Winkler) als irreversibel, ja als das kaum mehr hinterfragte „Ende der Geschichte“. Es entstand, so die verbreitete Selbstdeutung, die freiheitliche Welt gegen die unfreiheitlich-sklavische des kommunistischen Ostens.

Überhaupt identifiziert man heute weithin den Westen mit jenen Staaten, die die westlichen Werte teilen, und das sind beinahe alle europäischen Staaten und die USA, sowie natürlich noch zahlreiche weitere Länder. Zur westlichen Wertewelt gehören im Kern die Gewährung von Demokratie und Menschenrechten sowie grundsätzliche marktwirtschaftliche Freiheiten. Der verstorbene US-Politologe und Bestseller-Autor Samuel P. Huntington zählt in seinem die Signatur des Zeitgeistes prägenden Buch „Kampf der Kulturen“ zu den substantiellen kulturellen Bestandteilen des Westens Christentum, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit.

Nach der Implosion des Ostblocks 1989/90 vergrößerte sich das westliche Lager. Es verlor aber, wegen seiner scheinbar weltumfassenden Einflußsphäre und der Führungsrolle der vermeintlichen „einzigen Weltmacht“ (Brzezinski), an inneren Bindungskräften. Bald nach der Jahrhundertwende zeigen sich Entwicklungen, die im frühen 21. Jahrhundert zum „gespaltenen Westen“ (Jürgen Habermas) führten und mit dem unterschiedlichen Verlauf der jüngeren Geschichte in den USA und Europa zu tun haben. Die militärisch starken USA setzten andere Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele ein, etwa eine offensive Verteidigung in weit entfernten Regionen.

Im Gegensatz zu der Situation vor zwei Jahrzehnten besteht heute eine andere Lage: Die USA und die meisten Staaten Europas lassen am Anfang der 2020er Jahre so viele Übereinstimmungen wie selten zuvor erkennen. Dieser neue Konsens hängt natürlich mit dem neuen Erzfeind im Osten Europas zusammen, gegen den abzugrenzen aus Solidarität mit dem angegriffenen Volk der Ukrainer fast Pflicht ist. Doch häufen sich selbst nach dem Angriff Putins jene Stimmen, die wissen wollen: „Warum ist die Ukraine die Schuld des Westens?“ (John Mearsheimer). Solche kritische Fragen stellen aber bestenfalls Minderheiten innerhalb der öffentlichen Meinung.

Huntington hat ein weiteres Charakteristikum unserer Zivilisation ausgemacht: die große Strahlkraft der westlichen Kultur auf die übrigen Zivilisationen. Hauptgrund dafür dürfte die Anziehungskraft der technischen und ökonomischen Ressourcen spätestens im 19. Jahrhundert sein. Sie sorgten für eine rasche „Verwandlung der Welt“ (Jürgen Osterhammel). Die vor dem Hintergrund der industriellen Fertigung sprunghafte Zunahme materieller Güter ging einher mit einem allmählichen Verblassen des geistigen Erbes, konkret: der missionarischen Kraft des Christentums.

Solche eher jüngeren Entwicklungen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es längst vor der Genese so genannter „westlicher Werte“ eine gern unberücksichtigte Initiation gegeben hat. Der Historiker Heinrich-August Winkler notiert im ersten Band seiner weit ausgreifenden „Geschichte des Westens“: „Am Anfang war der Glaube: der Glaube an einen Gott“.

Dabei handelt es sich indessen um eine notwendige, keine hinreichende Voraussetzung. Das monotheistische Abenteuer des ägyptischen Pharaos Echnaton, das mehr politische als religiöse Hintergründe offenbart – „Religion“ ist schon begrifflich schwer auf die ägyptischen Kultverhältnisse anzuwenden – dauerte bekanntlich nur kurze Zeit. Doch die Wirkungsgeschichte ist schwer absehbar. Schon vor Sigmund Freud haben einzelne Kenner der Religionsgeschichte auf den Weg des Ein-Gott-Glaubens von Ägypten nach Israel hingewiesen. Genauer geklärt werden konnte dieser politreligiöse Transfer aber nie. Aufgrund der Quellenlage verwundert es nicht, daß die Historizität der Mose-Erzählungen nach wie vor umstritten ist. Diese Figur wirkte aber, unabhängig davon, in nachhaltiger Weise im Geschichtsgedächtnis.

Die so genannten abrahamitischen Religionen blieben von dieser einschneidenden Weichenstellung abhängig. Viele Autoren haben sich über „Moses Vermächtnis“ (Friedrich W. Graf) Gedanken gemacht.

Natürlich wäre es zu simpel, die Entstehung des Westens nur in Verbindung mit dem Christentum zu bringen, wirkte diese Glaubensrichtung doch in verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Räumen sehr unterschiedlich. Weiterhin ist es, besonders für bestimmte Epochen wie dem Mittelalter – und diesem Zeitalter wiederum vor allem für die so genannten „dunklen Jahrhunderte“ – schwierig, die Einflüsse der christlichen Lehre auf das Leben der Menschen zu belegen. Ferner verbreitete sich die reine Lehre – wenn überhaupt – nur in langen Zeiträumen, und sie war in der Alltagspraxis mit heidnischen Bräuchen vermischt. Weltliches und Geistliches sind oft unentwirrbar miteinander verknüpft, die Prägekraft des Glaubens je nach Zeit und Region sehr verschieden. Oft gibt es Streit zwischen diesen Gewalten: Instrumentalisiert die geistliche die weltliche Richtung, oder ist es umgekehrt?

Die grundlegende Schrift des Ideenhistorikers Larry Siedentop über die „Erfindung des Individuums“ bringt viel Licht ins Dunkel. Dies gilt auch für das Kapitel über Kaiser Karl den Großen, über dessen Ziele, die dogmatisch korrekten Glaubensvorstellungen im Volk stärker zu verbreiten, die Quellen immer wieder berichten. Viele Reformen, etwa des Klosterwesens, charakterisieren seine Herrschaft. Siedentop zeigt, wie sehr das Christentum im Anschluß an Karls Reformen stärker individualistische Züge angenommen hatte, die die Sozialstruktur der Kirchen langsam zu verändern begannen.

Wie sehr die weltlich-gesellschaftliche Gestalt des Gottesvolkes im politischen Bereich variieren konnte, verdeutlicht der Umschwung des Pendels von der Zwei-Schwerter-Lehre des Papstes Gelasian zum Einheitsdenken des hochmittelalterlichen politischen Augustinismus (etwa Aegidius Romanus): Während der Islam von seinen Ursprüngen her die Einheit von Religion und Politik propagierte, lehrt Jesus bekanntlich, dem Kaiser zu gegeben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott zusteht. Diese Aufteilung hielt sich schon deshalb lange, weil die Kirche im römischen Reich über Jahrhunderte von der Macht ferngehalten worden war – bis zur konstantinischen Wende, die heute überwiegend kritisch gesehen wird, damals aber für viele Gläubige Erleichterungen mit sich brachte. Doch auch nach diesem epochalen Einschnitt fand der Dualismus von politischer und geistlicher Macht viele Befürworter, nicht zuletzt einen prominenten wie den Hl. Augustinus.

Die päpstliche Revolution im 11. Jahrhundert, die (aus machtpolitischen Gründen) dem Kaiser das Recht bestritten hatte, Kleriker, insbesondere Bischöfe, einzusetzen, konnte an ältere Wurzeln des Christentums anknüpfen. Mag Papst Gregor VII. durch sein Handeln völlig andere Intentionen verfolgt haben, in der Wirkung setzte er die weltliche Macht von Direktiven der geistlichen Macht frei. Man hat in diesem Kontext vom „Ausgangspunkt der modernen Emanzipation“ (Martin Rhonheimer) gesprochen.

Aus der mittelalterlichen Unterscheidung von Regnum und Sacerdotium entwickelte sich in der Neuzeit ein „liberales System“ (Ernst Nolte), das im frühen 20. Jahrhundert herausragende Gelehrte wie Max Weber und Otto Hintze zu bahnbrechenden Werken anregte. Im Kern handelt es sich um Prozesse der Ausdifferenzierung. Weber unterscheidet im Vorgang der „okzidentalen Rationalisierung“ autonome Bereiche wie Wissenschaft, Kunst und Recht. Der „religiös unmusikalische“ Weber berücksichtigte die innovativen Potenziale des Christentums, etwa die im Mittelalter zum Teil bereits „moderne“ Kurienverwaltung und die rationalistische Ausrichtung der scholastischen Theologie. Die neuzeitliche Aufklärung ist demnach nicht zufällig und ohne ältere Voraussetzungen entstanden. Im Anschluß an diese Forschungen zeichnet Ernst Nolte die Herauskristallisierung eines polygonalen Systems im Abendland nach, in dem sich kein Element restlos auf Kosten der anderen durchsetzen kann: Kirche, Königtum, Städtewelt und Adel. Ein monokratischer Cäsaropapismus wie in Byzanz, mit Nachwirkungen auf die russische Orthodoxie bis heute, konnte im Westen nicht Fuß fassen. Erst der Faschismus (in Italien und Deutschland) und der Kommunismus, so Nolte abschließend, zertrümmerten im 20. Jahrhundert diese uralten pluralen Traditionen durch ihren totalitären Herrschaftscharakter.

Einen ebenso interessanten wie aktuellen Aspekt der Thematik „Christentum und Westen“ behandelt der Aufsatz „Gehört das Christentum zum Westen“ von Arne-Florian Bachmann in dem von Dietmar Schössler und Michael Plathow herausgegebenen Sammelband „Multipolarität und bipolare Konfrontationen“ (Wiesbaden 2019). Erkenntnisleitend für den Autor ist die Frage: Zählt das Christentum nach 1990 eher zur „Fukuyama-Welt“ oder zur dazu konträren „Huntington-Welt“? Natürlich ist es banal zu argumentieren, daß das Christentum in all seinen Facetten nicht in politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen aufgeht. Die Diskussionen über entsprechende Auswirkungen des Glaubens reichen von den frühen Nachfolgern Jesu bis ins 20. Jahrhundert. Einen der Höhepunkte stellt die Kontroverse zwischen Karl Barth und Emil Brunner im protestantischen Raum dar.

Bei Fukuyama steht der universalistische und auf Gleichheit vor Gott („isothymische“) ausgerichtete Aspekt des Christentums im Vordergrund, bei Huntington hingegen vor allem identitäre Implikationen. Beide gesellschaftlichen und kulturellen Schlußfolgerungen aus kirchlichen Strukturen sind möglich, aber nicht zwingend. Schon gar nicht sind etwaige soziale Konsequenzen zentral für die Frömmigkeit. Da das Christentum, wie es im frühkirchlichen Diognet-Brief heißt, zwar nicht „von der Welt“ ist, wohl aber „in der Welt“, läßt sich ungeachtet aller möglichen eschatologischen Ausrichtung ein Blick auf sozial-politische Zusammenhänge nicht ganz vermeiden. Dies gilt auch für aktuelle Kontextualisierungen in Debatten, wie sie seit drei Dekaden vor allem im Westen geführt werden.

 

Prof. Dr. Felix Dirsch, katholischer Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler, lehrt politische Wissenschaften an der Universität Gyumri (Armenien) und ist u. a. als Mit-Herausgeber von Sammelbänden zu Themen der Religion und Politik hervorgetreten, zuletzt (mit David Engels): Gebrochene Identität? Christentum, Abendland und Europa im Wandel (Bad Schussenried 2022).

 

Abbildung: pixabay.com

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