Zurück zur Wirklichkeit – zurück zu Platon und Aristoteles? Uwe Jochums Essay über die „rechte Wirklichkeit“

LOGBUCH CIII (4. November 2026). Von Daniel Zöllner |

Die Unterscheidung zwischen der rechten und der linken Seite des Spektrums der politischen Meinungen ist hochumstritten. Was heißt es überhaupt, „links“ oder „rechts“ zu sein? Wie und wo läßt sich die Trennlinie ziehen? Während gewisse Tendenzen des Zeitgeistes der politischen Rechten jede Existenzberechtigung absprechen, hat sich auf der rechten Seite des Meinungsspektrums eine sehr heterogene Vielzahl an Weltanschauungen und Grundausrichtungen versammelt: Anhänger Nietzsches, Kants und Heideggers, Neuheiden und Atheisten stehen neben Katholiken, Protestanten, Orthodoxen und zahlreichen weiteren Gruppierungen. Man liest Carl Schmitt, Ernst Jünger, aber (wesentlich seltener) auch Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard.

Gibt es so etwas wie ein weltanschauliches und philosophisches Grundprinzip, auf das sich die Rechte einigen könnte? Für Armin Mohler lag das Grundprinzip rechten Denkens im „Nominalismus“, also in einer Weltanschauung, die vom Konkreten, Individuellen ausgeht statt von Allgemeinbegriffen, Generalisierungen und Abstraktionen.[1] Eine Genealogie, die sich spätestens mit dem Buch Ideas Have Consequences (1948) von Richard Weaver in gewissen Kreisen etablieren konnte, sieht nun aber gerade in der „nominalistischen Wende“ der modernen Geistesgeschichte gewissermaßen den „Sündenfall“, der in letzter Konsequenz die Übel der Moderne zur Folge hatte, die da wären: Materialismus, Relativismus, ein übersteigerter Individualismus und das Zerbröckeln des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Mit seinem kürzlich erschienenen Essay Die rechte Wirklichkeit stellt sich Uwe Jochum in die Traditionslinie jener Denker, die in der spätmittelalterlichen Wendung zum „Nominalismus“ den Ursprung unserer gegenwärtigen Notlage ausmachen. Der Franziskanermönch Wilhelm von Ockham (1288–1347) habe die Sprache von der Wirklichkeit abgetrennt, so daß in letzter Konsequenz nicht mehr die Sachhaltigkeit des Gesagten entscheidend sei, sondern die Möglichkeit, durch das Gesagte über das Gegenüber Macht auszuüben. Jochum schreibt: „Der zeitgenössische Wokeismus ist daher nicht einfach ein Spleen weltfremder Universitätskreise, sondern eine direkte Konsequenz der seit dem Spätmittelalter laufenden Verschiebung der Wahrheitsfrage: weg von den Sachen und hin zur Sprache als dem eigentlichen Modus der Weltaneignung […].“

Es ist zweifellos richtig, daß die Gegenwart den manipulativen Mißbrauch der Sprache tausendfach kennt. Die Frage ist nur, ob wirklich die philosophische Weichenstellung Ockhams dafür verantwortlich zu machen ist. Schon 1983 sprach Wolfgang Hübener von einer „Nominalismus-Legende“,[2] und kürzlich hat Sebastian Ostritsch gegen eine Deutung wie die Jochums gewichtige Einwände erhoben.[3] Während Richard Weaver Ockham ohne echte Nachweise als einen der Hauptschuldigen hinstellte, hat sich Jochum die Mühe gemacht, durch Zitate aus den Werken des Franziskaners und aus der Sekundärliteratur seine Ansicht zu belegen, daß sich eine direkte Linie von Ockham zu Michel Foucault und Judith Butler ziehen lasse. Ob diese Nachweise wirklich überzeugend sind, muß vor dem Hintergrund von Ostritschs Differenzierungen zumindest fragwürdig scheinen.

Rechts sein heißt, sachgerecht zu sein

Doch auch unabhängig von der Frage, ob man seiner genealogischen Ableitung moderner Übel aus der nominalistischen Wende des Spätmittelalters zustimmt, entfaltet Jochums Essay eine grundsätzlich bedenkenswerte These. Diese ließe sich so formulieren: Rechts sein heißt, sich an der Wirklichkeit zu orientieren, es heißt, sachgerecht zu sein, zu denken und zu handeln. Für diese These beruft sich Jochum auf Josef Pieper.

Zu Recht weist Jochum darauf hin, daß die Moderne dazu neigt, den Konnex von Denken und Sein zu zerreißen, während die philosophia perennis der Antike und des Mittelalters von einem grundlegenden Zusammenhang zwischen dem menschlichen Geist und der Wirklichkeit ausging. Auch Jochums These, daß Gott als gemeinsamer Grund von Denken und Sein jenen Zusammenhang stiftet und fundiert, ist zwar alles andere als neu, aber weiterhin sehr bedenkenswert. Jochum schreibt: „Daß […] Denken und Sein zur Deckung gebracht sind, verdankt sich […] dem Umstand, daß beide einander nicht fremd sind, sondern in einem gemeinsamen Grund wurzeln, der von alters her ‚Gott‘ heißt und dafür sorgt, daß Denken und Sein ‚homolog‘ sind, d. h. einem gleichen Logos folgen. Sie sind in ihrem Grund eines Geistes.“

Es ist sehr lesenswert, wie Jochum anhand von Platon, Aristoteles und Thomas von Aquino Grundzüge einer realistischen philosophia perennis nachzeichnet, die auf dem grundsätzlichen Vertrauen in die menschliche Vernunft und deren Fähigkeit, in Kontakt mit der Wahrheit der Dinge zu kommen, beruht. Daß die Erkenntnis sowie die sprachliche Vermittlung erkannter Wahrheit „funktionieren“ kann, ist die Lehre, die Jochum aus seiner Lektüre klassischer philosophischer Texte zieht. Dabei schöpft Jochum aus den Quellen, zitiert direkt aus Übersetzungen von Schriften der genannten Philosophen und zieht souverän ausgewählte Sekundärliteratur heran. Auch die „Bösewichter“ Foucault und Butler kennt Jochum nicht nur vom Hörensagen; sie dürfen in Zitaten zu Wort kommen, frei nach dem altbewährten Rechtsgrundsatz: „Man höre auch die andere Seite.“

Jochum weist nach, „daß Platon und Aristoteles etwas Bahnbrechendes gelungen war: Sie hatten gezeigt, wie man im Denken und Sprechen den Weg zur Welt findet; indem man sachorientiert über Sachen spricht, treten in den sachgemäßen sprachlichen Differenzierungen die Sachen als das hervor, was sie von sich selbst her sind.“ Eine Rückbesinnung auf die grundlegenden Einsichten der Giganten der antiken Philosophie kann nach Jochum den Boden bereiten für eine Wiedergewinnung des Wirklichkeitskontakts – und es ist gerade dieser Wirklichkeitskontakt, dessen wir heute so verzweifelt bedürfen.

Die allgegenwärtige Tendenz zur „Beendigung allen Dialogs durch wissenschaftliche Expertokraten und woke Sensibilitätsexperten“ könne man durchbrechen, indem man eine Rückkehr zum echten, sachhaltigen sokratischen Dialog anstrebt. Im gemeinsamen Bemühen um Wahrheit, im Anhören und Abwägen der Aussagen und Argumente lasse sich der menschliche Geist in Einklang mit der Wahrheit bringen – so Jochum. Es stellt sich allerdings die Frage, ob eine Rückkehr zum sokratischen Dialog – jedenfalls gesamtgesellschaftlich betrachtet – nicht ebenso utopisch ist wie eine Verwirklichung des „herrschaftsfreien Diskurses“, den Habermas anstrebte.

Zumindest der einzelne kann aber versuchen, jenes Ziel zu erreichen, das Jochum benennt: „ein Handeln, das sein Maß an der Wahrheit und damit an den Sachen gefunden hat.“ Den letzten Satz von Jochums tiefgründigem Essay kann man deshalb nur unterstreichen und außerdem empfehlen, ihn zu beherzigen: „Wir müssen wieder lernen, rechtschaffen zu leben und verantwortungsvoll zu handeln; unser Leben muß wieder sachgerecht werden.“ Es mag aus „wertkonservativer“ Perspektive zwar fast banal erscheinen, Rechtschaffenheit und Verantwortung zu fordern; daß dieser Forderung allerdings eine tiefreichende Philosophie voraus- und zugrundeliegt, die weiter zu bedenken, zu entfalten, zu klären und zu verteidigen wäre – dies zu zeigen, ist das Verdienst Jochums.

Uwe Jochum: Die rechte Wirklichkeit (Reihe „Kaplaken“, Bd. 106). Schnellroda: Antaios 2026.


[1] Vgl. Armin Mohler: Die nominalistische Wende. Ein Credo. Schnellroda: Antaios 2025.

[2] Vgl. Wolfgang Hübener: Die Nominalismus-Legende. Über das Mißverhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit in der Deutung der Wirkungsgeschichte des Ockhamismus. In: Ders. / Norbert Bolz: Spiegel und Gleichnis. Festschrift für Jacob Taubes, Würzburg: Königshausen und Neumann 1983, S. 87–111.

[3] Vgl. Sebastian Ostritsch: Philosophischer Sündenfall? Scotus, Ockham und das Gespenst des Nominalismus. Communio Online, 22.6.2026: https://www.herder.de/communio/theologie/scotus-ockham-und-das-gespenst-des-nominalismus-philosophischer-suendenfall/

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