Einladung und Auftrag: Die Festschrift zum 80. Geburtstag von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

LOGBUCH XCVIII (20. Juli 2026). Von Sascha Vetterle

 

Leid – Lösung – Spiel ist der Titel der Festschrift zum 80. Geburtstag von Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Sie wurde der Jubilarin im vergangenen März im Rahmen eines Symposiums zu ihren Ehren auf Schloß Hirschberg überreicht. Die Festschrift soll, so René Kaufmann in einem Grußwort im Namen der Arbeitsgemeinschaft Religionsphilosophie Dresden e. V., Einladung und Auftrag sein: „Einladung, das Gute, Wahre und Schöne neu zusammenzusehen; Auftrag, das Erkannte in Denken, Beten und Handeln zu vertiefen.“ Kaufmann ist neben Beate Beckmann-Zöller einer der beiden Herausgeber der Festschrift.

Besagtes Grußwort schließt sich an eine Einleitung der beiden Herausgeber an und eröffnet den Kreis der Grußworte, von denen – ein Ausweis der tiefen Kirchlichkeit der Denkerin und Lehrerin Gerl-Falkovitz – fünf von amtierenden bzw. emeritierten (Erz-)Bischöfen stammen. Die übrigen Grußworte wurden überwiegend von Gesellschaften und Vereinigungen wie der Guardini-Stiftung e. V. oder der Edith-Stein-Gesellschaft Österreich e. V. beigesteuert.

Was bei der Lektüre der Grußworte auffällt, sind nicht nur die vielfältigen Kontakte als Frucht eines langen und vielseitigen Wissenschaftlerlebens, sondern auch die tiefe freundschaftliche Verbundenheit, die menschliche Zugewandtheit im Dienst an der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit, die uns umgreift und hält, welche die Jubilarin augenscheinlich mit so vielen verbindet.

An die Grußworte schließen sich die inhaltlichen Beiträge zum Sammelband an, die in sechs thematische Bereiche gegliedert sind. Bei diesen Bereichen handelt es sich zum einen um die titelgebenden Stichworte, zum anderen um Personen, die für den intellektuellen Lebensweg von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz prägend waren: Edith Stein, Romano Guardini sowie Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.

Die Namen jener, die hier mit Beiträgen vertreten sind, bilden einen illustren Kreis und zeigen allein schon mit ihrer Präsenz, daß Gerl-Falkovitz zu den Großen der zeitgenössischen katholischen Geisteswelt im deutschen Sprachraum zählt, und dies nunmehr schon seit vielen Jahren. Es kann hier aus Platzgründen nicht auf alle Beiträge eingegangen werden, was nicht als Wertung zu verstehen ist.

Im Abschnitt zum Leid stellt Rémi Brague die Gottesfrage im doppelten Sinne: einmal als Frage nach Gott, dann auch als Frage Gottes an uns. Brague führt aus, daß Materie und Natur nicht verstehbar seien. Das Verstehen frage nach dem Wozu. Doch genau diese Frage habe die moderne Naturwissenschaft ausgeblendet. Die Offenbarung Gottes sei die Antwort auf diese Frage von Gott her; eine Antwort, welche für ihre Entfaltung die Gesamtheit der Geschichte verlange.

Doch bleibt es Brague zufolge eben nicht bei der Antwort Gottes auf die menschliche Frage nach dem Wozu. Auch Gott richtet seine Fragen an den Menschen, und diese sind: „Wo bist Du?“ und „Wo ist Dein Bruder?“ Zusammen erfordern sie eine Standortbestimmung des Menschen – jedes Menschen – in der Welt und in Beziehung zu Gott. Bragues Pointe: keine Anthropologie ohne Theologie. Auch die Frage des Atheisten „Wo ist Dein Gott?“ beantwortet dieser selbst: durch sein Handeln. Menschengemachte Antworten sähen Gott immer auf dem Thron; Gottes eigene Antwort auf die Frage laute dagegen: „am Kreuz“.

Der bereits erwähnte René Kaufmann fragt nach Entschränkungen der Theodizeefrage und trifft dabei unter anderem Unterscheidungen zwischen Schmerz, Übel und Leid.

Im Abschnitt zum Thema „Lösung“ beschreibt Thomas Möllenbeck die Religion als eine Praxis, die aus der Bereitschaft erwächst, den Willen Gottes zu tun, soweit man ihn erkennt bzw. erkennen will. Hierbei setzt er sich auch mit dem Denken des kürzlich zum Kirchenlehrer ernannten John Henry Newman auseinander.

Pater Karl Wallner vom Stift Heiligenkreuz sieht die in unserer Zeit grassierenden Ängste und die Hoffnungslosigkeit als Folge einer metaphysischen Krise, ausgelöst durch die Transzendenzverweigerung der westlichen Kultur. Entgegen dieser betont er, daß der Mensch ein philosophie- und metaphysikfähiges Wesen sei. Vor diesem Hintergrund stellt Wallner Heidenangst und christliche Gottesfurcht als wesenhaft verschieden einander gegenüber. Letztere vertreibe erstere.

In ihrem Beitrag argumentiert Ursula Schumacher, daß der im 20. Jahrhundert vollzogene Übergang von der Hagiographie zur Heiligenbiographie nicht nur Folge literarischer Mängel der ersten Gattung, sondern auch einer analogen Entwicklung der Gnadentheologie sei. Wie die Neuscholastik die Souveränität Gottes betont habe, so sei die Hagiographie primär Lobpreis Gottes gewesen. Die nachneuscholastische Gnadentheologie betone dagegen den Beziehungsaspekt und damit die Freiheit des Menschen. In Übereinstimmung damit lege die Heiligenbiographie den Fokus auf das menschliche Suchen nach dem Willen Gottes. Schumacher weist hierbei auch auf die drohenden Einseitigkeiten beider Ansätze hin. Während der ältere Ansatz die Gefahr eines Theozentrismus in sich trage, sei es bei dem jüngeren jene eines Anthropozentrismus.

Daniel Zöllner widmet sich in seinem Beitrag der Tugend der Demut, die keine Tugend im herkömmlichen Sinne sei, da man sie nicht durch eigene Anstrengung erwerben, sondern nur empfangen könne. Demut sei dabei der ursprünglichen Wortbedeutung nach Dienstbereitschaft und bestehe letztlich in einer Haltung gegenüber dem unerreichbar Größeren. Ihre besondere Bedeutung bestehe in der Neukonfiguration der heidnischen Tugenden.

Walter Schweidler beginnt seinen Beitrag zu Gemeinschaft und Gerechtigkeit mit der Feststellung, daß die Auffassung von der sozialen Verantwortung des Staates als legitimatorische Basis des heutigen westlichen Verfassungsverständnisses aus Deutschland stamme, und fragt vor diesem Hintergrund, wie Gerechtigkeit zu einem Schlagwort im Konkurrenzkampf der Partikularinteressen werden konnte. So scheine es, als sei der Sozialstaat darauf angelegt gewesen, seine eigenen Wurzeln auszurotten – eine geradezu postliberal anmutende These. Das Fazit von Schweidlers sich anschließender Untersuchung lautet mit Hegel und gegen den „Staatsphilosophen der Bundesrepublik“, den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas, daß der Gemeinschaft in der Bundesrepublik nicht genug Beachtung als Faktor für ein gelingendes politisches Leben gezollt wurde und wird. Die Folge sei, daß die Menschen sich nicht mehr eingebunden und dadurch auch nicht mehr dem großen Ganzen verpflichtet fühlten.

Im Anschluß hieran befaßt sich der ehemalige rheinland-pfälzische Oppositionsführer Christoph Böhr mit der Krise der Demokratie und plädiert in der Dichotomie von Universalismus und Partikularismus für ersteren. Wünschenswert wäre hier gewesen, wenn Böhr auch auf den Versuch Alasdair MacIntyres eingegangen wäre, diese Dichotomie ganz grundsätzlich zu überwinden, dies schon allein vor dem Hintergrund, daß der christliche Glaube an die Inkarnation diese Dichotomie vom Prinzip her in Frage stellt, wenn der universale göttliche Logos ein partikularer Mensch wird.

Claudia Mariéle Wulf schaut mit Gertrud von le Fort und Edith Stein auf die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche und greift in diesem Zusammenhang auch Zöllners Thema der Demut wieder auf. Ein für zeit- und sozialgeschichtlich interessierte Leser eindrucksvolles ostdeutsches Lebenszeugnis steuert Andreas Martin, Jahrgang 1957, bei.

Den Abschnitt zum Spiel eröffnet Hans-Rainer Sepp mit einer phänomenologischen Annäherung an das Thema. Sebastian Ostritsch fragt in Auseinandersetzung mit Wittgenstein und Bernard Suits nach dem Wesen des Spiels und erkennt in diesem einen relevanten Gegenstand der Philosophie. Alfons Knoll zeichnet den Weg nach, der Romano Guardini zu seinem Konzept von der Liturgie als Spiel führte. Dabei zeigt er auf, wie sich Guardini von einem Verständnis des Spiels als unernst löste, um es schließlich als zwar zwecklose, doch höchst sinnvolle Tätigkeit zu begreifen.

Viki Ranff untersucht Berührungspunkte zwischen Nikolaus von Kues und Romano Guardini. Markus Zimmermann behandelt Struktur und Verhältnisbestimmung von individuellem und gemeinschaftlichem Gebet sowie kirchlicher Liturgie und überrascht dabei mit einer Verteidigung der zeitgenössischen Gebetsgattung des „Lobpreises“. Jan-Heiner Tück stellt Dantes Göttliche Komödie und Karl Barths unvollendete Kirchliche Dogmatik als zwei geistige Kathedralen einander gegenüber. Gudrun Trausmuth wirft einen Blick auf Sprache in ihrem Wirklichkeits- und Mitteilungscharakter (Josef Pieper) mit Hilfe von Hilde Domin, Hans Christian Andersen, Eichendorff, Goethe sowie Rilke und kommt dabei auch auf zeitgenössische Formen des Sprachmißbrauchs durch die LGBTQ-Bewegung zu sprechen. Den Abschnitt zum Spiel schließt Mitherausgeberin Beckmann-Zöller mit einem Beitrag zum Spiel der Kinder Gottes ab.

Angelika Schober und Christoph Betschart widmen sich Edith Stein als einer Philosophin der Freiheit. Schober zeichnet dabei den Einfluß Friedrich Schillers nach, den dieser schon von Kindheit an auf Edith Stein ausübte. Betschart behandelt das Verhältnis von göttlicher Gnade und menschlicher Freiheit im Denken Steins. Die tiefe Spiritualität der Denkerin Edith Stein kommt im Beitrag von Katharina Westerhorstmann, mit Gerl-Falkovitz unter anderem verbunden in ihrer Kritik am Synodalen Weg, zur Sprache, in dem man von der existentiellen Bedeutung des Gedankens des stellvertretenden Sühnopfers für Stein erfährt.

Der emeritierte Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger sowie Paul Metzlaff befassen sich mit Romano Guardini. Schwienhorst-Schönberger widmet sich dabei Guardini als geistlichem Meister und Lehrer des Gebets. Metzlaff bringt Guardini in Dialog mit Johann Wolfgang von Goethe.

Den Abschluß der Festschrift liefern der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, und – last but not least – die Jubilarin selbst. Voderholzer setzt sich mit dem für das Denken von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. so wichtigen Begriff der „Hellenisierung des Christentums“ auseinander. Die Jubilarin würdigt den verstorbenen Pontifex nicht nur in Form persönlicher Erinnerungen, sondern auch im Nachzeichnen intellektueller Begegnungen des Gelehrtenpapstes mit Denkern von Augustinus bis Habermas.

Mit insgesamt über 500 Seiten ist das vorliegende Werk kein schmaler Band. Die vielfältigen zur Sprache kommenden Fragestellungen und Perspektiven zeugen vom vielseitigen Interesse der Geehrten. Ohne breites Vorwissen wird dem Leser daher wohl das eine oder andere notwendigerweise verschlossen bleiben; andererseits stellt dieser geistige Reichtum sicher, daß jeder Leser aus der Lektüre auch nicht wenig mitnehmen wird, was ihn beschenkt.

 

Beate Beckmann-Zöller und René Kaufmann (Hrsg.): Leid – Lösung – Spiel. Phänomenologische, religionsphilosophische und theologische Zugänge. Festschrift für Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Dresden: Text & Dialog 2026. Hardcover mit Fadenbindung, 540 S. 29,90 Euro. ISBN 978-3-943897-96-8.

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