Die verschmutzte Quelle, Leviathan, die Reichen und die Person: Ein Pfingstdialog über Herrschaft und Wirtschaft

LOGBUCH CI (1. Oktober 2026). Von Thomas Keith |

Zur Vorgeschichte wäre zu sagen, daß sich unsere beiden Gesprächspartner, Mikko und Jana (beide 42), im Lesesaal der Badischen Staatsbibliothek Karlsruhe kennengelernt haben. In der Mußezeit, die er nicht auf den Broterwerb durch Lohnarbeit verwenden mußte, hielt sich Mikko meistens dort auf, beschäftigt vor allem mit Literatur über christliche Gesellschaftstheorie; ich erinnere mich an die Namen Nikolaj Berdjajev[1], Jacques Ellul[2] und Peter Maurin[3]. Jana zog ihn nicht nur durch die Bücher auf ihrem Tisch an (die Manifeste des Distributismus[4] und des Personalismus[5] sowie Harold Robbins’ Sun of Justice[6]), sondern auch durch ihren Stil: ihre gemusterten farbigen Kleider, die langen Halsketten und Ohrhänger, die sie schmückten, und die ornamentierten Bänder in den roten Locken. Aus kurzen Pausengesprächen entwickelte sich schließlich eine Freundschaft oder mehr.

Der folgende Dialog soll am Vorabend des Pfingstfests während eines Kurzurlaubs im ehemals ungarischen Seehafen Rijeka (heute Kroatien) auf der Terrasse der Konoba Fiume geführt worden sein, wo istrischer Teran-Rotwein und Sliwowitz als Begleitung zu Manestra-Suppe, Fuži-Nudeln und gegrilltem Lamm mit Bitterkräutern auf den Tisch kamen, während über der Bucht die Sonne unterging.

Und ein wunderschöner Knabe
Schifft hoch über Tal und Kluft,
Rührt mit seinem goldnen Stabe
Säuselnd in der lauen Luft.

Und in wunderbaren Weisen
Singt er ein uraltes Lied,
Das in linden Zauberkreisen
Hinter seinem Schifflein zieht.
[7]

„Laut Pascal kommt das ganze Unglück der Menschen daher, daß sie nicht zu Hause bleiben können. Welches Glück bringt uns Rijeka?“, eröffnete Mikko das Tischgespräch.

„Wir sehen die Welt in einem anderen, einem mediterranen Licht. Es ist nicht nur die Sonne, es sind auch die Dinge, die darin erscheinen: die Gebäude der Stadt, ihre Pracht und ihr Verfall, ihre melancholisch-morbide Brüchigkeit, für die wir Rijeka besonders lieben; ihre Pflanzen; vor allem natürlich das Meer. Und für die anderen Sinne gibt es den Geruch der Kiefernwälder und Zypressenhaine, die Meeresbrisen, das Rauschen der Wellen und die Schreie der Möwen. So verschiebt sich unsere Wahrnehmung leicht, und mit ihrer Öffnung für neue Eindrücke können auch unsere Gedanken neue Richtungen und Wege einschlagen. Wir werden zwar nicht frei, das wäre zu viel gesagt und zu pathetisch, aber wir bekommen es mit neuen Möglichkeiten zu tun, die wir ergreifen könnten.“

„Mich beruhigt es außerdem, auf die See zu sehen. Es ist ein Fenster in die Unendlichkeit.“

O daß mein Sinn ein Abgrund wär, und meine Seel’ ein weites Meer, daß ich Dich könnte fassen.[8]


Gottesreich statt Staatsherrschaft

„Für Berdjajev“, sprang Mikko nun zum Titel, „ist Herrschaft die größte Versuchung in der menschlichen Geschichte, in ihr liegt die größte versklavende Kraft.[9] Jesus Christus widerstand dieser Versuchung – um den Preis des Kreuzes. Nach seinem Gebot darf niemand über andere herrschen. Zum großen Unglück sind ihm die wenigsten Christinnen und Christen gefolgt, stattdessen sind sie vor den säkularen Autoritäten auf die Knie gefallen; statt das Kreuz auf sich zu nehmen haben sie sich der Krone gebeugt. Der vollkommene Zustand des Gottesreiches aber ist Herrschaftslosigkeit.“

Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. (Evangelium nach Matthäus 20,25-28)

„Jesus bildete eine neue Gesellschaft innerhalb der Hülse der bestehenden. Seinem Ruf zur metanoia, zum Umdenken, zur Umkehr wird immer nur eine Minderheit folgen, eine messianische Pioniergemeinde, die das Reich Gottes sucht, statt dem Mammon zu dienen. Wie die christliche Urgemeinde inmitten des heidnischen Materialismus des Römischen Imperiums. Sie will nicht politische und wirtschaftliche Herrschaft übernehmen, sie verzichtet auf Macht und Gewalt. Sie darf, kann und will Veränderung nicht erzwingen, sondern sie lebt ein Angebot. Sie will das Stücklein Sauerteig sein, das schließlich das gesamte Mehl durchsäuert.[10] Ausgehend von überschaubaren solidarischen Gemeinschaften, die dem Evangelium folgen, versucht sie die soziale Ordnung zu reorganisieren, Ungleichheiten aufzuheben, Eigentum in den Dienst am Gemeinwohl zu stellen. Da dieses Konzept die Privilegien der dominanten Klasse bedroht, muß es mit Widerstand rechnen ‒­ bis hin zur Kreuzigung. Ein sozial konsequentes Christentum wird immer eine Oppositionsbewegung gegen die Welt sein, Verfolgung ein Zeugnis seines Erfolgs.“


Distributismus

Jana stimmte nickend zu und formulierte als Antwort ein sozioökonomisches Manifest im Geist des Distributismus. „Die Überwindung der Ausbeutung von Natur, Menschen und Ländern soll das Ziel sein. Als Erstes die Kontrolle zurückgewinnen über das unmittelbar Lebensnotwendige. Wasser, Nahrung, Kleidung, Wohnung. Grund und Boden können keine Ware sein, deren Preis der Markt festlegt und mit denen Spekulation getrieben wird. Die gesellschaftliche Herrschaft des Eigentums wird gebrochen, Privateigentum bleibt jedoch bestehen. Die Produktionsmittel sollen genossenschaftlich genutzt und zu Gemeinschaftseigentum werden. Produzierende und Konsumierende schließen sich zusammen. Landwirtschaft und Industrie richten sich an lokalen Bedürfnissen aus, nicht an maximalem Gewinn im globalem Warenverkehr. Produziert wird, um bestehenden Bedürfnissen zu entsprechen, nicht um den Markt mit Gütern zu fluten, die niemand braucht. So brechen wir aus der Wachstums- und Konsumspirale aus und befreien uns von der Logik der Waren und der Akkumulation und von den Bewußtseinsdeformationen, die dieser Logik folgen.“

Als sie diese Deformationen erwähnte, dachte Mikko an ein Gespräch, dessen Ohrenzeuge er an einem Freitagvormittag in der Sauna des Vierordtbads geworden war: eine junge Frau beklagte sich bei ihrer Freundin, wie viel sie schon in die Beziehung mit ihrem Partner „inveschtiert“ und wie wenig sie dagegen herausbekommen habe … Menschen behandeln einander wie Geldanlagen, die Rendite abwerfen müssen. Oder wie Konsumgüter, die beiseite gelegt werden, wenn sie nicht (mehr) so funktionieren wie erwartet oder kalkuliert. Die weggeworfen werden, wenn man ihrer überdrüssig geworden ist.

„Die frei werdende Zeit können die Menschen für Wichtigeres einsetzen, fürs Denken und für die Künste, für Gott, Freundschaft, Liebe. Für die Revolution des Herzens, eine permanente Revolution“, deklarierte Jana weiter ihre Utopie. „Die Menschen, die den Gewinn erwirtschaften, werden darüber entscheiden, wie er verteilt wird. Ihr Ziel wird nicht die Bereicherung einzelner sein, sondern der allgemeine Wohlstand, ein würdiger materieller, intellektueller und moralischer Lebensstandard, ein menschengerechtes und gottgefälliges Leben für alle, durch Kooperation statt Konkurrenz.“

Hier hakte Mikko ein. „Es liegt nämlich keineswegs in der Natur der Menschen, wie es uns die bürgerliche Wirtschaftslehre weismachen will, nur in Konkurrenz zueinander Außerordentliches und Innovatives zu vollbringen, um es dann auf Märkten feilzubieten. Der freie Wettbewerb der Kräfte ist die verschmutze Quelle, der alle Irrtümer der individualistischen Wirtschaftslehre entsprangen, schrieb Pius XI. Er habe zu seiner Selbstaufhebung geführt: an die Stelle der freien Marktwirtschaft sei die Vermachtung der Wirtschaft getreten.“[11]


Personen statt Individuen

… gab Jana als Parole aus.

„Könntest du für die Leserinnen und Leser unseres Dialogs kurz definieren, auf welches Konzept der Person du referierst?“, bat Mikko.

„Eine Person ist eine geistige Realität, ausgezeichnet durch Vernunft und Ganzheit. Sie steht dem transzendenten Ganzen, das Gott ist, gegenüber. Die Würde der Person ist begründet in ihrer direkten Beziehung zum Ihm, in dem allein sie ihre Erfüllung finden kann. Sie hat keinen Vorgesetzten außer Gott. Sie weiß, daß sie ihm mehr gehorchen muß als Menschen.[12] Nicht sie ist für den Staat da, sondern der Staat für sie. Er sollte sie zum richtigen Gebrauch ihrer Freiheit befähigen, zur Hinordnung der Freiheit auf das Gemeinwohl. Er sollte ihre Selbstwirksamkeit anerkennen, ihre Verantwortung für die Allgemeinheit ermöglichen und ihrer Entwicklung dienen, die der Maßstab ist und der letztendliche Zweck der Zivilisation (nicht die Ruhigstellung der Menschen mit Brot und Spielen, Bürgergeld und Fußball).“

„Zu vermeiden gilt es“, fuhr Jana in ihrem Text fort, „sowohl die Vergötzung des Individuums im Namen der Freiheit als auch die Unterwerfung der Person unter den Staat. Denn es ist, wie der von dir vorhin zitierte Papst bemerkte, eine Ungerechtigkeit und eine Störung der richtigen Ordnung, wenn einer größeren und höheren Institution zugewiesen wird, was kleinere und untergeordnete Gemeinschaften bewirken und erfüllen können. Konsequente Subsidiarität unterminiert den souveränen Staat, diese Negation der Person. Der Staat ist am besten regiert, der am wenigsten regiert, und die beste Regierung ist Selbstregierung. Idealerweise braucht’s den Staat nur für Ausnahme- und Notfälle.“


Leviathan und die Reichen

Die Sonne war ins Meer gestürzt, die zuerst zartrosa, dann glutgolden leuchtenden Ränder der Wolken waren ausgebrannt. Die See war blaß und luftig geworden wie der Himmel, der Himmel dunkel und klar wie die See. Atemzüge einer mediterranen Frühsommernacht betörten die Sinne. Die Utopien fuhren schräg vorbei. Das Licht der Kerze auf dem Terrassentisch zeichnete scharfe Kontraste zwischen warmen hellen und dunklen schattigen Stellen auf Janas Gesicht. Seine diffuse Schönheit drang zusammen mit der fast euphorischen Kraft ihrer Worte. Mikko war, als würden weißglühende Kohlen durch kräftige Windstöße angefacht. Zur Abkühlung flüchtete er sich in eine antietatistische und antikapitalistische Tirade.

„Macht, Herrschaft über andere, stolze Größe sind von der christlichen Moral verpönt, dem Staat aber erlaubt, ja sogar anempfohlen. Der verabsolutierte Staat, der neuzeitliche Zentral- und Nationalstaat, der Machtstaat, muß immer ein Leviathan, ein Ungeheuer sein, weil er in Angelegenheiten eindringt, für die er nicht zuständig ist, und sie zu beherrschen sucht. Nach innen wie nach außen vertritt er mit Gewalt menschenfeindliche Interessen, nämlich die egoistischen Interessen der Wirtschafts- und Finanzoligarchie, die sich die Kontrolle über ihn verschafft hat, um seine Ressourcen und seine Macht für ihre ökonomischen Kämpfe einzusetzen. Pius XI. diagnostizierte mit deutlichen Worten, daß der Staat, der frei von jeglicher Parteilichkeit auf die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl ausgerichtet sein sollte, zum willenlosen Sklaven geworden sei, menschlicher Leidenschaft und Gier ausgeliefert. Die heutigen kapitalistischen Staaten stellen den schützenden Rechtsrahmen und die Infrastruktur, damit das Kapital der transnationalen Konzerne ungehindert um den Globus zirkulieren kann. Es ist ihr oberster Wille, daß sich ihre Konzerne Absatzmärkte erschließen und durch Ausbeutung der Arbeitskraft im Süden und Osten ihre Gewinne steigern. Dazu schrecken sie auch nicht zurück vor dem Ruf nach Kriegstüchtigkeit (wo doch Friedfertigkeit geboten wäre). Ihre Kriege werden aber immer mit dem Einsatz für höhere Werte gerechtfertigt: die NATO verhinderte einen Völkermord im Kosovo, die USA kämpften mit ihrer ‚Koalition der Willigen‘ gegen Massenvernichtungswaffen im Irak, in Afghanistan verteidigte die Bundeswehr ‚unsere‘ Freiheit, jetzt macht das für ‚uns‘ die ukrainische Armee gegen Russland – alles Wahn und Schein.“

Gewiß tragen die Regierenden der Nationen eine nicht delegierbare Verantwortung. Ihnen rufen wir zu: Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden! Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an die Tische, an denen die Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden![13]

Jana signalisierte stellenweise mit einem leichten Kopfnicken oder mit einem Lächeln Einverständnis. So griff Mikko nun zu seinem Notizbuch, aus dem er folgendes Zitat vorlas.

Wenn ich mir daher all die Staaten ansehe, die heutzutage in ihrer Blüte stehen, dann kann ich in ihnen – so wahr mir Gott helfe – nichts als eine Verschwörung reicher Männer sehen, die ihre eigenen Interessen unter dem Mantel des Gemeinwohls verfolgen. Sie erfinden alle erdenklichen Mittel und Kniffe, die es ihnen ermöglichen, gefahrlos das zu behalten, was sie ungerechtfertigt zusammengerafft haben, und überdies die Armen zum geringsten Lohn für sich arbeiten zu lassen.

„Das stammt nicht etwa aus einer marxistischen Kampfschrift, sondern aus der Utopia des Heiligen Thomas Morus, geschrieben bereits im 16. Jahrhundert! Und Papst Leo XIII. stellte vor über hundert Jahren fest, daß wenige Reiche und Wohlhabende einer unendlichen Menge von Proletariern ein fast sklavisches Joch auferlegt haben; sein Nachfolger konstatierte vierzig Jahre später despotische Wirtschaftsmacht in den Händen einiger weniger, nämlich des Finanzkapitals.[14] In den Diagnosen der katholischen Sozialethik steckt Dynamit, das leider noch nicht gezündet wurde, wie es Peter Maurin in seinen Easy Essays formulierte. Die Welt braucht keine Egozentriker, die ihre Mitmenschen ausbeuten, sondern Theozentriker, die ihnen das Licht bringen.“

„Der Kapitalismus dagegen ist eine Krankheit des Eigentums“ , stieg Jana ein, „ist er doch auf Gier gegründet, auf Profitgier, die keine Grenze kennt. Geld wird aber niemals destruktiver eingesetzt als dafür, mehr Geld zu machen. Der Kapitalismus reduziert die Person zu einer mit ihrer Würde unvereinbaren Knechtschaft; indem er sie auf den Besitz orientiert, erwürgt er die Seele. Nehmen statt Geben, Zerquetschen statt gegenseitiger Hilfe, Verschlingen statt Nähren, Beherrschen statt Dienen, Selbstbereicherung statt Selbstentäußerung.“

„Machen wir uns keine Illusion über die Reichen“, fuhr sie fort, „freiwillig werden sie nie teilen. Zu ihrem langen Sonntag darf sich nicht dazugesellen, wer nicht Ihresgleichen ist – das demonstrieren sie, falls nötig, auch mit Waffengewalt. Um zu behalten, was sie erbeutet haben, benutzen sie alle Mittel, die ihnen der Staat zu benutzen erlaubt. Die Finanzoligarchie und ihre Institutionen und Handlanger sind bereit, die Erde und die Menschheit zu zerstören, um ihren Besitz zu erhalten und zu mehren. Diese Rücksichtslosigkeit muß neutralisiert werden.“


Pfingsten auf dem Trsat – Feuer auf die Erde

An Pfingsten pilgerten M & J zur Basilika Unserer Lieben Frau von Trsat, wie seinerzeit Descartes auf dem Weg von der Küste, der über 561 Treppenstufen zur Wallfahrtskirche führt.

Kurzer historischer Abriß zur Wallfahrtskirche auf dem Trsat

Anfang des 12. Jahrhunderts errichteten die Kreuzfahrer in Nazareth die Verkündigungsbasilika, an der Stelle eines frühchristlichen Heiligtums, einer Grotte mit einem vorgebauten Steinhaus, wo die Gottesmutter Maria gewohnt und die Botschaft des Erzengel Gabriels empfangen haben soll. 1263 eroberten die islamischen Mamluken die Stadt und zerstörten auf Befehl ihres Sultans alle christlichen Kirchen, darunter auch die Verkündigungsbasilika. Die Ruine blieb weiter Wallfahrtsziel bis 1291, als Akkon, die letzte Bastion der Kreuzfahrer, fiel und sich die Christen aus dem Heiligen Land zurückziehen mußten; dabei wurden zahlreiche Reliquien nach Europa verschifft. So sollen die Steine des Hauses Mariens auf den Trsat ‒ einen der fünf Hügel, auf denen sich Rijeka hinter dem Meer erhebt ‒ gelangt sein, wo sie dann wieder zusammengesetzt wurden.

1294 wurde das Haus nach Loreto auf der gegenüberliegenden Adriaküste verfrachtet und dort mit der Basilika vom Heiligen Haus überbaut. Der Legende nach waren es Engel, die beide Transporte bewerkstelligten, den zum Trsat und den nach Loreto.

1367 schickte Papst Urban V. den Bewohnerinnen und Bewohnern des Trsat, um sie über den Verlust zu trösten, ein Gnadenbild, das dort seitdem verehrt wird.

Die Kirche, die das Bild beherbergt, auf dem die Gottesgebärerin ein bekleidetes Jesuskind in den Armen hält – der Legende nach ein Werk des Hl. Lukas, kunsthistorisch betrachtet aus der venezianischen Schule des 14. Jahrhunderts –, ist das älteste Marienheiligtum Kroatiens und ein bedeutendes Wallfahrtsziel, ein wichtiges Heiligtum auch für Seeleute auf der Adria, die sich dem Schutz Mariens als der stella maris anvertrauen.

1715 wurde das Bild nach einem vatikanischen Beschluss gekrönt, 1930 verlieh Pius XI. der Wallfahrtskirche den Ehrentitel einer Basilica minor.

Das Gnadenbild wird heute in der Schatzkammer des Franziskanerklosters aufbewahrt, auf dem Hauptaltar der Kirche befindet sich eine Replik.

Zu Pfingsten zelebrierten die Franziskaner ein lateinisches Choralhochamt, auch die Pfingstsequenz Veni, Sancte Spiritus wurde im Original gesungen. Beglückt von dieser Manifestation des katholischen Internationalismus und von der herben Majestät der gregorianischen Melodien, dadurch geöffnet für die himmlischen Sphären, an die der Gesang rührte, traten J & M vor das Portal, neben dem ein bemerkenswerter Bettler stand. Sein abgetragener, altmodisch fein gestreifter Anzug zeugte von Geschmack und Stil. Die derben Schuhe waren abgestoßen und abgelaufen, aber geputzt. Als Jana ihm eine Münze in seinen Hut mit der breiten Krempe warf, fixierte er abwechselnd sie und Mikko jeweils kurz mit einem stechenden Blick aus Augen von einem fast schmerzhaft strahlenden übernatürlich hellen Blau und sprach mit dunkelblau-sonorer Stimme leise, doch deutlich vernehmbar unter dem voluminösen weißen Schnurrbart, der seinen Mund verdeckte: „Rekao je Gospodin: Ignem veni mittere in terram et quid volo? Si iam accensus esset! Tout catholique a le droit et le devoir d’être un incendiaire.“[15]


[1] 1874–1948; Religionsphilosoph

[2] 1912–1994; Soziologe, Theologe

[3] 1877–1949; Sozialaktivist, Anarchist, Distributist; mit Dorothy Day Begründer des „Catholic Worker Movement“

[4] A. J. Penty: Distributism. A Manifesto. London 1937

[5] Emmanuel Mounier: Manifeste au service du personalisme. Paris 1936

[6] The Sun of Justice: An Essay on the Social Teaching of the Catholic Church [1938]. Agnus Dei Publishing 2014

[7] Joseph von Eichendorff: Abendständchen (1811)

[8] Paul Gerhardt: Ich steh an deiner Krippen hier (1653)

[9] O rabstve i svobode čeloveka [Über Knechtschaft und Freiheit des Menschen] (1939)

[10] Vgl. Evangelium nach Matthäus 13,33

[11] Enzyklika „Quadragesima anno“ (1931)

[12] Vgl. Apostelgeschichte 5,29

[13] Betrachtung von Papst Leo XIV. bei der Gebetsvigil am 11.04.2026, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-04/papst-leo-xiv-wortlaut-betrachtung-gebet-vigil-petersdom-frieden.html

[14] Enzyklika „Rerum Novarum“ (1891) / Pius XI., „Quadragesimo anno“

[15] Der HErr hat gesagt: Feuer auf die Erde zu werfen bin ich gekommen und was will ich? Daß es schon brenne! (Evangelium nach Lukas, 12,49) Jeder Katholik hat das Recht und die Pflicht, ein Brandstifter zu sein (Léon Bloy: Journal I. Hg. Pierre Claudes. Paris 1999. S. 540: L’Invendable [Der Unverkäufliche], 28.IV.1904).

Abbildung: Gnadenbild von Trsat (Photographie des Autors)

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