Verschlossene Vernunft – Über die Finsternis der sogenannten Aufklärung

LOGBUCH XCIV (25. Mai 2026). Von Daniel Zöllner

 

„Wenn aber dein Auge verdorben ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!“ (Mt 6,23)

 

Verführt die in philosophischen Begriffen implizierte Metaphorik das Denken? Oder kann sie das Denken auch zur Erkenntnis führen? Mit Hans Blumenberg wird man antworten müssen, daß Metaphern das Denken zwar unvermeidlich verführen, daß aber ohne sie auch keine philosophische Erkenntnis zu gewinnen und zu formulieren ist. Die vorliegende Skizze versucht sich die erschließende Kraft einiger Metaphern im Denken des 20. Jahrhunderts zunutze zu machen. Es handelt sich dabei um absolute Metaphern, die nicht in präzise Begriffe übersetzbar sind, genauer gesagt um zwei antithetische Paare absoluter Metaphern, die nicht erst seit dem 20. Jahrhundert zentral für das philosophische Denken sind: um den Gegensatz von Offenheit und Verschlossenheit und um den Gegensatz von Verfinsterung und Erhellung. Beide Gegensatzpaare hängen wiederum zusammen: Ein offenes Auge, durch Fenster oder andere Öffnungen „gelichtete“ Räume sind hell, während verschlossene Augen und geschlossene Räume ohne künstliche Lichtquellen zwangsläufig im Dunkeln versinken. Absolut sind diese Metaphern, wenn sie auf die menschliche Vernunft bezogen werden: Die Vernunft kann offen oder geschlossen, finster oder hell sein. Diese Bilder und Bildkonstellationen begleiten das philosophische Denken spätestens seit Platons Höhlengleichnis. Offenheit der Vernunft bedeutet nach Platon Offenheit für das Licht, für die Transzendierung der bloßen Meinung, für die Schau der Ideen und besonders der Idee des Guten, die ja – auch in einem anderen Gleichnis der Politeia – mit der Lichtquelle schlechthin, eben mit der Sonne, verglichen wird. Diese platonische Spur gilt es im Auge zu behalten, auch wenn sie hier nicht weiterverfolgt wird.

Im 20. Jahrhundert taucht die Metapher der Offenheit in einem zentralen Begriff der philosophischen Anthropologie wieder auf, in Max Schelers Begriff der Weltoffenheit. Daß das Lebewesen Mensch offen ist für die Welt, bedeutet bei Scheler nicht einfach eine grundsätzliche Offenheit für die begegnende Wirklichkeit, denn eine solche Offenheit für das sinnlich Begegnende findet sich ja zweifellos auch bei Tieren. Offenheit für die Welt bedeutet nach Scheler Offenheit für das Ganze, Transzendierung des Partiellen, des bloßen Ausschnitts und Teiles hin zu einer möglicherweise nur als Idee angezielten, jedenfalls aber allumfassenden Totalität. Der Mensch wäre für Scheler nicht Mensch ohne diese Offenheit der Vernunft für das Ganze. Er verlöre sich in der Umwelt, fände aber niemals zum eigentlich Menschlichen.

Der Theologe Wolfhart Pannenberg hat die absolute Metapher Schelers aufgegriffen und mit einem anderen Begriff verbunden: Was Scheler als „Weltoffenheit“ bezeichnet, sei im Kern „Gottoffenheit“. Das bedeutet: Nur vom Ganzen der Welt aus, nur in der Transzendierung des Partiellen der Umwelt lasse sich eine Offenheit für Gott erzielen. Aber auch umgekehrt: Nur in der Offenheit für Gott, also in der Offenheit für den, der alles bloß Partielle übersteigt, lasse sich Weltoffenheit wahrhaft fundieren. Anders formuliert: Die Vernunft ist nur dann offen für Gott, wenn sie die Umwelt transzendiert, und sie transzendiert die Umwelt nur dann, wenn sie offen für Gott ist – ein Zirkel, in dem die „Weltoffenheit“ und die „Gottoffenheit“ der menschlichen Vernunft untrennbar aufeinander verwiesen und angewiesen sind.

Das heißt wiederum negativ: Verschließt sich die Vernunft der Welt, dem Ganzen, und begnügt sie sich mit dem Partiellen, dann verschließt sie sich auch Gott; und wenn sie sich Gott verschließt, verliert sie in zunehmendem Ausmaß ihre Fähigkeit, das Partielle zu überschreiten. Hierbei handelt es sich um einen Teufelskreis. Eine Vernunft, die sich Gott verschließt, verschließt sich dem Ganzen – und umgekehrt. Damit verschließt sich die Vernunft zugleich dem Licht, das sie nur in der Bewegung der Transzendenz gewinnen kann, und verfinstert sich – einem Raum vergleichbar, dessen Fenster mit Läden verdunkelt werden.

Diese Metaphorik einer sich verschließenden und damit verdunkelnden Vernunft spielt eine große Rolle in einigen bekannten Werktiteln, welche die Philosophie des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Da ist zunächst Max Horkheimers bekanntes Werk, das auf Deutsch Zur Kritik der instrumentellen Vernunft heißt, im englischen Original aus dem Jahr 1947 aber den Titel Eclipse of Reason trägt. „Eclipse“ heißt übersetzt „Verfinsterung“ oder „Verdunkelung“. Für Horkheimer ist also der Prozeß, in dem die Vernunft sich zunehmend auf das Instrumentelle verengt, zugleich eine Verschließung vor dem Licht, eben eine Verfinsterung. Das ist in der Metaphorik des englischen Titels selbst dann impliziert, wenn Horkheimer es gar nicht intendiert haben sollte.

Und hier drängt sich eine Verbindung mit einem nur rund sechs Jahre später, im Jahr 1953, erschienenen Werk Martin Bubers auf, das den Titel Gottesfinsternis trägt. Meines Erachtens läßt sich den Titeln der Werke Horkheimers und Bubers eben der Konnex zwischen „Weltoffenheit“ und „Gottoffenheit“ entnehmen, von dem Pannenberg spricht: Eine auf das Instrumentelle verengte Vernunft ist zugleich auf das Partielle verengt, verschließt sich der Welt und damit auch Gott. Verfinsterung der Vernunft und „Gottesfinsternis“ bedingen einander, wie oben bereits anhand der Metaphorik der Offenheit erörtert.

Meines Erachtens hat Eric Voegelin die beste Analyse dieser Zusammenhänge vorgelegt, und zwar in einem Werk, das sich schon im Titel der hier besprochenen Metaphorik bedient. Der Titel gemahnt an Horkheimer, er lautet The Eclipse of Reality. Voegelins Essay ist auf Deutsch unter dem Titel Realitätsfinsternis erschienen. Das „kontrahierte Selbst“, von dem Voegelin in diesem Essay spricht, ist ein verengtes, verschlossenes und dadurch verdunkeltes Selbst. Es fehlt diesem „kontrahierten Selbst“ die Offenheit für das Wirkliche, für das Ganze, für die Transzendierung des bloß Partiellen und Instrumentellen hin zur Welt und zu Gott.

Liest man die Analysen Voegelins, so scheint es, als müsse man zumindest manche der sogenannten Aufklärer eher als „Verdunkler“ und „Verfinsterer“ bezeichnen. Und tatsächlich koinzidiert der Prozeß der Aufklärung in weiten Teilen mit dem Vorgang einer Verschließung der Vernunft vor Gott und Welt, mit einer Verengung der Vernunft auf den Verstand und auf das bloß Funktionale. Die von Voegelin diagnostizierte „Verfinsterung der Realität“ hat eine „Gottesfinsternis“ zur Folge, und diese verstärkt wiederum jene. Die „Realitätsfinsternis“ hat in einer Kontrahierung, mehr noch: Verschließung der menschlichen Vernunft ihren Ursprung.

Es fällt nun nicht mehr schwer, eine Therapie der pathologisch verengten und verschlossenen Vernunft anzugeben: Öffnung. Die für Gott geöffnete Vernunft öffnet sich der Welt, und die für die Welt geöffnete Vernunft öffnet sich Gott. Es läge an uns, den beschriebenen Teufelskreis zu durchbrechen und in eine Aufwärtsspirale zu verwandeln. Dabei kann die Weitung der Vernunft wohl auch vom Ungläubigen vollzogen werden, während die Überwindung der „Gottesfinsternis“ letztlich dem Gläubigen vorbehalten bleibt. Offenheit für das Ganze und Offenheit für Gott haben jedoch einen gemeinsamen Nenner, der sich auf den Begriff der Selbsttranszendenz bringen läßt. Möglicherweise können sich Gläubige und Ungläubige auf diesen Nenner einigen, sich darin treffen und gemeinsam an der Weitung der Vernunft arbeiten.

Literaturhinweise

Martin Buber: Gottesfinsternis. Betrachtungen zur Beziehung zwischen Religion und Philosophie. Zürich: Manesse 1953.

Max Horkheimer: Eclipse of Reason. Oxford: Oxford University Press 1947.

Wolfhart Pannenberg: Was ist der Mensch? Die Anthropologie der Gegenwart im Lichte der Theologie. 5. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976.
Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928). 9. Aufl. Bern: Francke 1978.

Eric Voegelin: Realitätsfinsternis. Aus dem Englischen von Dora Fischer-Barnicol. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Peter J. Opitz. Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2010.

Daniel Zöllner: „Die Selbsttranszendenz des Menschen. Über die Komplementarität von Philosophie und christlichem Glauben in der Anthropologie Josef Piepers“. In: Lepanto-Almanach, Bd. 6/7 (2025/26), S. 71–96.

 

Abbildung: pexels.com / Francesco Ungaro

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