Ring des Fischers, einer imaginären Geschichte geheimer Gegenpäpste. Dasselbe gilt für Sieben Reiter verließen die Stadt - auch diese Reiter sind die Letzten ihrer Art, die dem unausweichlich scheinenden Verfall eines kleinen Landes auf den Grund gehen wollen.

 

Das religiöse Gespür des Autors macht sich in Die Axt aus der Steppe besonders in einem eindrucksvollen Exkurs bemerkbar, der ins ferne Japan führt. So habe man Ende des 19. Jahrhunderts bei Nagasaki "eigenartige christliche Gemeinden" gefunden - die zurückgingen auf eine lebendiges römisch-katholisches Bistum aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Diese dort hart verfolgten Christen überdauerten Jahrhunderte, doch ohne Priester gaben sie ihren Glauben nur mündlich weiter. Es blieben ihnen irgendwann nur noch halb oder kaum verstandene Worte, verballhorntes Latein, und Gesten - aber eben dies, so Raspail, war das Essentielle, was vom Glauben und der Sehnsucht nach dem Heiligen zeugte. Aber was geschah mit diesen im Geheimen lebenden Christen, die Raspail selbst noch 1956 selbst erleben konnte?

 

Sie wurden wenige Jahre später von der Konzilskirche erobert, man sandte ihnen, wie Raspail sarkastisch notiert, "echte Priester (...) vom allerneuesten Modell". Und während sie über Jahrhunderte ihre eigentümliche und selten vollzogene Liturgie feierten, ließen sie diese durch drei Späher absichern. Doch diese wurden nun abgeschafft - für Raspail ein schwerer Fehler angesichts der weiteren Entwicklung der Kirche: "Die Zeiten, in denen wir uns befinden, waren vielleicht nicht der richtige Moment, die Späher abzuschaffen, sie hätten ihren Dienst zum allgemeinen Besten wieder aufnehmen sollen."

 

Raspail phantasiert - ausgehend von einer Denkschrift seines Urgroßvaters aus dem Jahre 1843 - über die Abstammung seiner eigenen Familie von den Westgoten der Völkerwanderungszeit - doch von diesem Volk waren schon im frühen Mittelalter eigentlich keine Spuren mehr zu finden. Aber Raspail verfolgt nicht nur die vielleicht oder wahrscheinlich völlig verwehten Spuren dieser Westgoten, mit denen sich seine Familie identifizierte. Er läßt sich auch durch die berühmte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern von 451 südlich von Paris dazu inspirieren, nach den Spuren der damals zurückgebliebenen letzten Hunnen in Nordfrankreich zu suchen. Und hier nun läuft Raspail zu wahrhaft großer humoristischer Form auf, wenn er in dem entsprechenden Dorf nach den Hunnen fragt und Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Raspail kommentiert dann abschließend die These, durch die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern sei das Abendland gerettet worden, mit dem lakonischen Satz: "Bedauerlicherweise wurde die Arbeit nicht zu Ende gebracht. Ich fürchte, daß es in nächster Zeit erforderlich sein wird, sie wieder anzupacken."

 

Im weiteren Verlauf des Buches folgen andere bizarr wirkende Episoden, die z. B. den Napoleonischen Krieg in Rußland 1812 mit dem Rußlandeinsatz einer französischen Freiwilligeneinheit "gegen den Bolschewismus" im Zweiten Weltkrieg verbinden. Der letzte überlebende Veteran dieser Einheit, zugleich Feldwebel wie Priester, schildert Raspail seine eigenen Forschungen über in einem Wald in den Weiten Rußlands begrabene Franzosen, Forschungen, die ebenfalls den Charakter einer Obsession besitzen. Hier stammt alle Information aus Quellen zweiter Hand, weil Raspail selbst sich nicht auf den Weg in jenes ferne Dorf im Wald gemacht hat, wo angeblich Nachfahren jenes Kriegszugs von 1812 überlebt hatte. Und auch ein mysteriöser Prinz kann diesmal nicht weiterhelfen, der Verbindungen in alle Welt besitzt, mittels deren er eigentlich obskure Geheimnisse aufklären kann - so wie den Verbleib des Schwertes eines letzten Ainu aus Japan, der zum Sterben hoch in die Berge gegangen war, aber dort ohne sein Schwert gefunden wurde.

 

Schließlich führt Raspails Weg wieder nach Südamerika in die bolivianischen Anden. Hier sei die Stille das fünfte Element neben Erde, Wasser, Feuer und Luft: "Der Mensch lauscht in den Anden dem Wind wie der Stimme seines Schöpfers." In dieser Welt der Berge, die sich von der europäischen deutlich unterscheidet, schickte Raspail sich an, die letzten Überreste der Uru aufzuspüren, eines Stammes, der sich selbst für Halbgötter, nicht für Menschen hielt, gleichwohl oder eben deswegen von den umgebenden Stämmen massakriert, fast völlig ausgelöscht worden war.

 

In dem Bergdorf der Uru, bis zu dem ihn zwei Träger aus dem benachbarten Indio-Stamm der Aymara führten, in das er dann aber allein hineingehen mußte, findet Raspail auf dem Altar der verlassenen Kapelle ein vergilbtes und vom Regen aufgeweichtes Exemplar eines ethnologischen Buches über die Uru, in dem auch fünf Photographien der letzten Uru abgebildet waren. Vier dieser Bilder aber waren aus dem Buch entfernt und offensichtlich mit den Abgebildeten begraben worden. Für den fünften Mann, der ohne sein Bildnis bestattet wurde, vollzieht nun Raspail selbst die nötigen Riten - während in sicherem Abstand, wie von einem Tabu abgehalten, mit einer Mischung aus heiliger Scheu und Verachtung, das gesamte Dorf der Aymara das Ende der Zeremonie abwartet, mit dem der Untergang der Uru endlich und auch symbolisch hinreichend besiegelt war.

 

Mit dem ethnologischen Buch hat Raspail gleichsam auch die "Axt aus der Steppe" dieser letzten Uru beerdigt - jene Axt, die als Sinnbild für den Untergang von Kulturen steht. Die Axt aus der Steppe, so Raspail, bringe Unglück. Die Axt Raspails, zu der seine Reflexionen immer wieder zurückkehren, ist nicht die Waffe von Siegern, sie ist das Werkzeug der Besiegten.

 

Auch und gerade die Besiegten, die Versprengten, die Untergehenden, haben ein Recht auf Würde. Und so bleibt nach der Lektüre dieses eindrucksvollen Buches, das einen ganz eigenen Sog entfaltet, ein Gefühl der Melancholie, aber dieses Gefühl beherrscht den Leser nicht vollkommen. Denn man wird aufs neue empfänglich für die Spuren des Heiligen, die sich noch an den am weitesten entfernten Orten finden. Raspail war kein Wissenschaftler, kein Ethnologe - er weiß aber um die Spannung von wissenschaftlicher und romantischer Beziehung zu den Dingen, zu Völkern.

 

Die wissenschaftliche Betrachtungsweise hat ihr Recht, sie kann an manchem zweifeln, was in den Überlieferungen weitergetragen wurde. Aber auch wenn sie die Träume zerstört, welche die Völker selbst so wie auch der Reisende Raspail träumen, bleibt doch immer auch etwas vom Mythos zurück, den der Schriftsteller trotz aller Ironie weiterträgt, wenn nicht im Moment des Schreibens erst erschafft.

 

 

 

Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe. Reisen auf verwehten Spuren. Deutsch von Konrad Markward Weiß. Wien: Karolinger, 2019.

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