„Communio“ – Verteidiger des Zweiten Vatikanums

LOGBUCH CII (15. Oktober 2026). Von Sascha Vetterle |

Über sechzig Jahre nach seinem Ende wird noch immer über das rechte Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils diskutiert und auch gestritten. Stellt es einen Bruch mit der Tradition dar oder eine Erneuerung in Kontinuität mit der Überlieferung? Gilt der sogenannte „Geist“ des Konzils oder doch dessen Buchstabe? Diese Streitfragen sind auch verbunden mit zwei renommierten internationalen theologischen Zeitschriften: Concilium, gegründet unter anderem von Hans Küng, Karl Rahner und Edward Schillebeeckx, das bei diesen Fragen tendenziell die erste Option vertritt, und Communio, gegründet unter anderem von Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger, als intellektuelles Flaggschiff der zweiten Option.

Communio – die jüngere der beiden Zeitschriften, 1972 gegründet – ist inzwischen über fünfzig Jahre alt. Die australische Theologin Tracey Rowland – selbst dem Communio-Umfeld zugehörig – hat nun eine lesenswerte, aber leider bisher nur englischsprachig vorliegende Einführung in das Denken des mit der Zeitschrift verbundenen Netzwerks vorgelegt. Diese Einführung richtet sich insbesondere an die jüngere, durch Online-Debatten geprägte Generation.

In insgesamt zehn Kapiteln gibt sie einen Überblick über die von Communio-Gelehrten vertretenen Standpunkte zu Themen wie dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Schriftexegese, Traditionsverständnis, geweihtem Priestertum, aber auch Moraltheologie und Feminismus. Rowlands explizites Bestreben ist es, Lesern, die mit der Communio-Gedankenwelt noch unvertraut sind, diese zu erschließen und in ihnen Lust auf mehr zu wecken. Jedes Kapitel schließt daher auch mit einer umfangreichen Literaturliste für ein weiteres, vertiefendes Studium der zuvor behandelten Inhalte.

Grundlegend sind dabei die ersten beiden Kapitel. Während Kapitel 2 das „Gründertrio“ de Lubac, Balthasar, Ratzinger in den Grundzügen ihres jeweiligen Denkens vorstellt, ist Kapitel 1 der „Idee“ Communio gewidmet.

Schon in ihrem Vorwort macht Rowland deutlich, daß Communio nicht eine theologische Schule im klassischen Sinne sei, wie etwa der Thomismus oder der Scotismus. Viel eher handle es sich um eine „theologische Sensibilität“, eine bestimmte Weise, auf die Dinge des Glaubens zu schauen.

Treibende Kraft hinter dieser Bewegung war und ist nach Rowland das Streben nach Einheit und Gemeinschaft unter Katholiken in den innerkirchlichen Turbulenzen der nachkonziliaren Ära. Diese Einheit mußte für die Communio-Denker dabei zuerst eine geistliche und sakramentale sein und erst dann auch eine durch die intellektuelle Tätigkeit geförderte. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, zu lesen, daß gerade auch die in Communio-Kreisen geschmiedeten Freundschaften eine wichtige Komponente des spezifischen Communio-Stils wurden.

Das für den Communio-Kreis typische Mühen um Einheit in Vielfalt äußert sich nach Rowland in einer Kombination aus Treue gegenüber dem Lehramt der Kirche bei gleichzeitiger Berücksichtigung der verschiedenen Sensibilitäten nationaler Kulturen, wie sie noch heute in den verschiedenen nationalen Ausgaben der Zeitschrift zum Ausdruck kommt, in Deutschland aktuell unter der Herausgeberschaft von Prof. Jan-Heiner Tück, Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und anderen. Der inhaltliche Fokus von Rowland liegt dabei auf der englischsprachigen Ausgabe.

Inhaltlich konzentrierte und konzentriert sich Communio auf eine trinitarische und christozentrische Theologie sowie auf ein Primat der Gnade. Die Kirchenkrise wird dabei als Folge einer Kulturkrise bzw. genauer einer regelrechten Kulturrevolution gesehen. Charakteristisch für Communio war daher von Anfang an ein multidisziplinärer Ansatz unter bewußtem Einschluß kultureller sowie ethisch-sozialer Fragestellungen – inklusive der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen sozialen Themen aus der Perspektive einer dezidiert katholischen Weltanschauung. Anders als die stark (neu-)thomistisch geprägte Neuscholastik war es dabei das Bestreben, aus dem ganzen Reichtum der kirchlichen Tradition zu schöpfen. Hier wird das Herkommen der Gründergestalten aus der „Nouvelle Théologie“ mit ihrem Interesse an „Ressourcement“, einer Rückkehr zu den Quellen kirchlicher Theologie, besonders deutlich.

Die Communio-Gründer zählten damit noch vor und während des Konzils zu jenen Reformern, die vom Lehramt zunächst durchaus kritisch beäugt worden waren. Nach dem Konzil galten sie hingegen als „konservative“ Verteidiger des Konzils – sowohl gegenüber dessen „traditionalistischen“ Kritikern als auch gegenüber dessen „modernistischen“ falschen Freunden. Mit dem Pontifikat Johannes Pauls II. fand die Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils, welche die Communio-Gründer vorgelegt hatten, lehramtliche Anerkennung von höchster Stelle, noch ehe mit Joseph Ratzinger einer der ihren selbst den Stuhl Petri besteigen sollte. Allen, die noch nicht mit dieser theologischen Sensibilität vertraut sind und gerne mehr über sie erfahren möchten, sei daher wärmstens diese interessante Einführung empfohlen – bis auf weiteres leider entsprechende Englischkenntnisse vorausgesetzt.

Tracey Rowland: Introducing Communio Theology, Word on Fire Catholic Ministries, Elk Grove Village Illinois USA 2025.

Abbildung: Hans Urs von Balthasar, einer der führenden Köpfe der Zeitschrift Communio (Wikimedia Commons)

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